Forschen im Dschungelcamp

Sebastian Brill vom Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie untersucht an der Atto-Forschungsstation im Amazonas, wie Pilzsporen und andere biologische Partikel die Wolkenbildung in der Atmosphäre beeinflussen. Der Wissenschaftler erzählt vom Leben in einem Regenwaldcamp, wo Brüllaffen die Bäume bevölkern und in der Dusche mit Kaimanen zu rechnen ist.

Schwer vorstellbar, aber Pilze sind für den Amazonas-Regenwald tatsächlich überlebenswichtig. Nur dadurch, dass sie mit ihrem mikroskopisch feinen Netzwerk Mineralstoffe im Boden verfügbar machen, können die Urwaldbäume dort überhaupt wachsen. Und das ist noch nicht alles: Ein einzelner Pilz kann Zigtausende Sporen in die Luft abgeben – pro Sekunde! Die winzigen Partikel werden unter günstigen Bedingungen bis hoch in die Atmosphäre emporgetragen. Dort wirken sie als Kondensationskeime für Wolken, die für Regen sorgen. Pilze spielen also auch eine wichtige Rolle im Wasserkreislauf der Amazonasregion. In meiner Doktorarbeit untersuche ich den Transport von Pilzsporen und anderen biologischen Partikeln in der Atmosphäre und analysiere ihre chemische Zusammensetzung, um ihre Effekte im Detail zu verstehen.

Die Atto-Station bietet dafür ideale Bedingungen: Atto steht für „Amazon Tall Tower Observatory“ und ist ein deutsch-brasilianisches Forschungsprojekt mitten im Regenwald. Bis zur nächsten großen Stadt Manaus sind es 150 Kilometer Luftlinie – oder eine Halbtagesreise mit dem Auto und im Boot. Fernab der Einflüsse menschlicher Zivilisation können Forschende auf der Station untersuchen, wie sich Wald, Boden und Atmosphäre gegenseitig beeinflussen.

Herzstück von Atto ist ein 325 Meter hoher Stahlturm. Er ist mit Messapparaturen bestückt, die meteorologische, chemische und biologische Daten aufzeichnen. Einige Geräte sind sogar an einem Aufzug montiert, der ständig hinauf- und wieder hinunterfährt. Damit können wir Höhenprofile erstellen. Eine Wendeltreppe führt über 1500 Stufen bis zur obersten Plattform. Wer auf dem Turm arbeiten will, muss zuerst ein dreitägiges Sicherheitstraining absolvieren. Auch Helm und Klettergurt sind Pflicht. Im feuchtheißen Klima die endlose Treppe hinaufzusteigen ist mühsam, doch müssen die Filter für die Partikelproben täglich gewechselt, Geräte regelmäßig gewartet und oft auch repariert werden. Und die Anstrengung lohnt sich jedes Mal: Von dort oben über das Meer von Baumkronen zu schauen ist einfach fantastisch! 

Die Station bietet Platz für 15 bis 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. In rustikalen Holzhütten mit Blechdach sind eine Küche, ein Speisezimmer, mehrere Sanitärräume und ein gemeinsamer Schlafraum untergebracht. Geschlafen wird in Hängematten. Das ist hygienischer als auf Matratzen und schützt zudem vor Spinnen und Schlangen, die sich nachts in die Station verirren könnten. Es gibt auf dem Gelände auch eine kleine Autowerkstatt, die abends als Fitnessraum genutzt wird. Auch Badminton und Beachvolleyball sind bei den Forschenden beliebte Sportarten.

Das sportliche Highlight aber findet sonntags statt: Am Flussufer, circa 15 Kilometer von der Station entfernt, liegt eine kleine Siedlung, mit Kirche, Schule und – typisch brasilianisch – einem Fußballplatz gleich außerhalb der Ortschaft. Dort verabreden sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Männern und Frauen aus dem Dorf zum gemeinsamen Turnier. Das macht nicht nur Spaß, sondern stärkt auch die Beziehungen zu den Leuten vor Ort. Wurden die Forschenden der Atto-Station anfangs noch mit Argwohn betrachtet, gehören wir mittlerweile gewissermaßen zum Inventar. Man passt aufeinander auf und hilft sich gegenseitig. Es waren auch schon Lehrer der umliegenden Schulen bei uns zu Besuch, um zu erfahren, was wir so machen, oder Atto-Forschende haben Workshops für Schülerinnen und Schüler organisiert.

Für alle, die Tiere lieben, ist die Station ein Traum! Es gibt dort Vögel, Spinnen und Insekten in sämtlichen Formen und Farben – gefühlt alle dreimal so groß wie diejenigen zu Hause. Aus den Bäumen rufen Brüllaffen, und zwischen den Gebäuden laufen Agutis herum – schlanke, hochbeinige Nager, die mit den Meerschweinchen verwandt sind. Immer in der Regenzeit haben wir auf dem Stationsgelände sogar einen kleinen Kaiman, der tagsüber in einer Pfütze herumliegt und sich nachts manchmal in die Dusche verirrt. Mein eindrucksvollstes Erlebnis aber war die Begegnung mit einem Jaguar: Gemeinsam mit einem Begleiter war ich in der Nähe des Turms im Wald unterwegs. Wir hatten auch einen Hund dabei. Der passte wohl ins Beuteschema des Jaguars und hatte ihn angelockt. Eine gefühlte Ewigkeit standen wir der großen Raubkatze in wenigen Metern Entfernung gegenüber, bis sie im Unterholz verschwand. Seither bringen die Forschenden keine Hunde mehr mit auf die Station.

 

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