Mit internationaler Zusammenarbeit zwei Krisen in der psychologischen Forschung überwinden
Start eines deutsch-namibischen Forschungsprojektes am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Auf den Punkt gebracht
- Internationales Studierendenaustauschprogramm: In einem neuen Forschungsprojekt, das von der Max-Planck-Förderstiftung finanziert wird, bringt die Abteilung für Vergleichende Kulturpsychologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie junge Forschende aus Deutschland und Namibia zusammen. Gemeinsam wollen sie drängenden Fragen der frühkindlichen Entwicklungspsychologie nachgehen.
- Die psychologische Forschung besser machen: Ziel des Projekts ist es, die Glaubwürdigkeit und Relevanz der psychologischen Forschung zu verbessern. Es soll zu einem vielfältigeren und integrativeren Verständnis der menschlichen Psychologie beitragen sowie Nachwuchswissenschaftler:innen Weiterbildungsmöglichkeiten und die Chance zum kulturellen Austausch bieten.
Im Mittelpunkt des Projekts steht die Auseinandersetzung mit zwei fundamentalen Krisen in der wissenschaftlichen Grundlagenforschung. Die erste ist die so genannte Replikationskrise. In der Wissenschaft bedeutet „Replikation“, dass ein Forschungsteam die Studienabläufe eines anderen Teams nachstellt, um die Robustheit der veröffentlichten Ergebnisse zu bestätigen. Können die Ergebnisse nicht repliziert werden, weist dies möglicherweise auf ein inhärentes Problem hin. Eine solche Situation konnte in der psychologischen Grundlagenforschung beobachtet werden – viele zunächst signifikante Effekte konnten in späteren unabhängigen Studien nicht repliziert werden.
Die zweite Herausforderung ist die mangelnde Repräsentativität und Generalisierbarkeit der gewonnenen Daten. Die überwiegende Mehrheit der Proband:innen in psychologischen Studien stammt aus relativ homogenen soziokulturellen Gruppen – postindustriellen, urbanen, formal gebildeten westlichen Gemeinschaften. Ein umfassendes und verallgemeinerbares Verständnis der menschlichen Psychologie erfordert jedoch die Integration einer breiteren Palette kultureller und sozialer Gesichtspunkte.
Forschung globalisieren und validieren
Um den großen Herausforderungen in der Entwicklungspsychologie zu begegnen, leistet die Abteilung für Vergleichende Kulturpsychologie (CCP) am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie unter der Leitung von Daniel Haun Pionierarbeit. Insbesondere bei der Untersuchung der Replizierbarkeit und Generalisierbarkeit von Forschung zur kindlichen Entwicklung in verschiedenen Kulturen. Im Rahmen dieser Initiative verbringen namibische Studierende sechs Wochen in Deutschland, wo sie gemeinsam mit ihren deutschen Kommiliton:innen unter Betreuung von CCP- Forschenden Replikationsstudien konzipieren. Anschließend verbringt die gesamte Gruppe eine weitere Woche in Namibia, was den Studierenden aus beiden Ländern die einzigartige Gelegenheit bietet, den kulturellen Kontext und das Alltagsleben von Kindern außerhalb ihrer eigenen Lebenswelt kennenzulernen. Während dieses Besuchs halten die CCP-Forschenden auch Gastvorlesungen für Studierende und Mitarbeitende der University of Namibia, um den akademischen Austausch und den interkulturellen Dialog zu fördern.
Roman Stengelin, Projektleiter am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, erklärt: „Dieses Projekt ist ein wichtiger Schritt, um die Glaubwürdigkeit und Relevanz unserer Forschung zu verbessern. Gleichzeitig bietet es jungen Wissenschaftler:innen in Namibia und Deutschland wertvolle Möglichkeiten zur Weiterbildung und zum kulturellen Austausch.“
Namibische und deutsche Studierende arbeiten eng zusammen
Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine enge Zusammenarbeit mit namibischen Partnern entscheidend. Die Forschung wird in beiden Ländern gemeinsam durchgeführt, wobei die einzigartigen kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Wesley Pieters, Associate Professor an der University of Namibia und Co-Projektleiter, sagt: „Diese Kooperation bietet uns die einzigartige Möglichkeit, weltweit anerkannte Forschung in den Entwicklungswissenschaften zu betreiben und gleichzeitig wertvolle Kompetenzen bei unseren namibischen Studierenden aufzubauen.“
Über einen Zeitraum von fünf Jahren werden sich im Rahmen des Projekts jedes Jahr drei deutsche und drei namibische Forschende zusammenfinden. In Tandems werden sie versuchen, bereits publizierte Studien zu replizieren, um herauszufinden, ob die ursprünglichen Ergebnisse dem Test der Replizierbarkeit standhalten und ob diese Ergebnisse in unterschiedlichen kulturellen Kontexten Bestand haben.
Vielfalt in der Psychologie: Kultureller Austausch bereichert die Forschung
Das ambitionierte Projekt soll nicht nur die psychologische Grundlagenforschung voranbringen, sondern auch den beteiligten Nachwuchsforschenden wertvolle Einblicke und Erfahrungen vermitteln. „Kulturelle Perspektiven sind in Deutschland normalerweise nicht Teil des Psychologiestudiums – in Namibia schon eher“, sagt Roman Stengelin. „Mit diesem Projekt wollen wir den Studierenden an beiden Standorten ein besseres Verständnis dafür vermitteln, wie die Entwicklung von Kindern durch Kultur geprägt wird. Es geht nicht nur darum, die Teilnehmenden an unseren entwicklungspsychologischen Studien zu diversifizieren, sondern auch die Personen, die auf diesem Gebiet forschen. Mit Blick auf die Zukunft freuen wir uns darauf, das Projekt für weitere Fachkolleg:innen in Deutschland und anderen Ländern zu öffnen, die erste Schritte in kulturvergleichender Psychologie gehen wollen.“
Die erste Runde des Austauschprogramms fand Anfang 2025 statt. Die Teams untersuchten die (pro-)sozialen Reaktionen von Kindern in Kleingruppen. Die namibische Gesellschaft mit ihrer ethnischen, sprachlichen und wirtschaftlichen Vielfalt bietet einen idealen Rahmen, um die Replizierbarkeit und Generalisierbarkeit von Erkenntnissen zu untersuchen, die sonst üblicherweise in Deutschland und anderen westlichen postindustriellen Ländern gewonnen werden.
