Forschungsbericht 2024 - Kunsthistorisches Institut in Florenz - Max-Planck-Institut

Coded Objects

Coded Objects

Autoren
Meister, Anna-Maria
Abteilungen
Lise-Meitner-Forschungsgruppe „Coded Objects“, Kunsthistorisches Institut in Florenz – Max-Planck-Institut, Florenz, Italien
Zusammenfassung
Unsere Umwelt besteht aus gestalteten Objekten: Gestapeltes Papier auf dem Schreibtisch, Kaffeetassen daneben, Stühle,– sie alle prägen, wie wir die Welt berühren und betrachten. Sie sind mit Absicht geformte Materie, die die Spuren ihrer Entstehung tragen: Sie sind „kodiert“. Coded Objects will Methoden erarbeiten, ihre Form lesen und dekodieren. In einer Zeit, in der die Gestaltung von Information zu einer dominanten Triebkraft der Weltpolitik und -wirtschaft geworden ist, dürfen wir die formalen und materiellen Implikationen dieser Codes in Alltagsgegenständen nicht unbemerkt lassen.
 
Summary
Our environment consists of designed objects: paper stacked on desks, coffee cups next to them, chairs – they all shape the way we touch and look at the world. They are intentionally shaped matter that bear the traces of their creation: they are “coded”. Coded Objects aims to develop methods to read and decode their form. At a time when the designing of information has become a dominant force in world politics and economics, we cannot afford to ignore the formal and material implications of these codes in everyday objects.

Aus welchen Dingen entsteht die (Um)welt?

Unsere Umwelt besteht aus gestalteten Objekten: gestapelte Papierblätter auf dem Schreibtisch, Kaffeetassen daneben, Stühle, Türklinken, Fensterrahmen – sie alle, so unscheinbar sie auch scheinen mögen, prägen die Art und Weise, wie wir die Welt berühren und betrachten. Sie entstehen aber nicht zufällig, sondern sind mit Absicht geformte Materie: Wir nennen die Objekte, die wir betrachten, deshalb „kodiert“. Die Gruppe Coded Objects untersucht daher Gegenstände hinsichtlich ihrer Entstehung, Rezeption und Wirkung. Dabei nähern wir uns der Form des Objektes genauso wie der Form der Prozesse, die sie erzeugt haben – sowie auch den Prozessen, die von ihnen ausgehen.

Dabei ist coded keine abstrakte Technologie oder digitale Maßnahme, sondern die Unterstellung, dass alle in Gesellschaften produzierten Objekte durch kulturelle, soziale, technologische und ästhetische Prozesse programmiert wurden und die Spuren dieser Kodierung in sich tragen. Durch die Adaption von Herangehensweisen aus Feldern wie Anthropologie, Disability Studies, Wissenschaftsgeschichte, Architektur oder Ingenieurswissenschaften, aber auch durch experimentelle oder künstlerische Herangehensweisen entschlüsseln wir so Gegenstände aus diversen Epochen von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart und aus diversen Geografien von Indien über Europa bis Nordamerika. Seien es Glasobjekte aus präindustrieller Herstellung im Venedig des 17. Jahrhunderts, proto-digitale Prozesse in der Produktgestaltung der 1950er Jahre in Westdeutschland, Sammlungen diverser Objekte zur Herrschaftssicherung des Mogulreich der frühen Neuzeit oder die fragilen Archivalien benachteiligter Gruppen quer durch die Geschichte: Coded Objects – verstanden nicht als Kategorie, sondern als Methode der Brechung – hinterfragt die Rhetorik „neutraler“ Technologie oder immaterieller Prozesse. Stattdessen werden Umwelten als Ansammlungen scheinbar selbstverständlicher Objekte gelesen, historisch wie zeitgenössisch, um deren Entstehung und Effekte zu „dekodieren“.

Wie nähern wir uns am besten welchem „Ding“?

Um sich der Form der Dinge als Wissenskategorie zu nähern, testen wir in der Gruppe verschiedene Herangehensweisen. Als interdisziplinäre und intra-historische Gruppe mit Fallstudien verschiedenster Geografien und Epochen tragen wir die Instrumentarien unserer jeweiligen Fächer und Expertisen zusammen, um über deep und cross readings Erkenntnisse zu schaffen. Darüber hinaus testen wir auch Methoden aus anderen Disziplinen, um Objekte als dreidimensionale, materielle Wissensträger zu verstehen. Wir untersuchen also nicht nur historischen und zeitgenössischen Kontext und Produktionsbedingungen, sondern alternative Wissensformen: Wie kann man ein Objekt nonverbal beschreiben oder lesen? Wie kann man die Form und Funktion einer Tasse vermitteln, ohne sie zu sehen? Was verraten Form und Material über die Beteiligten am Produktionsprozess? So versuchen wir, methodische Zugänge zu erarbeiten und zu testen.

Auch im wissenschaftlichen Austausch führten wir Formate ein, die diskursiven Austausch erzeugen. Eines davon ist das dialogische Vortragsformat „It‘s a Match!“. Dabei handelt es sich nicht (nur) um wissenschaftliche Vorträge, sondern um ein inszeniertes Gespräch, ein Aufeinandertreffen zweier Menschen mit zwei unterschiedlichen Positionen. Manchmal ein blind date, manchmal ein erbitterter Wettstreit, manchmal ein überraschendes Gegenüber oder die perfekte Ergänzung: Bei diesen Begegnungen stellen die Rednerinnen und Redner zunächst jeweils ihre Sichtweise auf ein bestimmtes Thema oder Projekt vor, um dann mit dem Publikum über Divergenzen oder Zusammenstöße zu diskutieren. Die Gesprächsreihe zielt darauf ab, die Perspektiven auf historische Narrative zu brechen und schöpferische Prozesse zu rekonstruieren – von feurigen Meinungsverschiedenheiten bis zu harmonischen Affirmationen.

In der Workshop-Reihe „The Making Of…“ lassen wir unsere Gäste hinter die Kulissen ihres Schaffensprozesses diverser Produkte blicken: von Kunstwerken, von Texten, von Filmen oder von Gegenständen. Wie sind sie entstanden? Welche Hindernisse hatte wer zu überwinden? Welche Zwänge, Einschränkungen oder Widrigkeiten prägten den Prozess und (möglicherweise) das Ergebnis? Statt eines artist talk oder eines wissenschaftlichen Vortrags will diese Reihe die Prozesse des Machens, Formens und Gestaltens mit Erfahrungen aus erster Hand diskutieren. Der zweite Bestandteil der Reihe ist die tatsächliche Herstellung von Dingen durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das Diktum des Materials, die Demütigung durch einen Mangel an Fähigkeiten, die Entdeckung der Formfindung: All dies sind Formen des Wissens, die in der Gestaltung der Materie liegen. Indem wir von Expertinnen und Experten aus dem Handwerk, der bildenden Kunst, den Ingenieurswissenschaften, des Kochens oder der Pflege lernen, versuchen wir, uns in andere Formen des Wissens einzuarbeiten.

In Symposien und Workshops wie einer internationalen Konferenz zu Objects im Oktober 2024 arbeiteten wir zur Frage des „Wie“ statt des „Was“; durch die Kreuzung disziplinärer Expertisen förderten wir methodische Varianten einer object methodology. Wir untersuchten, wie ein Objekt auftaucht bzw. wie es wieder verschwindet, sei es materiell oder konzeptionell. Aber auch in der Kommunikation unserer Forschung erarbeitet die Gruppe alternative Wege, sich den Dingen zu nähern, zum Beispiel durch Installationen wie Hidden in Plain Sight: Durch Manipulation archivalischer Dokumente von Datenträgern zu scheinbar informationslosen Ölgemälden werden scheinbar stabile Wertesysteme in Archiven durch eine Umkodierung des Objektinformation ganz konkret hinterfragt.

All diese Versuche wollen eine Methode finden, die Objekte, die von Gesellschaften erzeugt werden und die andersherum Gesellschaften prägen, besser zu verstehen. Denn in einer Zeit, in der die Gestaltung von Information zu einer dominanten Triebkraft der Weltpolitik und -wirtschaft geworden ist, können wir es uns nicht leisten, die formalen und materiellen Implikationen dieser „Codes“ in Alltagsgegenständen unbemerkt zu lassen – genauswenig, wie sie als Locus potenziellen Widerstands zu ignorieren.

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