Forschungsbericht 2024 - Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
Wer besitzt Wissen? Globale Perspektiven auf Recht und Wissenschaft
Who owns knowledge? Global perspectives on law and science
„Es gibt nichts, was die Vorstellungskraft … und die Zuneigung der Menschen so sehr erregt wie das Recht auf Eigentum“, schrieb William Blackstone, der englische Jurist und einflussreiche Gestalter des englischen Common Law, im 18. Jahrhundert. Heute prägen Eigentumsdebatten die wissenschaftliche Arbeit grundlegend: Geistiges Eigentum (IP), Urheberrechte, Open Science, digitale Gemeingüter, kulturelles Erbe und Branding sollen Wissenschaft frei zugänglich, profitabel und nutzbar machen. Doch der freie Zugang zu Informationen, den die Wissenschaft benötigt, kollidiert oft mit persönlichen, gemeinschaftlichen oder ökonomischen Rechten und Interessen. Im Gegenzug führen sich wandelnde wissenschaftliche Praktiken zu neuen rechtlichen Rahmenbedingungen.
Die Abteilung „Artefakte, Handeln, Wissen“ am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte erforscht in interdisziplinären Arbeitsgruppen die globale Entwicklung von Eigentumsrechten an Wissen. Mit einem vergleichenden Ansatz zeigt sie, wie historische Dynamiken gegenwärtige und zukünftige Debatten um die Freiheit der Wissenschaft und das Konzept von Wissen als Eigentum beeinflussen können.
Eigentumsrechte an Wissen: Globale und historische Perspektiven
Regionale und historische Unterschiede prägen, wie Gesellschaften Eigentumsrechte an Wissen verstehen. Diese Unterschiede werden im modernen internationalen Recht jedoch oft nur selektiv berücksichtigt. Historische Forschungen im Bereich der Digital Humanities machen mittels computergestützter Methoden und digitaler Ressourcen sichtbar, wie regionalspezifische Strukturen bis heute Wissenskulturen und -politiken beeinflussen.
Ein historischer Vergleich auf globaler Ebene – von der Wissenskultur des klassischen China bis hin zu Entscheidungen des US-amerikanischen Supreme Court – offenbart, dass die Grundlagen für Eigentumsrechte an Wissen oft lange vor der Formulierung rechtlicher Rahmenbedingungen gelegt wurden. Das so entstandene Spannungsfeld zwischen „Wissen haben“ und „Wissen besitzen“ erfordert neue Perspektiven und Ansätze.
Kulturelles Erbe und digitale Technologien
Die digitale Informationsverarbeitung legt die Auswirkungen historischer Praktiken auf die Gegenwart offen. Wenn KI-Technologien Fakten dokumentieren und kulturelle Übersetzungen unterstützen, werden regionale Unterschiede in der Bewertung von Wissensarten zunehmend relevant.
Ein Beispiel ist die Lederherstellung: In der chinesischen Geschichtsschreibung galt sie als fremdländisch und wurde daher selten dokumentiert. Joseph Needham, ein britischer Biochemiker, machte sie in den 1950er Jahren als „Proto-Naturwissenschaft“ erstmals zum Thema wissenschaftlicher Forschung. Im Gegensatz dazu wurde Gerberei in Indien als Handwerk der niedrigsten Kasten betrachtet und vor allem soziologisch untersucht. Um der Reproduktion von Verzerrungen und Stereotypen vorzubeugen, analysieren Historikerinnen und Historiker, Anthropologinnen und Anthropologen, Soziologinnen und Soziologen mittels digitaler Forschungsmethoden verschiedene Wissensinterpretationen und zeigen deren politische und ökonomische Konsequenzen auf.
Regionale Verankerung von Wissen und Besitz in China
Trotz Chinas reicher materieller Kultur gibt es heute wenige Handwerke mit ungebrochener Familientradition. Diese Entwicklung geht, wie ich in meiner Forschung zeige, auf politische Debatten und bürokratische Praktiken des 14. Jahrhunderts zurück.[1][2] Nach der Mongolenherrschaft entschieden Schriftgelehrte, welche Talente und Errungenschaften dem Kaiser vorgestellt, in Steuerlisten geführt oder historisch dokumentiert wurden. Über die Jahrhunderte hinweg sorgte diese soziale Klasse dafür, dass neue Verfahren und Innovationen mit Regionen statt mit Individuen assoziiert wurden.
Diese regionale Verankerung prägt China bis heute. Erfinder sind selten dokumentiert, und selbst Kollektive können kaum historische Rechte an technischen Innovationen geltend machen. Demgegenüber konnte der chinesische Staat im 21. Jahrhundert erfolgreich Schutzrechte für „alte Marken“ wie Jingdezhen-Porzellan oder Shaoxing-Wein auf internationaler Ebene beanspruchen. Seit 2008 werden auch traditionelle Methoden der Lederherstellung als eigenes Kulturerbe gelistet.
Wissensproduktion, Eigentum und Biokapitalismus im KI-Zeitalter
Die Entwicklung von Gentechnologien verdeutlicht, wie sich verändernde Forschungspraktiken auf rechtliche Rahmenbedingungen zur Nutzung von Wissensbeständen auswirken. Insbesondere Genpatente zeigen die Instabilität von Eigentum im Biokapitalismus.[3] Bereits in den 1970er Jahren begann das US-Patentamt, Patente für DNA-Sequenzen zu vergeben. Doch die Wissenschaft wechselte zunehmend von biochemischen Analysen zur digitalen Modellierung. Durch diese Methoden erlangen Unternehmen automatisch Rechte an allen potenziellen Anwendungen der entschlüsselten Sequenz – selbst dann, wenn deren Funktion noch unbekannt ist. Algorithmen ersetzen zunehmend experimentelle Methoden, und KI-gestützte Computergrafiken modellieren Proteinstrukturen. Eigentum bezieht sich somit zunehmend auf die Kontrolle über mögliches zukünftiges Wissen.
Zwischen Besitz und Verwertung: Ethik und Verantwortung
Moderne Gesellschaftsordnungen basieren auf einer historisch gewachsenen, in der europäischen Aufklärung begründeten Trennung von „Wissen haben“ und „Wissen (rechtskräftig zu) besitzen“. Diese Unterscheidung hat weitgehende Konsequenzen: Zugang zu grundlegenden Informationen kollidiert mit Individualrechten. Wird wirtschaftlich verwertbares Wissen ausgebeutet, steht dies im Konflikt mit wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen.
Um das Fortbestehen und die Verschärfung von Ungerechtigkeiten zu verhindern, bedarf es einer globalhistorisch-kritischen Forschung zur Wissenschaftsentwicklung, die regionale Unterschiede sensibel berücksichtigt. Lokale Sozialstrukturen und Wissenskulturen müssen frühzeitig in Diskussion darüber einbezogen werden, wie welche Informationen verarbeitet werden, wem Wissen zugänglich gemacht wird und wie es genutzt werden kann. Damit ermöglichen wir eine gerechtere Wissensverteilung.
