Forschungsbericht 2024 - Max-Planck-Institut für demografische Forschung
Kinderbetreuung während der Pandemie: Studie offenbart erhöhte mentale Belastung von Müttern
Department of Sociology, Tilburg School of Social and Behavioral Sciences, Tilburg University, und Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) (Kühn)
In einem quasi natürlichen Experiment erlebten Eltern während der Covid-10-Pandemie den Super-GAU für den beruflichen Alltag mit Kindern. Von einem Tag auf den anderen fielen alle Betreuungsangebote weg: keine Schule, kein Kindergarten, keine andere Möglichkeit, die Kinder unterzubringen. Eine Mehrfachbelastung, die in den Familien vor allem von den Müttern getragen wurde. In unserer Studie „Lessons from the pandemic: Gender inequality in childcare and the emergence of a gender mental health gap among parents in Germany“ [1] haben wir untersucht, wie sich in Deutschland die Kinderbetreuungssituation während der Pandemie auf die mentale Gesundheit der Eltern ausgewirkt hat.
Wir haben uns angeschaut, wie die Kinderbetreuung in den Familien aufgeteilt wurde, als Schulen und Kindertagesstätten geschlossen waren. Wie sah das Betreuungsarrangement vor der Pandemie aus? Wurde die bewährte Aufteilung der Kinderbetreuung beibehalten oder hat sie sich während der Pandemie verändert?
Wir haben die persönliche Einstellung der Befragten zu Geschlechterrollen analysiert und so festgestellt, ob diese Einstellungen einen Einfluss auf die mentale Gesundheit von Eltern haben. Das heißt, wir haben untersucht, ob eine sich verändernde Aufteilung der Kinderbetreuung während der Covid-19-Pandemie unterschiedlich auf die mentale Gesundheit wirkt, wenn die Person die Aufgabe der Kinderbetreuung eher bei der Mutter sieht oder wenn sie beiden Elternteilen die gleiche Verantwortung zuschreibt.
Verwendet wurden Daten des deutschen Beziehungs- und Familienpanels (Pairfam), einer im Jahr 2008 gestarteten multidisziplinären Längsschnittstudie zur Erforschung partnerschaftlicher und familialer Lebensformen in Deutschland. Sie basiert auf einer Zufallsstichprobe, aus der wir n = 803 Mütter und Väter in Partnerschaften ausgewählt haben, die vor und nach dem Ausbruch der Pandemie (2018–2019 und 2020) befragt wurden. Wir haben Personen berücksichtigt, die mit dem anderen Elternteil der im Haushalt lebenden minderjährigen Kinder zusammenwohnen. Als mögliche Betreuungsarrangements wurde zum einen die Übernahme von mehr Betreuungsaufgaben durch ein Elternteil und zum anderen die gleichberechtigte Betreuung durch beide Elternteile betrachtet. Wir haben Regressionsmodelle erstellt, um zu untersuchen, ob Veränderungen in der geschlechtsspezifischen Ungleichheit in der Kinderbetreuung Veränderungen in der psychischen Gesundheit von Müttern und Vätern vorhersagen und ob die Einstellung zu Geschlechterrollen diesen Zusammenhang abschwächt.
Eltern in gleichberechtigten Partnerschaften sind resilienter
Für die meisten Eltern hat die Pandemie nicht viel daran geändert, wie sie die Kinderbetreuung aufteilen. Allerdings ist die zu verteilende Sorgearbeit während der Pandemie sehr viel mehr geworden. Am größten ist die Gruppe, in denen die Mutter schon vor der Pandemie den Hauptanteil der Sorgearbeit trug. Diese Mütter gaben an, während der Pandemie mehr Stress, größere Erschöpfung und mehr Einsamkeit zu fühlen. Auch Frauen, die vor der Pandemie eine gleichberechtigte Kinderbetreuung realisiert hatten und während der Pandemie den Großteil der Sorgearbeit übernahmen, erlebten eine vergleichbare Verschlechterung ihrer mentalen Gesundheit. Die Forscherinnen zeigen, dass dieser Zusammenhang vor allem für Mütter nachzuweisen ist, die der Ansicht sind, dass Mütter und Väter bezahlte und Sorgearbeit gleichberechtigt aufteilen sollten.
Während ihre Partnerinnen gesundheitliche Nachteile erfuhren, profitierten Väter, deren Partnerinnen in der Pandemie weiterhin mehr Kinderbetreuung leistet als sie, hingegen gesundheitlich. Diese Väter erlebten keine Veränderung ihrer mentalen Gesundheit und waren in einigen Fällen sogar weniger gestresst, weniger erschöpft und weniger einsam. Dies kann auch daran liegen, dass sie von zu Hause aus arbeiten konnten und damit ein unter Umständen langer Arbeitsweg wegfiel oder sie sich besser der Norm, Überstunden zu leisten, entziehen konnten. Gleichzeitig erlebten ihre Partnerinnen viele gesundheitliche Nachteile.
Nur 26 Prozent der Väter und 20 Prozent der Mütter gaben an, die Sorgearbeit vor und während der Pandemie gleichberechtigt zu verteilen. Diese Gruppe erfuhr während der Schulschließungen kaum Veränderungen in ihrer mentalen Gesundheit. Wir schlussfolgern daraus, dass die faire Aufteilung der Kinderbetreuung Mütter, aber auch Väter widerstandfähiger macht – trotz gewachsener Belastung.
Die Gesundheitskosten unzuverlässiger Kinderbetreuungsinfrastruktur
Die Ungleichbehandlung der Geschlechter bei der Kinderbetreuung ist ein Risikofaktor für die Gesundheit von Frauen – insbesondere in einer Zeit, in der sich Beschäftigungsmuster und Kinderbetreuungsangebote ändern. Die Covid-19-Pandemie ist eine wichtige Lektion: Entscheidungsträger sollten die unverhältnismäßig hohe Belastung von Müttern anerkennen, wenn institutionelle Kinderbetreuung und Schulbildung unzuverlässig sind. Dementsprechend muss die sich abzeichnende Krise der Kinderbetreuung in Deutschland und darüber hinaus aus einer geschlechtersensiblen Perspektive angegangen werden. Die Pandemie ist vorbei, trotzdem bleiben vielen Aspekte der Sorgearbeit, institutionell und familiär, unzuverlässig und ungleich verteilt. Viele Frauen und Männer erleben einen Widerspruch zwischen gewünschter und gelebter Realität und zerreiben sich daran, ihren Ansprüchen und denen ihrer Kinder und Arbeitgeber gerecht zu werden. Der bestehende Fachkräftemangel macht die institutionelle Kinderbetreuung unzuverlässiger und ruft eine Sorgekrise hervor, in der Frauen bereits die Leidtragenden sind und auf lange Sicht bleiben werden. Das gefährdet nicht nur die Errungenschaften hinsichtlich der finanziellen Unabhängigkeit von Frauen, sondern kostet sie auch Gesundheit. Mehr Gleichberechtigung innerhalb von Elternpaaren kann hier bereits zu einer großen Verbesserung der Situation von Müttern führen. Familien, vor allem Mütter, müssen aber auch strukturell besser unterstützt werden. Davon profitiert langfristig die gesamte Gesellschaft.
Literaturhinweise
DOI: 10.4054/DemRes.2024.51.3












