Abteilung für Pharmakologie, Wissenschaftliche Servicegruppe „Biomolekulare Massenspektrometrie“
Zusammenfassung
Ein Großteil der rund 6 Millionen Patienten in Deutschland, die an Diabetes Typ 2 leiden, sind übergewichtig. Die Wirkung von Insulin ist bei ihnen eingeschränkt. Die Ursache für diese Insulinresistenz wurde lange Zeit primär in stoffwechselaktiven Organen gesucht. Wir konnten nun zeigen, dass die Insulineffekte auf die innere Zellschicht von Blutgefäßen (Endothel) für die Insulinresistenz im Fettgewebe und der Muskulatur wichtig sind. Schlüsselmolekül hierbei ist das Hormon Adrenomedullin. Die Ergebnisse der Studie könnten Grundlage für ein neues Therapieprinzip bei Typ 2 Diabetes sein.
Summary
The majority of the approximately six million patients in Germany who suffer from type 2 diabetes are overweight. In these patients, the effect of insulin is reduced. The cause for this insulin resistance was for a long time primarily sought in metabolic organs. We have now been able to show that insulin effects on the inner layer of blood vessels (endothelium) are important for insulin resistance in adipose tissue and muscles. The key molecule here is the hormone adrenomedullin. The results of this study may be the basis for new therapeutic approaches to treat type 2 diabetes.
Einleitung
Aus unserem Essen gewinnt der Körper vor allem Zucker (Glukose) als Energie für den Stoffwechsel. Wenn nach der Mahlzeit der Blutzuckerspiegel ansteigt, sorgt normalerweise der Botenstoff Insulin aus der Bauchspeicheldrüse dafür, dass die Zellen den Zucker aufnehmen.
Nicht so bei Diabetes: Im Gegensatz zum Typ 1 Diabetes, bei dem ein Insulinmangel besteht, produziert die Bauchspeicheldrüse bei Typ-2-Diabetes zwar ausreichende Mengen dieses Botenstoffes. Auch die Rezeptoren, an die Insulin bindet, um seine Wirkung zu entfalten, sind vorhanden. Doch die Zellen reagieren nicht mehr auf das Insulin, sie sind insulinresistent geworden.
Bleibt der Blutzuckerspiegel auf Dauer erhöht, schädigt er Zellen und Blutgefäße. Auch das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Durchblutungsstörungen steigt. Der frühere Begriff "Altersdiabetes" gilt heute nicht mehr: es erkranken zunehmend auch junge Menschen.
Diabetes Typ 2 entwickelt sich in der Regel schleichend über mehrere Jahre. Neben der genetischen Veranlagung beeinflusst der Lebensstil, insbesondere das Ernährungs- und Bewegungsverhalten, das Erkrankungsrisiko. In neun von zehn Fällen einer Diabeteserkrankung, die auf Insulinresistenz basiert, sind die Patientinnen und Patienten stark übergewichtig. Doch wie löst Übergewicht die Insulinresistenz und damit Diabetes aus? Um diese Frage zu klären, hat sich die Forschung bislang vor allem auf zuckerverwertende Organe, wie die Leber, das Fettgewebe und Muskeln konzentriert, da ihre Zellen viele Rezeptoren für Insulin besitzen. Bislang ließen sich allerdings keine neuen Therapieansätze ableiten.
Mechanismen der Insulinresistenz
Wir haben uns auf eine andere Spur begeben und konzentrierten uns auf die innerste Schicht der Blutgefässe, das Endothel. Diese hauchdünne Schicht von Zellen kleidet alle Blutgefässe aus und besitzt ebenfalls viele Insulinrezeptoren. Das Endothel ist weit mehr als eine passive Barriere zwischen Blut und Gewebe: seine Oberfläche ist relativ gesehen riesig, und es bildet die Kontaktzone zwischen dem Blut und allen Organen.
Ob Muskeln, Fettgewebe oder Leber: Um seine Wirkung an den Gewebezellen zu entfalten, muss Insulin durch das Endothel. Bereits in den 90er Jahren vermutete man daher eine entscheidende Rolle dieser Grenzschicht als Vermittler der Insulinwirkung. Und tatsächlich steuert Insulin weit mehr als die Zuckeraufnahme durch Körperzellen.
Wenn es an Insulinrezeptoren der Gefäßwand von Muskeln oder Fettzellen andockt, kommt es zu einem besonderen Effekt: die Gefäße weiten sich und die Durchblutung der Organe nimmt zu. Dadurch gelangen sowohl Zucker als auch der Botenstoff schneller zu den “Verbrauchern”, wie Leber- und Muskelzellen. Außerdem vermitteln Insulinrezeptoren selbst zum Teil den Transport von Insulin über das Endothel zu den Gewebezellen. Dadurch wird die Gefäßwand durchlässiger für Insulin. Das heißt: im gesunden Organismus verstärkt das Insulin in der Gefäßwand seine eigene Wirkung. Doch welcher Mechanismus ist es, der durch Übergewicht aus dem Gleis gerät?
Das Hormon Adrenomedullin spielt eine wichtige Rolle
In „Knock-Out“-Experimenten identifizieren wir Wechselwirkungen, indem wir die Gene für einzelne Akteure gezielt ausschalten und die Effekte analysieren. Als wir im Rahmen unserer Grundlagenforschung die Wirkung des Adrenomedullin-Signalwegs in Endothelzellen im Reagenzglas (in vitro) untersuchten, stellten wir überrascht fest, dass die Hemmung dieses Signalwegs die Wirkung von Insulin im Endothel fördert. Es war bereits bekannt, dass Andromedullin-Spiegel auch bei übergewichtigen Menschen deutlich erhöht ist.
Abb. 1: Durchblutung der Oberschenkelmuskulatur der Maus, mit einer speziellen Kamera (laser speckle imaging) sichtbar gemacht. In gesunden, normalgewichtigen Mäusen führt Insulin durch Aktivierung seines Rezeptors auf der Innenseite der Blutgefäße (dem Endothel) zu einer erhöhten Durchblutung der Muskulatur (rote Färbung, Abbildungen links). Dadurch erreichen Insulin sowie Traubenzucker (Glukose) effizient die Zellen der Muskulatur, und Insulin fördert dort die Aufnahme von Glukose in die Muskelzellen. Dies hat eine Abnahme des Blutzuckerspiegels zur Folge. In übergewichtigen diabetischen Mäusen (mittlere Abbildungen) besteht eine erhebliche Insulinresistenz im Gefäßsystem, wodurch Insulin kaum noch einen Effekt auf die Durchblutung der Muskulatur besitzt. Diese Insulinresistenz im Gefäßsystem wird durch erhöhte Adrenomedullin Spiegel hervorgerufen. Wird der Adrenomedullin-Rezeptor in übergewichtigen, diabetischen Tieren ausgeschaltet (Abbildungen rechts), verliert Adrenomedullin seine Wirkung, und die Insulinresistenz nimmt deutlich ab. Insulin kann nun - wie im gesunden Zustand - eine deutlich erhöhte Muskeldurchblutung hervorrufen, was zu einer verbesserten Stoffwechsellage mit verringerten Blutzuckerwerten führt.
Abb. 1: Durchblutung der Oberschenkelmuskulatur der Maus, mit einer speziellen Kamera (laser speckle imaging) sichtbar gemacht. In gesunden, normalgewichtigen Mäusen führt Insulin durch Aktivierung seines Rezeptors auf der Innenseite der Blutgefäße (dem Endothel) zu einer erhöhten Durchblutung der Muskulatur (rote Färbung, Abbildungen links). Dadurch erreichen Insulin sowie Traubenzucker (Glukose) effizient die Zellen der Muskulatur, und Insulin fördert dort die Aufnahme von Glukose in die Muskelzellen. Dies hat eine Abnahme des Blutzuckerspiegels zur Folge. In übergewichtigen diabetischen Mäusen (mittlere Abbildungen) besteht eine erhebliche Insulinresistenz im Gefäßsystem, wodurch Insulin kaum noch einen Effekt auf die Durchblutung der Muskulatur besitzt. Diese Insulinresistenz im Gefäßsystem wird durch erhöhte Adrenomedullin Spiegel hervorgerufen. Wird der Adrenomedullin-Rezeptor in übergewichtigen, diabetischen Tieren ausgeschaltet (Abbildungen rechts), verliert Adrenomedullin seine Wirkung, und die Insulinresistenz nimmt deutlich ab. Insulin kann nun - wie im gesunden Zustand - eine deutlich erhöhte Muskeldurchblutung hervorrufen, was zu einer verbesserten Stoffwechsellage mit verringerten Blutzuckerwerten führt.
Wir machten die Effekte von Adrenomedullin und Insulin sichtbar, indem wir die Durchblutung der Muskulatur durch ein Laser-vermitteltes Verfahren mit einer speziellen Kamera aufzeichneten (Abb. 1). Im Gegensatz zu gesunden Mäusen führte die Gabe von Insulin bei diabetischen Mäusen mit Insulinresistenz nicht zur Erhöhung der Durchblutung.
Abb. 2: Mechanismus der vaskulären Insulinresistenz bei Adipositas. Das bei Adipositas im Fettgewebe vermehrt gebildete Hormon Adrenomedullin führt zusammen mit Complement Faktor H (CFH) zu einer Aktivierung des Adrenomedullin-Rezeptors (CALCRL/RAMP2) auf Endothelzellen von Blutgefäßen. Durch vermehrte Bildung von cAMP kommt es dann zur Aktivierung der Phosphotyrosin-Phosphatase PTP1B, die den Insulinrezeptor dephosphoryliert und dadurch inaktiviert. Dadurch verliert Insulin seine Wirkung am Endothel des Gefäßsystems. Es kann keine NO-vermittelte Relaxation der glatten Gefäßmuskulatur hervorrufen und damit die Durchblutung von Stoffwechselorganen wie des Fettgewebes und der Skelettmuskulatur erhöhen. Dieser Mechanismus führt zudem zu einer verminderten Insulin-Ausschleusung aus dem Blutgefäßsystem in die Stoffwechselorgane.
Abb. 2: Mechanismus der vaskulären Insulinresistenz bei Adipositas. Das bei Adipositas im Fettgewebe vermehrt gebildete Hormon Adrenomedullin führt zusammen mit Complement Faktor H (CFH) zu einer Aktivierung des Adrenomedullin-Rezeptors (CALCRL/RAMP2) auf Endothelzellen von Blutgefäßen. Durch vermehrte Bildung von cAMP kommt es dann zur Aktivierung der Phosphotyrosin-Phosphatase PTP1B, die den Insulinrezeptor dephosphoryliert und dadurch inaktiviert. Dadurch verliert Insulin seine Wirkung am Endothel des Gefäßsystems. Es kann keine NO-vermittelte Relaxation der glatten Gefäßmuskulatur hervorrufen und damit die Durchblutung von Stoffwechselorganen wie des Fettgewebes und der Skelettmuskulatur erhöhen. Dieser Mechanismus führt zudem zu einer verminderten Insulin-Ausschleusung aus dem Blutgefäßsystem in die Stoffwechselorgane.
Wenn wir bei übergewichtigen, diabetischen Tieren den Rezeptor für Adrenomedullin ausschalteten, konnte Insulin wieder wirken. Die Durchblutung erhöhte sich und damit die Zuckeraufnahme in die Zellen. Das Bild der Muskeldurchblutung bei solchermaßen behandelten Mäusen ist von dem gesunder Mäuse kaum zu unterscheiden.
Und schließlich konnten wir die zentrale Bedeutung von Adrenomedullin bestätigen, indem wir es gesunden, normalgewichtigen Mäusen verabreichten. Hier löste es trotz Normalgewicht eine Insulinresistenz aus.
Auch ein weiteres Protein, CFH (Complement Faktor H), ist im Blut diabetischer und übergewichtiger Mäuse und Menschen erhöht. Zusammen mit Adrenomedullin bildet es ein mächtiges Paar: beide Faktoren aktivieren synergistisch den Rezeptor für Adrenomedullin auf dem Endothel, der aktivierte Adrenomedullin-Rezeptor wiederum hemmt den Insulin-Rezeptor besonders stark. Beide verstärken sich also gegenseitig in ihrer Wirkung auf den Insulinrezeptor (Abb. 2).
Therapeutische Ansätze und Fazit
Unsere Befunde sprechen dafür dass die Insulinresistenz bei übergewichtigen Typ-2-Diabetikern weniger auf einer Resistenz der Zucker verwertenden Zellen wie Fett- und Muskelzellen beruht, sondern auf einer Resistenz im Bereich der Blutgefäße. Dabei spielt die Hyperaktivierung des Adrenomedullin-Rezeptors auf Endothelzellen durch Adrenomedullin und CFH eine zentrale Rolle.
Wir versuchen derzeit, die genauen Mechanismen dieser Hyperaktivierung des endothelialen Adrenomedullin-Rezeptors zu verstehen, um herauszufinden, wie man die Krankheit gezielt behandeln kann. Unsere Forschung bildet hoffentlich den Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Substanzen, mit denen sich die „Volkskrankheit“ Diabetes besser behandeln lässt.
1.
Cho H, Lai C, Bonnavion R, Alnouri MW, Roquid KA, Kawase H, Campos D, Chen M, Weinstein LS, Martínez A, Looso, M, Sanda M, Offermanns S.
Endothelial insulin resistance due to increased adrenomedullin signaling contributes to obesity-induced type 2 diabetes.
Science (in press)
2.
X. Lin et al
Global, regional, and national burden and trend of diabetes in 195 countries and territories: an analysis from 1990 to 2025
Rund 15 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden unter Heuschnupfen, doch aktuelle Vorhersagen sind oft zu ungenau. Das Projekt PollenNet erfasst nun mithilfe von Citizen Science den Pollenflug lokal. So soll ein neues Warnsystem für Allergiker entstehen
Wie können digitale Tools die mentale Gesundheit unterstützen? Und welches Potenzial bergen Peptide für die Antibiotikaforschung? Max-Planck-Wissenschaftler sprechen in diesem Podcast über ihre Forschung
Herzrhythmusstörungen gehören zu den häufigsten Todesursachen in den Industrieländern. Behandelt werden sie häufig mit Defibrillatoren, die schmerzhafte Elektroschocks auslösen. Der Physiker Stefan Luther hat einen sanfteren Weg gefunden, um die sogenannten Arrhythmien zu beenden