Forschungsbericht 2024 - Max-Planck-Institut für Politik- und Sozialwissenschaft
Migration und gesellschaftliche Vielfalt in den Alpen
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen
Jahrzehntelang wurden die europäischen Alpenregionen mit Abwanderung und wirtschaftlichem Niedergang in Verbindung gebracht. Dadurch wurden diese Gebiete weithin als kulturell und geografisch isoliert dargestellt. In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Alpen jedoch zu einem neuen Zielgebiet für Binnen- und internationale Migration entwickelt – von Menschen, die auf der Suche nach Arbeit oder einem besseren Lebensumfeld sind, bis hin zu Asylbewerberinnen und -bewerbern, die im Zuge der nationalen Verteilungspolitik in diese Regionen umgesiedelt wurden.[1] Die Zuwanderung hat sich erheblich auf die lokalen demografischen Entwicklungen ausgewirkt und trotz negativer natürlicher Wachstumsraten für ein stetiges Nettowachstum der Bevölkerung gesorgt.[2]
Welche tiefgreifenden sozialen und kulturellen Veränderungen sind mit diesen Migrationstrends verbunden? Wie reagieren lokale Gemeinschaften auf die Ankunft von ausländischen Neuankömmlingen? Was bedeutet es, als Migrantin oder Migrant in einer kleinen Bergstadt zu leben, vor allem, wenn es sich um einen rechtlich und wirtschaftlich prekären Status handelt? Seit 2021 untersuche ich diese und ähnliche Fragen in einer Bergprovinz im Nordosten Italiens.
Begrüßung von Neuankömmlingen in einer feindlichen Umgebung
Mitte der 2010er Jahre zeichnete sich diese Provinz durch die Einführung von „Willkommensinitiativen“ aus, um die Aufnahme von Asylbewerberinnen und -bewerbern zu unterstützen, die im Rahmen des nationalen Umverteilungssystems in die Region umgesiedelt wurden. Seit 2019 führten Veränderungen in der nationalen Politik, der Aufschwung rechtsgerichteter Parteien und die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zu einer schrittweisen Aufhebung dieser Initiativen. Im Rahmen meiner Forschung wollte ich herausfinden, wie einzelne Personen und Organisationen in diesem Klima knapper Ressourcen und multipler Krisen eine Willkommenskultur aufrechterhalten.
Als Kulturanthropologin nehme ich über längere Zeiträume am Leben lokaler Gemeinschaften teil – eine Methode, die als Ethnografie bekannt ist. Für dieses Projekt habe ich mich auf verschiedene Städte in der Bergprovinz konzentriert, darunter sowohl hoch gelegene Gemeinden mit einer kurzen Zuwanderungsgeschichte als auch Städte am Fuße des Gebirges, die bereits seit den 2000er Jahren eine erhebliche Präsenz von Menschen aus dem Balkan, Nordafrika und Osteuropa verzeichnen.
Ich führte teilnehmende Beobachtung durch, verbrachte Zeit mit meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern bei gemeinsamen Mahlzeiten und Wanderungen und arbeitete ehrenamtlich in einer örtlichen Sprachschule, in der Migrantinnen und Migranten Italienisch lernten und informelle Hilfe bei praktischen Fragen erhielten. Interviews mit Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, nationaler und ethnischer Herkunft halfen mir, lokale Wahrnehmungen und Diskurse über Migration zu erfassen. Sie boten meinen Interviewpartnerinnen und -partnern auch die Möglichkeit, ihre Erfahrungen seit ihrer Ankunft in der Region sowie die Bindungen, die sie vor Ort mit Menschen und Orten verbanden, zu reflektieren.
Ein prekärer Bergkosmopolitismus
Wir haben eine wachsende Tendenz beobachtet, Einwanderung und die Aufnahme von Asylbewerberinnen und -bewerbern als Möglichkeit zu betrachten, sterbende Städte wieder zu bevölkern. Dieser utilitaristische Ansatz ignoriert jedoch die Handlungsfähigkeit von Migrantinnen und Migranten und blendet aus, dass prekäre Personen, die in ländlichen und kleinstädtischen Kontexten leben, oft unter verstärkter Diskriminierung, sozialer und räumlicher Isolation leiden und zusätzlichen Hindernissen ausgesetzt sind, wenn sie versuchen, eine Wohnung zu finden oder Zugang zu speziellen Dienstleistungen zu erhalten.
Auch meine Teilnehmenden berichteten von ähnlichen Erfahrungen. Dennoch sind viele von ihnen in der Region geblieben oder zurückgekehrt, nachdem sie die offiziellen Aufnahmeprogramme verlassen hatten. Das ist ein Ergebnis, das den vorherrschenden Annahmen über die Richtung der Migrationsbewegungen – vom Land in die Stadt – widerspricht. Das große Angebot an Arbeitsplätzen in der Provinz hat sicherlich eine Rolle bei der Gestaltung dieser Bleibeperspektiven gespielt. Viele erwähnten auch „glückliche“ Begegnungen mit einzelnen Personen – Freiwilligen, Städterinnen und Städter usw. – als Wendepunkte in ihrem Leben und stellten fest, dass sich die Vermittlungsdienste dieser Personen als entscheidend erwiesen, um eine Wohnung und einen festen Arbeitsplatz zu finden und sogar ihren rechtlichen Status zu regeln.
In kleinen Bergstädten fehlt es oft an Orten, die wir mit ethnischer, kultureller oder religiöser Vielfalt assoziieren, seien es multiethnische Nachbarschaften oder etablierte Einwandererverbände. In meinem Projekt gehe ich daher von persönlichen Begegnungen, Freundschaften und intimen Beziehungen zwischen und unter „Migrantinnen und Migranten“ und „Einheimischen“ aus, um die Entstehung eines prekären „Bergkosmopolitismus“ nachzuzeichnen – einer Offenheit und eines Bewusstseins für Vielfalt, die in der Landschaft oder in der lokalen politischen Kultur noch nicht sichtbar sind.[3]
Ich untersuche auch, wie Migrantinnen und Migranten unterschiedliche „Alltagsmobilitäten” entwickeln, indem sie regelmäßig zwischen Orten in und außerhalb der Bergregion hin- und herreisen, sei es, um saisonale Arbeitsangebote zu nutzen, Kontakte zu knüpfen, zu beten, Einkäufe zu tätigen oder Landsleute zu treffen.[4] Mit dieser Mobilität und den daraus erwachsenden Beziehungen tragen Migrantinnen und Migranten dazu bei, neue räumliche Zusammenhänge und Verbindungen zwischen abgelegenen Bergtälern, städtischen und ländlichen Gebieten zu schaffen und werden so zu Akteuren des sozialen und kulturellen Wandels.
Literaturhinweise
https://doi.org/10.1016/j.jrurstud.2018.03.014