Forschungsbericht 2023 - Tech-News – aus Wissenschaft und Technologie
Aus Forschung wird Wirkung: Max Planck Innovation, die Technologietransfer-Organisation der Max-Planck-Gesellschaft
Max-Planck-Innovation, München
Pro Jahr evaluiert MI durchschnittlich 135 Erfindungen, von denen etwas mehr als 63 % zu einer Patentanmeldung führen. Seit 1979 wurden über 4.975 Erfindungen begleitet und über 3.000 Verwertungsverträge abgeschlossen. Seit Anfang der 1990er-Jahre sind über 190 Firmenausgründungen aus der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) hervorgegangen, von denen die weit überwiegende Mehrzahl von Max-Planck-Innovation aktiv betreut wurde. In diesen Ausgründungen wurden seitdem ca. 10.000 Arbeitsplätze geschaffen. Seit 1979 wurde ein Gesamtumsatz aus Lizenzen und Beteiligungsverkäufen von über 558 Mio. Euro erzielt.
Im Jahr 2023 wurden der Max-Planck-Innovation 111 Erfindungen gemeldet, 90 Patente angemeldet und 77 Verträge abgeschlossen, davon über 51 Verwertungsverträge. Die Verwertungserlöse aus Lizenzen und Beteiligungsverkäufen betragen voraussichtlich rund 10 Mio. Euro. Die endgültigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2023 liegen aufgrund der nachgelagerten Abrechnung verschiedener Lizenznehmer erst ab Mitte 2024 vor.
Die Erfolgsbilanz bei Ausgründungen der MPG war auch im Jahr 2023 positiv. So wurden insgesamt acht Unternehmen aus der MPG ausgegründet, von denen die meisten in unterschiedlichen Phasen der Unternehmensgründung von Max-Planck-Innovation begleitet wurden. Die MPG ist im Jahr 2023 bei einer Ausgründung eine neue offene Kapitalbeteiligung eingegangen. Im Vergleich zum Vorjahr, in dem das bisher mit Abstand größte Finanzierungsvolumen von MPG-Portfoliounternehmen erzielt werden konnte, hat sich das Finanzierungsumfeld für VC- bzw. Wachstumsfinanzierungen im Jahr 2023 aufgrund von Inflation, Zinswende und der allgemeinen wirtschaftlichen Situation weiter eingetrübt. Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen konnten auch im Jahr 2023 mehrere Ausgründungen der MPG insgesamt ca. 13 Mio. Euro an Finanzierungsvolumen einwerben. Der Erlös der MPG aus Dividendenzahlungen, Liquidationserlösen sowie Unternehmens- bzw. Anteilsverkäufen betrug insgesamt 0,1 Mio. Euro.
MPG stärkt Ausgründungsbereich mit eigenständiger Geschäftsführung
Die MPG hat in den letzten Jahren gemeinsam mit MI vermehrt Aktivitäten ins Leben gerufen, um Unternehmertum an den Max-Planck-Instituten (MPI) weiter zu fördern. Bram Wijlands ist seit dem 1. Oktober 2023 zweiter MI-Geschäftsführer und übernimmt die Leitung der Business Unit Ausgründungen, um die bestehenden und neu entwickelten Ansätze und Partnerschaften zur Förderung von Ausgründungen weiterzuentwickeln.
Bram Wijlands wird als zweiter Geschäftsführer gemeinsam mit Dr. Jörn Erselius die MI-Unternehmensleitung übernehmen. Dabei wird Herr Wijlands für die Leitung und strategische Ausrichtung der Business Unit Ausgründungen verantwortlich sein. Herr Erselius, der MI seit 2006 als alleiniger Geschäftsführer geleitet hat, wird weiterhin die Business Unit Patente & Lizenzen und Kommerzialisierung leiten. Bram Wijlands soll künftig die Rolle von Start-ups im MPG-Innovationssystem weiter vorantreiben. Um mehr Unternehmertum an den Instituten zu stimulieren, wurde bereits 2021 die Initiative „MAXpreneurs“ ins Leben gerufen, an der neben MI auch die Max-Planck-Förderstiftung und die Planck Academy beteiligt sind. Neben einer Stärkung der Gründungskultur steht die Identifikation möglichst vieler Gründungsvorhaben im Fokus. Ein zentrales Element ist dabei das Start-up-Inkubationsprogramm MAX!mize, das von MI betreut wird. Hier erhalten Forschende der MPG neben einer bewährten intensiven und individuellen Unterstützung ihres Gründungsvorhabens durch die Start-up & Portfolio Manager ein strukturiertes Angebot von regelmäßigen Events, Workshops, Trainings und Netzwerkangeboten. Durch diese synergetische Unterstützung können angehende „MAXpreneurs“ ihre Unternehmensidee optimal zur Gründung führen. Mit der Ernennung von Bram Wijlands zum zweiten Geschäftsführer und der Etablierung der eigenständigen Business Unit wird der Bereich Ausgründungen innerhalb von Max-Planck-Innovation und der Max-Planck-Gesellschaft weiter ausgebaut und gestärkt.
Lizenzverträge
2023 wurden knapp 80 Verwertungsverträge abgeschlossen. Die Lizenznehmer entwickeln die lizenzierten Technologien nun zur Marktreife weiter.
Das Biotechnologieunternehmen BiondVax Pharmaceuticals Ltd. (Nasdaq: BVXV) hat neuartige Anti-IL-17-Antikörper lizenziert. Die Entwicklung dieser VHH-Antikörper (NanoAbs), die auf Interleukin-17 (IL-17) abzielen, könnte künftig die Behandlung einer Reihe von Autoimmunkrankheiten wie Psoriasis und Psoriasis-Arthritis ermöglichen. Die entsprechende Technologie basiert ursprünglich auf Forschungsergebnissen des Max-Planck-Instituts für Multidisziplinäre Naturwissenschaften und wurde seitdem in einer breit angelegten Zusammenarbeit mit der Max-Planck-Gesellschaft und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) weiterentwickelt.
Psoriasis ist eine chronische Autoimmunerkrankung, die zu Entzündungen und Schuppung der Haut führt und von der schätzungsweise 125 Millionen Menschen weltweit betroffen sind. Im Gegensatz zu herkömmlichen Therapien mit monoklonalen Antikörpern kann der von BiondVax lizenzierte Einzel-Monomer-NanoAb selbst bei extrem niedrigen Konzentrationen gegen alle drei Schlüssel-Isoformen von IL-17 wirksam sein. Diese potenzielle Multi-Target-Wirkung eines einzelnen NanoAbs eröffnet die Möglichkeit, ein wesentlich wirksameres Therapeutikum in niedrigeren Dosen und mit weniger Nebenwirkungen für ein breiteres Spektrum von Erkrankungen zu entwickeln.
Eine neue Lasertechnologie namens FLUCS (Focused Light-induced Cytoplasmic Streaming) erlaubt es, Bewegungen innerhalb lebender Zellen und Embryonen zu beeinflussen und gezielt zu steuern. Die am Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) entwickelte Technologie wurde von der Rapp OptoElectronic GmbH lizenziert und kann dazu beitragen, embryonale Entwicklungsstörungen besser zu verstehen.
In der Zellbiologie und medizinischen Forschung werden leistungsstarke bildgebende Verfahren eingesetzt, um biologische Vorgänge in Zellen zu beobachten und zu analysieren. Dabei ist die gezielte Manipulation von Zellen unter kontrollierten Bedingungen eine große Herausforderung, um Prozesse und kausale Zusammenhänge zu verstehen. Die Forschenden sind daher auf effektive Werkzeuge angewiesen, die es ihnen ermöglichen, einzelne Bestandteile einer Zelle zu manipulieren, um deren Auswirkungen auf intrazelluläre Mechanismen und Wechselwirkungen zu erforschen. FLUCS ist eine neue Methode der Photomanipulation, die es erlaubt, Bewegungen innerhalb von Zellen und Embryonen mithilfe von Laserstrahlen gezielt zu beeinflussen und zu steuern, ohne die Probe zu stören oder die Ergebnisse zu verfälschen. Als Zusatzmodul für hochauflösende Mikroskope soll FLUCS künftig nicht nur die zellbiologische und medizinische Forschung verbessern, sondern auch neue Möglichkeiten in der Mikrofluidik eröffnen.
Eine spezielle Lizenz für Forschungszwecke ermöglicht die Anwendung der FLASH 2-Technik in Forschungseinrichtungen und Kliniken. So wird das revolutionäre neue Verfahren der Magnetresonanztomografie (MRT) auch sehr erfolgreich im Institut für Kinderradiologie am Universitätsklinikum Leipzig eingesetzt. Mit FLASH 2, das am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie (heute Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften) entwickelt wurde, wird die MRT-Bildgebung noch schneller und effizienter. Die MRT ist generell eine äußerst wichtige Untersuchungstechnik bei Kindern und Kleinkindern, da diese besonders strahlenempfindlich sind. Die Dauer herkömmlicher MRT-Aufnahmen machte jedoch bislang oftmals eine Sedierung oder Narkose notwendig, was wiederum Risiken und Unannehmlichkeiten für die jungen Patientinnen und Patienten mit sich brachte. Das neue Verfahren, das Vorgänge im Körper auch in Bewegung sichtbar macht, ermöglicht nun erstmals eine Untersuchung von kleinen Kindern ohne Sedierung oder Narkose. Dies stellt eine bedeutende Neuerung dar und löst ein grundlegendes klinisches Problem. Die Bewegungsresistenz der FLASH 2-Technik hat daher das Potenzial, die Zukunft der MRT-Bildgebung bei Kindern nachhaltig zu verändern.
Die Forschungs-Lizenz umfasst spezielle Pulssequenzen zur Steuerung eines vorhandenen MRT-Geräts sowie eine Software zur Datenanalyse. Die Ergebnisse werden mithilfe eines Grafikkartenrechners auf dem MRT-Gerät wie alle anderen Bilder dargestellt und archiviert. Zahlreiche weitere renommierte Einrichtungen wie die Universitätsmedizin Göttingen, das Radcliffe Hospital der University of Oxford oder die Johns Hopkins University in Baltimore wenden das FLASH 2-Verfahren bereits erfolgreich an.
Ausgründungen
Proxima Fusion, das erste Spin-out aus dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, entwickelt Fusionskraftwerke auf der Grundlage des Stellarator-Konzepts. Ziel ist es, in den kommenden Jahren einen neuen Hochleistungs-Stellarator zu entwickeln. Proxima Fusion plant, dass das erste Fusionskraftwerk auf Basis eines Stellarators in den 2030er Jahren entsteht. Das Start-up hat 2023 ein Pre-Seed-Fundraising in Höhe von 7 Millionen Euro abgeschlossen.
Bei der Gründung der Quantitative Surgical GmbH, einem Spin-off des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung, steht die Ausbildung von Chirurginnen und Chirurgen im Fokus. Das Start-up entwickelt ein fortschrittliches chirurgisches Trainingssystem, das ein immersives Erlebnis durch die Kombination von Hardware-Organmodell und Augmented Reality bietet. Darüber hinaus ermöglicht es interaktives Training mit Echtzeit-Feedback zur quantitativen Leistungsbewertung. Ziel ist es, innovative Trainingstools für die MedTech-Industrie sowie für Bildungszentren in Krankenhäusern weltweit bereitzustellen. Das Unternehmen ist die erste Ausgründung aus dem MAX!mize-Inkubationsprogramm.
Die zugrundeliegende Technologie der neu gegründeten Ascenta Technologies Inc. stammt aus der Forschung des MPI für Mikrostrukturphysik. Das Start-up plant, Mikrodisplays für intelligente Brillen zu entwickeln und zu vermarkten. Der Ansatz basiert auf photonisch integrierten Schaltkreisen für Laserscanning-Lichtmaschinen. Dieser ermöglicht einen guten Kompromiss zwischen Sichtfeld und Auflösung – in einem kompakten Formfaktor auf Wafergröße.
Die FancyLabStuff GmbH, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für molekulare Physiologie, hat eine Technologie für den Proben-Transport in Transmissionselektronenmikroskopen (TEMs) entwickelt. Dabei werden die Proben aus dem Behälter in das Mikroskop überführt, ohne die Kühlkette zu unterbrechen. Künftig sollen weitere Lösungen im Bereich der Elektronenmikroskopie entwickelt und vermarktet werden.
Die MagniKeen Inc., eine Ausgründung aus dem MPI für experimentelle Medizin, treibt die Entwicklung eines tragbaren MRT-Geräts und hypersensibilisierter Sonden zur schnellen und kostengünstigen Diagnose von Krebserkrankungen des Oberkörpers voran.
Gegenstand des neu gegründeten Unternehmens Humify Earth ist die kosteneffiziente Herstellung organischer Agrardüngemittel auf Basis von Huminstoffen. Die Vorteile gegenüber dem Status quo sind ein mengenmäßig geringerer Einsatz teurer und klimaschädlicher Kunstdünger bei gleichzeitig höherem agronomischen Wert. Die Kernwertschöpfung des Unternehmens besteht darin, aus Abfallbiomasse (z. B. Klär- und Fäulschlämme oder Reste aus der Papierherstellung), die reich an Stickstoffen und Phosphaten ist, in einem hydrothermalen Prozess Huminstoffe herzustellen. Der so gewonnene Rohstoff kann Kunstdünger kostengünstig ersetzen und das Pflanzenwachstum nachhaltig fördern. Die Bindung von Kohlenstoff im Agrarboden ist ein weiterer positiver Beitrag zur Erreichung der Klimaziele der EU.
Gegenstand der sci-an GmbH ist die Entwicklung individueller Softwarelösungen sowie die Beratung und Umsetzung bei der Erhebung und Auswertung unternehmensrelevanter Daten. Das Team hat vor der Gründung ebenfalls am MAX!mize-Programm teilgenommen.
Gegenstand des Unternehmens MSys GmbH ist die Entwicklung neuer, effizienterer Produktionsprozesse für pharmazeutische Wirkstoffe (Active Pharmaceutical Ingredients, API).
Inkubatoren
Die Lead Discovery Center GmbH (LDC) wurde 2008 von MI gegründet, um das Potenzial exzellenter Grundlagenforschung für die Entdeckung neuer Therapien für Krankheiten mit hohem medizinischem Bedarf zu nutzen.
HLB Life Science R&D, ein führendes koreanisches biopharmazeutisches Unternehmen, hat eine Lizenzvereinbarung mit dem LDC unterzeichnet, um gemeinsam einen Wirkstoffkandidaten der nächsten Generation von Krebsmedikamenten zu entwickeln. Der lizenzierte Wirkstoffkandidat basiert auf einem Projekt, das am LDC entwickelt wurde, mit Unterstützung des benachbarten Max-Planck-Instituts für Molekulare Physiologie (Dortmund). Der First-in-Class Wirkstoffkandidat zeigt eine krebshemmende Wirkung und blockiert insbesondere den Transkriptionsprozess bestimmter Gene, die relevant für die Selbstreparatur geschädigter Krebszellen sind. HLB plant, die präklinische Entwicklung gemeinsam mit dem Lizenzpartner LDC durchzuführen und anschließend die klinische Entwicklung voranzutreiben.
Japan Tobacco Inc. und das LDC haben eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, um gemeinsam First-in-Class-Ansätze für die Entwicklung neuartiger Wirkstoffe zur Behandlung von Krankheiten mit hohem medizinischen Bedarf zu identifizieren.
Eine weitere Kooperations-Vereinbarung wurde mit RIANA Therapeutics abgeschlossen. Die Partnerschaft markiert einen wichtigen ersten Meilenstein für RIANA Therapeutics auf dem Weg zur Entwicklung neuer Krebstherapien, die Onkogene Protein-Protein Interaktionen (PPIs) adressieren. Die Hemmung von PPIs ist ein neuer, vielversprechender therapeutischer Ansatz für zahlreiche Krankheiten, einschließlich Krebs, um weit verbreitete Resistenzen gegen aktuell eingesetzte Medikamente zu überwinden und die Wirksamkeit von Behandlungen zu verbessern. Im Rahmen der jetzt unterzeichneten Kooperationsvereinbarung wird das LDC ein Hochdurchsatz-Screening (HTS) mit einer diversen Bibliothek von mehr als 200.000 chemischen Substanzen screenen, um neuartige PPI-Inhibitoren gegen STAT5, einem wichtigen Treiber für die Entwicklung der akuten myeloiden Leukämie (AML), zu identifizieren.
Gemeinsam mit der Arktischen Universität Norwegens (UiT), der Universität Bergen (UiB) und weiteren Partnern hat das LDC das Spin-out KinSea Lead Discovery AS (KinSea) gegründet. Hier soll ein FLT3 Kinase-Inhibitor-Programm entwickelt werden, das auf einzigartiger Chemie mit Ursprung im Meer basiert, bis hin zur (prä)klinischen Entwicklung. Darüber hinaus will KinSea das Potenzial mariner Bioaktivstoffe für die Behandlung menschlicher Krankheiten umfassend nutzen. Die Seed-Finanzierung erfolgt durch ein Wandeldarlehen der KHAN Technology Transfer Fund I GmbH & Co. KG (KHAN-I).
Die IT Inkubator GmbH aus Saarbrücken konnte im Jahr 2023 die Gründung von zwei Unternehmen nach erfolgreicher Inkubation verzeichnen. Die Dermafy Group GmbH entwickelt das erste Ökosystem für dermatologische Telemedizin. Neben einer telemedizinischen Plattform zur medizinischen Diagnostik entwickelt die Dermafy Group die ersten dermatologischen digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs) sowie weitere Mehrwertdienstleistungen. Ziel ist es, die flächendeckende dermatologische Versorgung in der Gesellschaft sicherzustellen.
Eine weitere Ausgründung ist die Effinigo GmbH. Das Unternehmen spezialisiert sich auf die Verbesserung der Energieeffizienz der Beleuchtung in Gewerbeimmobilien. Durch eine Kombination aus Sensorik und digitaler Steuerung kann eine bedarfsoptimierte, ressourcenschonende Nutzung sichergestellt werden und dadurch ein erheblicher Beitrag zur Erreichung der Klimaziele geleistet werden.














