"Es braucht eine kritische Masse, die sich klimafreundlich verhält"

Max-Planck-Direktor Ralph Hertwig im Interview über Klimaschutz und wie es gelingen kann, Blockaden zu überwinden

Seit Jahren warnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor den Gefahren des Klimawandels. Die Folgen sind längst auch hierzulande spürbar. Nur durch schnelles und entschlossenes Handeln ließen sie sich zumindest begrenzen. Was aber hindert uns daran, dringend notwendige Maßnahmen zu ergreifen? Der Psychologe Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, erläutert die Gründe und gibt Anregungen, wie wir unsere Gewohnheiten ändern können.
 

Erforscht die Psychologie menschlichen Entscheidens: Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Die Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen diesen Juli sollte uns eigentlich vor Augen führen, welche Gefahren die Erderwärmung auch für uns birgt. Warum ist es trotzdem so schwierig, entschlossen zu handeln?

Die Gründe sind vielfältig: Zum einen schätzen wir bei Entscheidungen in der Regel den unmittelbaren Vorteil höher ein als einen Nutzen, der sich erst in der Zukunft zeigt. Bei Themen wie dem Klimawandel ist das problematisch, denn hier sind langfristige Investitionen gefragt, die sich womöglich erst in nachfolgenden Generationen auszahlen. Wir aber leben im Hier und Jetzt und haben ein starkes Interesse daran, den Jetzt-Zustand bestmöglich zu gestalten. Hinzu kommt, dass es für das Erreichen des 1,5- oder 2-Grad-Ziels vermutlich keinen Unterschied macht, ob ich als Einzelner mit dem Fahrrad oder mit dem Auto zur Arbeit fahre, ob ich recycle oder ein Stück Fleisch mehr esse. Wenn aber jeder denkt „ich kann doch eh nichts ändern“ und dementsprechend handelt, haben wir ein Problem. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir alle vielfältige und oft zuwiderlaufende Ziele haben: Auf der einen Seite wollen wir unseren CO2-Fußabdruck verringern, auf der anderen Seite unserer Familie ein schönes Zuhause mit möglichst viel Wohnfläche bieten. Wir stecken in dem Dilemma, diese konträren Ziele miteinander in Einklang zur bringen.

Wie kann das gelingen?

Ein Ausgangspunkt könnte darin bestehen, die Gründe für das eigene Verhalten zu reflektieren. Dabei kann man zu interessanten Einsichten gelangen, die wiederum Veränderungen im Verhalten motivieren können. Ein Beispiel: Wir gehen wählen, obgleich unsere Stimme mit großer Wahrscheinlichkeit den Wahlausgang nicht wesentlich beeinflusst. Wir haben aber andere gute Motive zu wählen. Wir wählen vielleicht, weil wir uns als gute Bürgerin oder guter Bürger verstehen wollen oder weil wir Wählen als einen symbolischen Akt der Selbstbestimmung empfinden. Ähnlich könnten wir unser Konsumverhalten neu bewerten. Richtig, unser CO2-Fußabdruck ist nur einer unter Milliarden. Aber vielleicht möchten wir unser Verhalten verändern, weil wir eine gute Antwort haben wollen, wenn Kinder und Enkelkinder mal fragen sollten: „Und was habt ihr getan?“ Oder wir verstehen uns als Menschen, die sich ein Stück weit von den Zwängen einer Konsumgesellschaft freimachen können. Neben dem individuellem Verhalten müssen wir aber auch die größeren systemischen Zusammenhänge betrachten und uns fragen, wie Wirtschaft und Staat Verhalten steuern. Bei Corona hat der Staat im Großen und Ganzen eindeutig, klar und mit großem Nachdruck gehandelt. Das ist beim Klimawandel deutlich weniger der Fall. Wenn aber die Gesetzgebung keine klaren Handlungssignale setzt, beispielsweise in Form von ökonomischen Anreizen oder klaren und verpflichtenden Vorgaben für die Wirtschaft, besteht die Gefahr, dass die Verantwortung für Verhaltensänderung in erster Linie beim Individuum abgeladen wird. Das darf nicht sein.

Können Sie Beispiele nennen?

Wir alle wissen, dass der Klimawandel eng mit Fleischproduktion und Fleischkonsum zusammenhängt und wir in Deutschland zu viel Fleisch essen. Trotzdem setzt die Gesetzgebung keinen klaren Anreiz, unseren Konsum zu reduzieren, indem etwa Fleisch durch Steuern oder verpflichtende tierwohlfördernde Haltungsformen verteuert wird. Wir alle können nach wie vor Billigfleisch im Supermarkt kaufen. Ein anderes Beispiel: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Individualverkehr noch immer eine sehr große Rolle spielt. Auch hier könnte es von Seiten der Gesetzgebung deutlichere Signale zugunsten des öffentlichen Verkehrs oder des Fahrrads geben. So könnten etwa Bus und Bahn kostenfrei sein oder Radwege massiv ausgebaut werden. Bei solchen Entscheidungen geht es natürlich immer auch um Interessenskonflikte: Wenn Fleisch teurer wird, wird dies Menschen einschränken. Wenn weniger Autos fahren, gehen womöglich Arbeitsplätze verloren. Solche Konflikte müssen in der Gesellschaft und durch die Politik ausgehandelt werden. Das Individuum alleine kann das nicht leisten und in diesem Sinne kommt der Formulierung politischer „Leitplanken“ enorme Bedeutung bei der Steuerung von Verhalten zu.

Die Bundesregierung arbeitet seit einiger Zeit mit Verhaltenspsychologinnen und -psychologen zusammen. Ist das beim Klimaschutz sinnvoll?

Es gibt ja kaum ein großes gesellschaftliches Problem, bei dem menschliches Verhalten keine zentrale Rolle spielt, sei es Corona, die Altersarmut, die Zunahme von Adipositas oder eben auch der Klimawandel. Es macht daher Sinn, wenn die Gesetzgebung versucht, gute verhaltenspsychologische Forschung strategisch zu nutzen.

Was kann die Verhaltenspsychologie dazu beitragen, beim Klimaschutz voranzukommen?

Es gibt verschiedene Ansätze: Einer davon ist das sogenannte Nudging – der Versuch, jemanden subtil in Richtung des gewünschten Verhaltens anzustupsen. Das wird hierzulande – in meinen Augen zu Recht – kritischer gesehen als anderswo. Es gibt allerdings Aspekte von Nudging, die ich interessant finde, vor allem das Konzept der Entscheidungsarchitektur, die einen unmittelbaren Einfluss auf unser Verhalten hat. Eine wichtige Komponente dieser Entscheidungsarchitektur sind Voreinstellungen, sogenannte Defaults. Sie kennen sie vielleicht aus der Diskussion um die Organspende: Soll die Default-Einstellung lauten, dass wir alle automatisch einer Organspende zustimmen? Und wenn wir das nicht wollen, aktiv werden müssen? Oder wird grundsätzlich angenommen, dass eine Person keine Organe spenden möchte und jeder Einzelne muss dann aktiv werden, um doch seine Bereitschaft zu deklarieren? Analog dazu könnte man mit Nachhaltigkeits-Defaults arbeiten: Wenn jemand keine Entscheidung trifft, wird automatisch die nachhaltige Option gewählt. Das wäre etwa beim Kauf von Autos oder Elektrogeräten denkbar, die sich persönlich konfigurieren lassen. Hier könnte der Gesetzgeber festlegen, dass als Voreinstellung immer die energiesparendste Variante vorgegeben wird.

Laut Umfragen räumen die meisten Deutschen dem Umwelt- und Klimaschutz einen hohen Stellenwert ein. Im Alltag aber hindern uns oft festgefahrene Abläufe daran, uns umweltfreundlicher zu verhalten. Wie schafft man es, die Gewohnheitsschleife zu durchbrechen?

Ich glaube immer noch an die Macht der Aufklärung. Wir können uns selbst vertrauenswürdige Informationen beschaffen, seriöse Institutionen können diese leicht verfügbar machen. Information und das Verstehen von Zusammenhängen kann der erste Schritt sein, um feste Gewohnheiten zu durchbrechen: Was etwa bedeutet es für das Klima, ein Kilo Fleisch zu produzieren? Und was bedeuten ein oder mehrere fleischfreie Tage pro Woche für meinen CO2-Fußabdruck? Nachdem wir uns entschieden haben, unser Verhalten zu ändern, geht es im nächsten Schritt um die Implementierung der neuen Ziele. Auch hier kann man sich mit unterschiedlichen Strategien und Techniken die Verhaltensänderung leichter machen. Nur ein Beispiel: Häufig wird unser Verhalten durch niederschwellige Hinweise aus der Umgebung angestoßen. Manchmal helfen daher schon kleine Änderungen in der persönlichen Entscheidungsarchitektur, um sich selbst autonom in die gewünschte Richtung zu stupsen. Ich kann also Self-Nudging betreiben. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass ich die verführerische Salami in eine undurchsichtige Box ganz hinten im Kühlschrank „verstecke“ und die Karotte nach vorn lege. Wichtig ist, sich klarzumachen: Ich gestalte meine eigene Entscheidungsarchitektur selbst und kann es mir mit kleinen Änderungen leichter machen, meine Ziele zu erreichen.

Um einen möglichst großen Effekt zu erzielen, muss es auch noch gelingen, dass sich die Mehrzahl der Menschen anders verhält. Wie wird individuelles Verhalten zu Gruppenverhalten?

Menschen sind soziale Wesen. Wir orientieren uns daran, was andere machen, und daran, was sozial erwünscht ist. Ohne dass man explizit darüber sprechen muss, verändern soziale Normen das Verhalten des Individuums. Wenn sich kaum jemand um uns herum umweltverträglich verhält, dann schließen wir daraus, dass gleichgültiges Verhalten gegenüber der Umwelt in Ordnung ist. Es tun ja alle. Sobald jedoch eine kritische Masse anfängt, sich anders zu verhalten, dann kann dieses soziale Signal einen starken Einfluss auf jeden Einzelnen von uns haben. Denken Sie zum Beispiel an die Begrüßungsrituale vor und während Corona. Noch zu Beginn 2020 haben wir uns die Hand gegeben oder sogar geküsst bei der Begrüßung. Als die ersten Leute begannen, diese Rituale zu vermeiden und neue zu entwickeln, fanden wir das zunächst noch komisch. Aus Einzelnen wurde aber eine kritische Masse und was zunächst exotisch wirkte, wurde zur neuen soziale Norm, die nun sehr effektiv das Verhalten von jedem von uns steuert. Niemand wundert sich heute mehr über die ausgestreckte Faust oder den Ellbogen bei der Begrüßung. Wenn wir es schaffen, dass eine kritische Masse sich anders verhält, dann hat das eine normative Kraft auf das Verhalten vieler anderer – diese Effekte kann man sich auch beim Klimaschutz zunutze machen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Elke Maier.

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