Auszeichnung mit Augenzwinkern für Untersuchung zur Kinoluft

Der Ig-Nobelpreis 2021 für Chemie geht an Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Der Ig-Nobelpreis ehrt wissenschaftliche Leistungen, die „Menschen zunächst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen sollen“. Vergeben wird der satirische Preis von der US-Zeitschrift Annals of Improbable Research. Die Auszeichnung für Chemie würdigt in diesem Jahr eine Studie, die den Zusammenhang zwischen der Luft in Kinos und der FSK-Altersfreigabe nachweist. Die Untersuchung entstand in einer Kooperation zwischen dem Max-Planck-Institut für Chemie und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
 

Anspannung in der Luft: Bei Nervosität geben Kinobesucher vermehrt Isopren ab - ein messbarer Hinweis darauf, wie belastend ein Film ist.

In ihrer Arbeit wiesen die Teams um Jonathan Williams vom Max-Planck-Institut für Chemie und Stefan Kramer, Professor am Institut für Informatik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, den Zusammenhang zwischen der Isoprenkonzentration in der Luft von Kinosälen und der FSK-Altersfreigabe nach. Isopren wird im Muskelgewebe gespeichert, entweicht aber bei Bewegung über die Atemluft. Mit der systematischen Datenerhebung und -auswertung, die das Team um Stefan Kramer realisierte, machten sie zudem den Geruch der Angst in Zahlen sichtbar.

„Durch das gemeinsame Projekt haben wir eine großartige Verbindung zwischen der Abteilung Atmosphärenchemie am Max-Planck-Institut für Chemie und der Gruppe Data Mining an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz geschaffen, die uns bei der Analyse der atmosphärischen Daten wirkungsvoll unterstützt“, erklärt Preisträger Jonathan Williams. Die satirische Auszeichnung freut den gebürtigen Engländer, für den Selbstironie zum gepflegten Umgangston gehört. „Der Preis ist Beleg für unsere Kreativität als Wissenschaftler und unsere Bereitschaft, über den Tellerrand hinauszuschauen.Wir machen gerne Experimente, die zunächst eigenwillig erscheinen mögen, am Ende aber neue Phänomene aufdecken. Das gehört zur Grundlagenforschung, die das prägende Element der Max-Planck-Gesellschaft ist. Unsere Arbeit zur messbaren Angst in der Kinoluft hat bereits viele neue Studien in Gang gesetzt.“ Stefan Kramer ergänzt: „In unserer langjährigen Kooperation mit Jonathan Williams vom Max-Planck-Institut haben wir immer wieder außergewöhnliche Fragestellungen für die Anwendung und Weiterentwicklung von Methoden des maschinellen Lernens gefunden.“

Die Auszeichnung wird jedes Jahr zwei Wochen vor der Bekanntgabe der echten Nobelpreise im Sanders Theater der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, überreicht. Wegen der Corona-Pandemie fand die Übergabe in diesem Jahr am 9. September digital statt.

Neue Forschungsrichtung begründet

Mit ihrer Zusammenarbeit haben die Forschenden auch die Tür zu einer interdisziplinären Forschungsrichtung aufgestoßen, die die Expertise aus den Feldern Atmosphärenchemie, Atemanalyse, Analyse emotionaler Reaktionen und Data Mining kombiniert. Als überraschend empfand Williams die Nominierung für den kultigen Forscherpreis dennoch. Schließlich wurde ihm dieser für eine Studie verliehen, die nur einen Bruchteil seiner eigentlichen Forschungstätigkeit ausmacht. Ansonsten forscht er vor allem an der Atmosphärenchemie im Freien.

Die ausgezeichnete Studie erschien im September 2018. In den Medien stieß sie seinerzeit auf große Resonanz, erinnert sich Williams. Viele Menschen gehen ins Kino, deshalb ist das Thema für die Bevölkerung interessant. Ob Psycho, Schweigen der Lämmer oder Saw: Viele Thriller haben sich mit ihren Schockmomenten ins gesellschaftliche Film-Gedächtnis eingebrannt. „Ob wir Angst haben oder lachen, unsere Emotionen liegen in der Luft“, dachte sich der Max-Planck-Forscher. So kam er darauf, die Luft als messbaren Indikator für Altersfreigaben von Filmen zu untersuchen. Kramer ergänzte den Ansatz mit der Idee zu untersuchen, ob die von Zuschauern produzierten Gerüche zuverlässig den Grad von Gewalt, Sex, antisozialem Verhalten, Drogengebrauch und Fluchen  in dem Film auf der Leinwand widerspiegeln.

Innovative Filmbewertung: Luftmessung im Kino

Die Forschenden schlossen ein Massenspektrometer, also ein spezielles Analysegerät, an die Lüftungsanlage eines Kinosaals an. Während 135 Filmvorführungen maßen und analysierten die Forschenden alle 30 Sekunden, wie sich die Zusammensetzung der Kinoluft ändert. Sie entdeckten einen Zusammenhang zwischen der Isoprenkonzentration in der Luft und der FSK-Altersfreigabe. „Offenbar rutschen wir im Kinosessel unwillkürlich hin und her oder spannen Muskeln an, wenn wir nervös und aufgeregt sind. Dann atmen wir auch mehr Isopren aus“, erklärt Williams. Wie angespannt das Publikum einen Film verfolgt, liefert wiederum ein gutes Indiz dafür, wie belastend der Streifen auf Kinder und Jugendliche wirkt.

Eine Fortsetzung der Kino-Studie ist in Planung. Künftig möchte Williams untersuchen, ob Menschen nicht nur einen chemischen Fingerabdruck ihrer Anspannung, sondern auch Spuren anderer Gefühlslagen in der Luft hinterlassen.

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