Forschungsbericht 2020 - Max-Planck-Innovation

Max-Planck-Innovation – die Technologietransfer-Organisation der Max-Planck-Gesellschaft

Max Planck Innovation - the technology transfer organization of the Max Planck Society

Autoren
Markus Berninger
Abteilungen
Max-Planck-Innovation, München
Zusammenfassung
Pro Jahr evaluiert die Max-Planck-Innovation durchschnittlich 125 Erfindungen, von denen etwa die Hälfte zu einer Patentanmeldung führt. Seit 1979 wurden ca. 4.580 Erfindungen begleitet und rund 2.770 Verwertungsverträge abgeschlossen. Seit Anfang der 1990er-Jahre sind 159 Firmenausgründungen aus der MPG hervorgegangen, von denen die weit überwiegende Mehrzahl von Max-Planck-Innovation aktiv betreut wurde. In diesen Ausgründungen wurden seitdem rund 6.500 Arbeitsplätze geschaffen. Seit 1979 wurde ein Gesamtumsatz inkl. Beteiligungsverkäufen von rund 509 Millionen Euro erzielt.
Summary
Max Planck Innovation evaluates an average of 125 inventions each year, around half of which lead to a patent application. Since 1979 around 4,580 inventions have been accompanied and around 2,770 exploitation agreements have been concluded. Since the beginning of the 1990s, 159 spin-offs have emerged from the Max Planck Society, the vast majority of which have been actively supported by Max Planck Innovation. Since then, around 6,500 jobs have been created in these spin-offs. Since 1979 a total turnover including the sale of company shares of around 509 million euros has been achieved.

Im Jahr 2020 wurden der Max-Planck-Innovation 135 Erfindungen gemeldet, 80 Patente angemeldet und 82 Verträge abgeschlossen, davon 66 Verwertungsverträge. Die Verwertungserlöse betragen voraussichtlich ca. 20 Millionen Euro. Die endgültigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2020 liegen aufgrund der nachgelagerten Abrechnung verschiedener Lizenznehmer erst ab Mitte 2021 vor.

2020 wurden insgesamt drei Unternehmen, basierend auf den Technologien der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), ausgegründet, die von der Max-Planck-Innovation in unterschiedlichen Phasen ihrer Unternehmensgründung begleitet wurden. Die MPG ist bisher an zwei dieser Ausgründungen eine Neubeteiligung eingegangen. Eine Beteiligung an der dritten Ausgründung wird angestrebt und ist in Verhandlung. Auch konnten in 2020 zwei weitere Erlösbeteiligungen mit bereits existierenden bzw. zuvor schon gegründeten Unternehmen eingegangen und das Beteiligungsportfolio weiter gestärkt werden. Darüber hinaus haben Ausgründungen mit MPG-Beteiligung beziehungsweise Erlösbeteiligung 2020 eine Gesamt-Investmentsumme in Höhe von fast 80 Millionen Euro eingeworben.

Oxlumo® erhält Zulassung in USA und Europa

Mit Oxlumo® (Wirkstoff Lumasiran) erhält nun ein drittes RNAi-Medikament die Zulassung durch die Behörden. RNAi (RNA Interferenz) ist ein natürlicher zellulärer Prozess der Genabschaltung und wird seit mehr als 15 Jahren sowohl in der biologischen Forschung als auch in der Medikamentenentwicklung genutzt. Thomas Tuschl und sein Team am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie konnten im Jahr 2000 zeigen, dass dieser bereits entdeckte Mechanismus der Abschaltung von Genen auch bei Säugetieren und damit auch beim Menschen funktioniert. Für diese bahnbrechenden Erkenntnisse, die die Entwicklung einer ganz neuen Klasse von Medikamenten ermöglichte, reichte die MPG grundlegende Patente ein. Die Nutzungsrechte für diese sogenannten „Tuschl-Patente“ wurden an Alnylam Pharmaceuticals in Cambridge (USA) lizenziert und bilden die Grundlage des RNAi-Wirkstoffportfolios der MPG-Ausgründung, die heute ca. 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt und einen Börsenwert von 14,7 Milliarden US-Dollar besitzt (Stand 07.01.2021).

15 Jahre nach Firmengründung wurde 2018 das weltweit erste auf RNAi basierende Medikament zugelassen. Onpattro® (Patisiran) ermöglicht erstmals die Behandlung einer seltenen, tödlich verlaufenden Krankheit, der hATTR-Amyloidose. Diese führt zu schwerwiegenden Polyneuropathien (Erkrankungen des peripheren Nervensystems). Bereits 2019 wurde das zweite RNAi-Medikament Givlaari® (Givosiran) in den USA zur Behandlung der akuten Leberporphyrie (AHP) zugelassen. AHP ist eine äußerst seltene genetisch bedingte Erkrankung, die sich i.d.R. durch potenziell lebensbedrohliche Anfälle auszeichnet und sich v.a. bei chronischer Manifestation sehr negativ auf die Alltagsbewältigung und Lebensqualität auswirkt.

Nun wurde im November 2020 das dritte RNAi-Medikament zugelassen. Mit Oxlumo® kann die sehr seltene genetische Krankheit “primäre Hyperoxalurie Typ 1” behandelt werden. Durch eine erhöhte Oxalatproduktion kann es zu einer lebensbedrohlichen Nierenerkrankung kommen. Oxlumo® ist das erste zugelassene Medikament zur Behandlung dieser Erkrankung. Die Erkenntnisse zu RNAi sowie die drei erfolgreichen Medikamente Onpattro®, Givlaari® sowie Oxlumo® sind ein Beleg dafür, wie die Grundlagenforschung der MPG immer wieder zu bahnbrechenden Erfindungen zum Wohl von Patienten führt.

Lizenzverträge

2020 wurden 66 Verwertungsverträge abgeschlossen. Auf diesem Weg wurden Erfindungen mit teilweise erheblichem Marktpotenzial zur Weiterentwicklung an die Industrie lizenziert.

Bis ein einziger wirksamer Arzneistoff gefunden ist, müssen manchmal Hunderttausende Wirkstoffe in großen vollautomatisierten Experimenten getestet werden. Um im Labor möglichst physiologische Bedingungen zu erhalten, erzeugen viele Forscher mit der iPS-Zell-Technologie dreidimensionale organähnliche Gewebe-Aggregate (Organoide). Ein Verfahren des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin erlaubt es nun, mit menschlichen Zellen völlig automatisiert Mittelhirn-Organoide herzustellen, die im Hochdurchsatzverfahren erzeugt, kultiviert und im Detail analysiert werden können. Max-Planck-Innovation hat dieses Verfahren 2020 an das amerikanische Biotech-Unternehmen StemoniX lizenziert. StemoniX entwickelt auf iPS-Zellen basierende 3D microOrgan®-Gewebekonstrukte, Krankheitsmodelle und fortschrittliche Analysemethoden, um sicherzustellen, dass nur die sichersten und wirksamsten Verbindungen durch die Forschungspipelines ihrer Biopharma-Partner weiterentwickelt werden. Durch die Kombination der vom Max-Planck-Institut lizenzierten Verfahren zur automatisierten Herstellung und Analyse von extrem homogenen Organoiden des menschlichen Mittelhirns erweitert StemoniX seine microBrain®-Plattform auf das menschliche Mittelhirn.

Eine Technologie zur automatisierten, sterilen sowie totvolumenfreien Probennahme aus Bio-Reaktoren wurde am Max-Planck-Institut für die Dynamik komplexer technischer Systeme entwickelt und exklusiv an die in Berlin ansässige Firma bbi biotech GmbH lizenziert. Basierend auf der lizenzierten Technologie hat der Lizenznehmer die Probennahme – bestehend aus Probennahme-Sonde, Steuerungsgerät, Autosampler, gekühlter Lagerung und Anbindung an diverse Analysegeräte – entwickelt. Die lizenzpflichtigen Produkte konnten bereits international erfolgreich am Markt platziert werden.

Eine neuartige Technologie namens MINFLUX stammt aus der Abteilung des Nobelpreisträgers Stefan Hell am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Sie basiert auf der STED-Mikrokopie und verbessert die Superresolution-Mikroskopie deutlich. So erlaubt sie die 3D-Auflösung von Einzelmolekülen (1 bis 3 Nanometer / 100x schärfer als Konfokal-Mikroskopie) und extrem schnelle Aufnahmefolgen (alle 100 μs / 100x schneller als konventionelle Kameras). Die abberior instruments GmbH, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts, ist Lizenznehmer dieser Technologie. Gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut wurde im Rahmen einer vom BMBF geförderten Forschungskooperation die Methodik weiterentwickelt und daraus ein marktfähiges Produkt gemacht. Die hochkompetitiven MINFLUX-Mikroskope werden seit Ende 2020 angeboten und wurden bereits erfolgreich an verschiedene Forschungseinrichtungen verkauft.

Die Firma STREM Chemicals hat eine neue Klasse von Katalysatoren des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung lizenziert. Die stabilen Nickel-Komplexe sind sehr einfach zu handhaben und geeignet für die Anwendung in der Nickel-Katalyse. Der Einsatz von Nickel als Katalysator zur Knüpfung chemischer Bindungen hat für die chemische Industrie große Bedeutung – der Nutzen reicht von der Produktion von Feinchemikalien bis zur Synthese von Arzneimitteln, Insektiziden und Pestiziden. Zur Herstellung von Nickelkomplexen nutzt die Industrie seit vielen Jahrzehnten Nickel-Cyclooctadien Ni(COD)2, eine Komponente, die vor rund 60 Jahren am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung entdeckt wurde. Ni(COD)2 erweist sich seit langem als nützliche Quelle, erfordert jedoch eine äußert komplexe Handhabung. Die nun lizenzierten Nickel-Komplexe sind luft- und temperaturstabiler und stellen einen einfachen, praktischen und vielseitigen Ersatz für Ni(COD)2 und die Anwendung im Labor dar, der eine Fülle katalytischer Transformationen ermöglicht.

Ausgründungen

Die QLi5 Therapeutics GmbH wurde 2020 basierend auf Forschungsergebnissen des Max-Planck-Instituts für Biochemie zu Immun-Proteasom-Inhibitoren gegründet. Das Proteasom spielt eine wichtige Rolle in der Zellregulation, indem es Proteine abbaut. Als Zielstruktur zur Behandlung flüssiger Tumore ist es klinisch gut etabliert, insbesondere beim Multiplen Myelom. Die Inhibitoren des Immun-Proteasoms verfügen über einzigartige Bindungseigenschaften und stellen einen völlig neuartigen und vielversprechenden chemischen sowie mechanistischen Ansatz zur Behandlung von Krebs-, Entzündungs- und Autoimmunerkrankungen dar. QLi5 will die Proteasom-Inhibitoren durch eine gezielte Weiterentwicklung in die präklinische und klinische Prüfung voranbringen.

Die VicuTech Biologicals GmbH wurde 2020 aus dem Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie ausgegründet. Ziel ist es, einem bereits in der Frühphase der Corona-Pandemie erzeugten exzellent neutralisierenden VHH-(Alpaka-) SARS-CoV2-Antikörper einen präklinischen und klinischen Entwicklungspfad zu eröffnen. Der Alpaka-Antikörper ist hochpotent und bietet spezifische mechanistische und produktionstechnische Vorteile gegenüber herkömmlich erzeugten Antikörpern (humane monoklonale Antikörper). Die hierzu eingesetzte Plattform zur schnellen Generierung solcher anti-infektiv wirkenden Antikörper soll darüber hinaus auch für zukünftige Bedrohungen ("Pandemieprophylaxe") und andere bereits existierende Infektionskrankheiten wie Malaria oder Tuberkulose in ein kommerzielles Umfeld eingebettet werden.

Mehrere Ausgründungen konnten im Rahmen von Finanzierungen Gelder einwerben, darunter die Firma Quench Bio Inc. Das Biotech-Unternehmen nutzt neue Erkenntnisse über Gasdermine und die angeborene Immunabwehr, um neue Medikamente gegen schwerwiegende Entzündungskrankheiten zu entwickeln. Die Leitsubstanzen von Quench hemmen das porenbildende Protein Gasdermin D, das im Rahmen einer Kooperation des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin, des Max-Planck-Instituts für Molekulare Physiologie in Dortmund und des Lead Discovery Center (LDC) als aussichtsreiche Zielstruktur identifiziert wurde. Gasdermin D spielt eine zentrale Rolle bei der Pyropoptose und NETose und führt zur Ausschüttung von Zytokinen, Alarminen, DNA und NETs. Quench Bio hat im Januar 2020 eine Finanzierung in Höhe von 50 Millionen US-Dollar abgeschlossen.

Das schwedische Bioprinting-Unternehmen Cellink hat die Scienion AG, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Molekulare Genetik, erworben. Der Kaufpreis betrug 80 Millionen Euro. Durch den Verkauf seiner Anteile erhielt die Max-Planck-Gesellschaft einen signifikanten Erlös. Cellink will durch die Übernahme das zukünftige Wachstum in industrielle und klinische Anwendungen vorantreiben. Die 2001 gegründete Scienion AG ist ein erfolgreicher Spezialist auf dem Sektor der Dispensierung von Flüssigkeiten im Nano- und Picoliterbereich. Mithilfe der Scienion Dispensiersysteme, ähnlich einem Tintendrucker, können Kunden DNA, Peptide, Antikörper und Proteine auf Trägermedien bringen und so unter anderem Schwangerschaftstests, Allergietests, Krebsdiagnose-Tools oder Biosensoren für die Glukosemessung herstellen. Scienion wird dazu weiterhin als eigenständiges Unternehmen bestehen bleiben.

Inkubatoren

Max-Planck-Innovation hat vor einigen Jahren verschiedene Inkubatoren ins Leben gerufen, um Erfindungen und Know-How industriekompatibel zu validieren und ergänzende Daten zu generieren, um diese damit näher an die Industrie und den Markt heranzubringen.

Neben der erfolgreichen Finanzierungsrunde für Quench Bio (siehe Ausgründungen), an der neben der Max-Planck-Gesellschaft unter anderem auch das Lead Discovery Center (LDC) beteiligt ist, konnten weitere Projekte erfolgreich am LDC vorangebracht werden. Im Mai 2020 startete ein vom KHAN-I Fonds finanziertes Projekt zur Entwicklung einer Technologie, die eine Impfung ohne Nadel erlauben soll. Dabei wird ein sogenanntes “Langerhans Cell Target Delivery System” genutzt, wodurch Impfstoffe direkt auf die Haut aufgetragen beziehungsweise mit Mikronadeln injiziert werden können. Das System soll auch auf die Verabreichung von SARS-CoV2 Impfstoffen angepasst werden und basiert auf Arbeiten des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Im Juni erhielt die Firma Qurient, die mehrere aus der Max-Planck-Gesellschaft stammende Technologien lizenziert hat und gemeinsam mit dem LDC kooperiert, von der Food and Drug Administration (FDA) in den USA eine IND (investigational new drug application) für Q702 erteilt. Dies ist die Voraussetzung für den Start der klinischen Phase I. Q702 ist ein oral verfügbares, immunonkologisch wirksames kleines Molekül (small molecule), das drei Thyrosinkinasen (Axl, Mer, CSF1R) inhibiert und zur Behandlung von fortgeschrittenen soliden Tumoren eingesetzt werden soll. Auch im zwölften Jahr konnte somit die Partnerschaft zwischen LDC und MPG sehr erfolgreich fortgesetzt werden. Das LDC beschäftigt derzeit über 80 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Der Life Science-Inkubator (LSI) konnte mit der SmartNanotubes Technologies GmbH eine weitere Unternehmensgründung ins Leben rufen. Das Start-up entwickelt den weltweit ersten Geruchssensor-Chip für den Massenmarkt. Der Smell iX16 auf der Basis von Nanotechnologie soll in der Qualitätssicherung, der Lebensmittelkontrolle, der Gefahrenabwehr und im Gesundheitsbereich zum Einsatz kommen. Ebenfalls neu gegründet wurde die VesselSens GmbH. Sie entwickelt und vertreibt das erste implantierbare Sensor-System zur effizienten telemedizinischen Diagnose einer erneuten Blutgefäßverengung nach einer Stent-Implantation. Die Gesamtbewertung der ausgegründeten Unternehmen des LSI beläuft sich Ende 2020 auf eine Summe von 38,3 Millionen Euro. Die Unternehmen beschäftigten insgesamt 38 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Im Jahr 2020 wurden zwei Unternehmen nach Inkubation am IT Inkubator erfolgreich gegründet. Die InFit health companion GmbH entwickelt eine Lösung zur individuellen Verbesserung des Fitnessniveaus, basierend auf molekularen Messungen auf miRNA-Ebene. InFit ist ein datengesteuerter persönlicher Fitnesstrainer, der ein dauerhaftes Wohlbefinden gewährleisten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen soll. Eine weitere Neugründung ist die 2log GmbH. 2log ist ein System, das Unbefugten den Zugang zu Maschinen im Betrieb verwehren soll. Es besteht aus einem Adapter, der zwischen Stromstecker und Steckdose von Maschinen gesteckt wird, der drahtlos mit dem sogenannten 2log-Dot verbunden ist. Dieser verwaltet zentral die Zugangsberechtigungen für Maschinen und Geräte und gibt erst nach Identifizierung mit einem Ausweis die Stromzufuhr für die Geräte frei. Die Projekte Elexir und PosterLab konnten weitere Folgefinanzierungen für sich einwerben.

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