The Mask-Arrayed: Maskenschau

Ein interdisziplinäres und interkulturelles Projekt über Geschichte und Gegenwart des Maskentragens

Der Mund-Nasen-Schutz ist zum Symbol der Corona-Pandemie geworden. In Bus und Bahn, in Supermärkten und Schulen, in Fußgängerzonen und Büros tragen Menschen in vielen Teilen der Welt inzwischen mit größter Selbstverständlichkeit eine Gesichtsmaske – noch Anfang 2020 wäre das kaum vorstellbar gewesen. Ein Projekt am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte ist diesem Phänomen auf der Spur: Mithilfe einer stetig wachsenden Sammlung von Essays aus unterschiedlichen Ländern ermöglicht es Einblicke in historische, psychologische, kulturelle und künstlerische Aspekte der Masken und ihrer Träger.

Aus einer Maskenverpackung wird eine Maske. Was wir von Menschen in Japan über den Umgang mit Unsicherheit lernen können, geht der Essay von Jadie Iijima nach.

Masken gehören zu den frühesten Artefakten der Menschheitsgeschichte. Eine der ältesten dokumentierten Höhlenmalereien zeigt zum Beispiel einen Mann mit einer Hirschmaske. Aus dem alten Ägypten sind Totenmasken bekannt, aus dem alten Griechenland Theatermasken. Jahrtausende lang war die Maske ein Mittel der Transformation oder Verwandlung, erst in jüngerer Zeit begann man sie als Schutzausrüstung zu verwenden, wie der Technikhistoriker Jan Henning von der Universität Toronto beschreibt. Sein Essay „The transformation. A short history of masks“ gehört zu einer Sammlung von Texten und Bildern, die das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte derzeit auf einer eigenen Webseite aufbaut.

„Erkenntnisgewinn geschieht nicht an irgendeinem abstrakten Ort“, erklärt Marianna Szczygielska, Postdoc am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in einem Podcast des Instituts den Ausgangspunkt des Projekts. „Die Wissenschaftsgeschichte schenkt der materiellen Kultur viel Aufmerksamkeit, denn die Materialität von Objekten kann uns einiges über die Welt erzählen. Wir haben uns für das Thema Maske entschieden, weil sie zu so einem wichtigen Objekt geworden ist.“

Die Historie der Masken ist dabei nur ein Aspekt. Ein weiteres wichtiges Anliegen der beteiligten Wissenschaftlerinnen sind kulturelle Unterschiede beim Tragen von Masken, sagt Carolin Roeder, die Initiatorin des Projekts im gleichen Podcast. Das gelte gerade auch für Asien: „Seit Beginn der Krise ist die Vorstellung sehr verbreitet, in asiatischen Kulturen sei es üblich Maske zu tragen, weil dort mehr auf Sicherheit oder Hygiene geachtet werde. Aber man kann Japaner, Chinesen und Südkoreaner nicht in einen Topf werfen. In Südkorea haben die Menschen zum Beispiel begonnen, Masken zu tragen, um sich vor Luftverschmutzung zu schützen.“

Schweigen sichtbar machen: Der Künstler Tran Tuan ließ  Gesichtsmasken mit toten Fischen bedruckten, um eine Umweltkatastrophe vor der Küste Vietnams sichtbar zu machen.

Davon berichtet der koreanische Medizinhistoriker Jaehwan Hyun in einem der Essays und schlägt dabei den Bogen zu Taucherinnen aus Korea und Japan. Die Frauen, die in den 1940er- bis 1960-er Jahren nach Meeresfrüchten tauchten, suchten nach Möglichkeiten, Schmerzen beim Tragen ihrer Tauchermasken zu verhindern. Wie sehr die Maske ihre Träger körperlich einschränkt, ist Thema der Historikerin Noa Hegesh: Nicht nur Atmen und Sprechen werden erschwert, auch Gerüche lassen sich nur mehr gedämpft wahrnehmen. Das japanische Ritual des Maskentragens beleuchtet wiederum die junge Japanerin Jadie Iijima in ihrem Essay.

Masken sind in jeder Hinsicht vielschichtig. Das zeigen auch die künstlerischen Beiträge in der Maskenschau des Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte – etwa das Projekt der vietnameschen Künstler Tran Tuan und Ngoc Tu Hoang. Der Anlass dafür war eine Umweltkatastrophe 2016, als an der zentralvietnamesischen Küste chemische Giftabfälle ins Meer gelangten, wodurch zahllose Fische starben und Menschen in der Region erkrankten. Die vietnamesische Regierung schwieg wochenlang zu dem Skandal, worauf die beiden Künstler Gesichtsmasken mit toten Fischen bedruckten, um das Schweigen sichtbar zu machen. Im Interview spricht Tran Tuan über das Projekt, aber auch darüber, welche neuen Fragen sich mit dem Maskentragen in der Coronapandemie stellen.

Die Maske ist also weit mehr als ein Stück Stoff, es lohnt sich, einen Blick darunter zu werfen. Die aktuell 11 Essays der Maskenschau bieten diese Möglichkeit.

Mechthild Zimmermann

 

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