Jung, aber durch Covid-19 gefährdet

Wegen weit verbreiteter Vorerkrankungen kann die Coronapandemie in Ländern des Globalen Südens auch für junge Menschen zum Risiko werden

24. Juni 2020

Für Menschen in Europa gilt das Alter als einer der Risikofaktoren für eine Covid-19-Erkrankung. In Ländern des Globalen Südens ist die Bevölkerung zwar im Durchschnitt jünger, trotzdem sind die Menschen nicht weniger von der Pandemie betroffen. Ein Grund dafür: Der Anteil der Menschen im Erwerbsalter mit Vorerkrankungen ist deutlich höher als in Europa, so eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock.

Busfahren mit Maske in Sao Paulo, Brasilien: Wegen weit verbreiteter Vorerkrankungen kann Covid-19 in Ländern des Globalen Südens auch für junge Menschen gefährlich werden.

In Brasilien und Nigeria leiden Erwachsene in fast jedem Alter häufiger an Vorerkrankungen als in Italien. Damit steigt auch ihr Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19. „Wir zeigen, wie viel weiter Herz-Kreislauferkrankungen, chronisch obstruktive Lungenerkrankung und chronisches Nierenversagen in Nigeria und Brasilien verbreitet sind als in Italien“, sagt Marilia Nepomuceno. Dafür hat die Forscherin am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock Daten der Global Burden of Disease Database ausgewertet.

Es zeigt sich, dass bei den Anfang 20-jährigen in Brasilien und Nigeria der Anteil der Menschen, die an einer Herz-Kreislauferkrankungen leiden, mehr als zwei Mal höher ist als in Italien. Auch bei chronischem Nierenversagen und der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung ist die Prävalenz, also der Anteil der Erkrankten in der Bevölkerung, in Brasilien und Nigeria bei Menschen über 40 Jahren im Vergleich zu Italien deutlich höher. Bei Frauen in Nigeria können die Unterschiede in der Prävalenz  sogar bis zu viermal höher sein als in Italien. Es ist deshalb anzunehmen, dass dort die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter weitaus anfälliger für schwere Formen von Covid-19 ist als in Europa.

Zusammen mit ihren Institutskollegen Enrique Acosta und Diego Alburez-Gutierrez sowie einem internationalen Forschendenteam, veröffentlichte Marilia Nepomuceno ihre Studie im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). Die drei unterstreichen, wie wichtig verschiedene demografische Faktoren sind, um die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie weltweit und besonders  im Globalen Süden zu verstehen.

Chronische Krankheiten sind bei der Erwerbsbevölkerung in Ländern des Globalen Süden häufiger. Der Anteil der Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen Anfang 20 ist zum Beispiel in Brasilien und Nigeria mehr als doppelt so hoch wie in Italien.

Zu den Risikofaktoren für eine ernste Covid-19-Erkrankung gehören nicht nur Alter und Geschlecht, sondern auch die Verbreitung von Vorerkrankungen in der Bevölkerung.  Zudem beeinflussen weitere Gegebenheiten vor Ort, wie viele Menschen betroffen sind. Dazu zählen der Zugang zu ärztlicher Versorgung und Krankenhäusern, die hygienisch-sanitären Bedingungen und die wirtschaftlichen Verhältnisse vor Ort. Verglichen mit Europa ist in diesen Bereichen die Lage im Globalen Süden in Ländern wie Brasilien und Nigeria meist schlechter. Das wirkt dem vermeintlichen Vorteil der relativ jüngeren Bevölkerung entgegen. Um die weltweiten Auswirkungen der Covid-19-Pandemie besser zu verstehen, sind deshalb in jedem Land Maßnahmen erforderlich, die den epidemiologischen, sozialen und wirtschaftlichen Kontext berücksichtigen.

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