"Wir wollen nicht nur auf der Couch sitzen"

6. April 2020

Daniel Calovi ist Postdoktorand am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in der Abteilung "Collective Behaviour“ von Ian Couzin und Mitbegründer des Projekts "Crowdfight Covid19". Die Initiative hat zum Ziel, Freiwillige, die Hilfe anbieten, mit Forschenden zusammenzubringen, die an Covid19 forschen und Unterstützung benötigen. Hier spricht Daniel Calovi über Hauptkonzept, Motivation und Gesamtziel der Initiative. Die Mitgründer sind Sara Arganda Carreras von der Universität Madrid und Alfonso Pérez Escudero vom Center for Integrative Biology, CNRS, in Toulouse.

Daniel Calovi ist Postdoc am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz

Herr Calovi, was ist die grundsätzliche Idee von "Crowdfight Covid19"? Und wie kamen Sie darauf?

Daniel Calovi: Vor etwa zwei Wochen habe ich mit zwei befreundeten Forschenden aus Toulouse und Madrid über die aktuelle Situation in der Welt gesprochen. Wir haben uns überlegt, dass es momentan viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen geben muss, die im Homeoffice feststecken, sich langweilen oder etwas mehr Zeit haben, da zurzeit die Labors und Forschungseinrichtungen geschlossen sind. Auf der anderen Seite sind diejenigen Forschenden, die aktiv gegen Covid19 kämpfen, wahrscheinlich beschäftigter als je zuvor. Deshalb dachten wir uns, es wäre doch toll, wenn diese Leute mit etwas zusätzlicher Zeit den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen helfen könnten, die überhaupt keine Zeit haben.

Wie bringt man diese beiden Gruppen zusammen?

Unsere Idee war es, eine Website zu erstellen, die wie ein Marktplatz funktioniert. Freiwillige können dort ihre Hilfe anbieten, und Forschende, die an einem Covid19-bezogenen Projekt arbeiten, können um Unterstützung bitten, indem sie Anfragen schicken. Wir und die anderen Mitglieder des Kernteams verwalten diese Anfragen und verbinden die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit anderen Experten.

Welche Art von Anfragen erhalten Sie?

Bislang haben wir mehr als 200 Anfragen erhalten. Darunter waren zum Beispiel Wissenschaftler, die nach DNA-Datenbanken suchten, um die Sequenzierungsdaten von Sars-CoV-2 mit dem MERS- oder SARS-Virus vergleichen zu können. Oder Forschende, die eine Clusteranalyse der Infektionsraten durchführen und Hilfe bei der Auswertung der Ergebnisse benötigen. Manche Aufgaben erfordern Spezialisten, manche Aufgaben lassen sich leicht durch Googeln oder kurze Recherchen lösen. Aber unabhängig von der Schwierigkeit wissen wir aus unserer eigenen Laborerfahrung, dass es genau diese kurzen manuellen Aufgaben sind, die wertvolle Zeit stehlen. In letzter Zeit haben wir Anfragen von Forschungsgruppen und Unternehmen erhalten, die spezifische Antikörper und Reagenzien benötigen. Diese gleichen wir mit unserem Pool von Freiwilligen ab und leiten die Anfrage an diejenigen weiter, die zuvor angegeben haben, das angeforderte Material vielleicht zur Verfügung stellen zu können.

Wer kann an der Initiative teilnehmen?

Im Grunde genommen jeder. Im Moment haben mehr als 40000 Freiwillige aus Instituten auf der ganzen Welt ihre Hilfe angeboten, darunter Forschende aus dem Bereich der Informatik, Biologie, Physik und Chemie, aber auch Experten in Sozialwissenschaften und sogar Nicht-Wissenschaftler wie Graphik-Experten oder Social-Media-Manager. Ich schätze, man kann fast jede Art von Beruf finden. Bei dieser Vielfalt an Wissen gibt es wahrscheinlich für jedes Problem einen Spezialisten oder eine Spezialistin.

Beraten Sie auch Behörden?

Bislang nicht. Es gab jedoch einen Fall einer klinischen Studie, bei dem eine Literaturrecherche notwendig war, um die Studie zu genehmigen. Die Arbeit mag natürlich nicht sehr kompliziert sein, aber für Menschen, die in den Kliniken arbeiten, beansprucht das Zeit, die sie nicht haben.

Was ist das endgültige Ziel von Crowdfight Covid19?

Ich würde sagen, wir wollen einfach nur helfen. Diese Pandemie ist eine Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen. Wir sitzen alle im selben Boot. Sie kennen wahrscheinlich das Internet-Meme, in dem es heißt: "Unsere Großeltern mussten sich im Bunker verstecken, um ihr Land zu retten - ich muss nur auf meiner Couch sitzen". Wir haben beschlossen, dass wir nicht nur auf der Couch sitzen wollen. Wir wollen helfen. Und wenn ich ein paar Stunden meines Tages dafür verwenden kann, den an vorderster Front kämpfenden Helden und Heldinnen etwas Zeit abzunehmen, dann ist das das Mindeste, was wir tun können.

Das Interview führte Tobias Herrmann

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