Forschungsbericht 2019 - Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Umzüge nach Naturkatastrophen mit Facebook-Daten rekonstruieren

Autoren
Zagheni, Emilio
Abteilungen
Arbeitsbereich Digitale und computergestützte Demografie, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Zusammenfassung
Nach Naturkatastrophen ist es fast unmöglich, zeitnah Zahlen über Migrationsbewegungen zu liefern, wenn man nur traditionelle Datenquellen etwa von statistischen Behörden verwendet. Hier bietet sich Facebook als ergänzende Informationsquelle an. Emilio Zagheni, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, rekonstruierte die Wanderungsbewegungen von Puerto Rico auf das Festland der USA nach Hurrikan Maria im Herbst 2017. Dabei entdeckte er auch einen Trend zur Rückkehr auf die Insel.

Was haben die Menschen auf Puerto Rico nach Hurrikan Maria im September 2017 gemacht? Wie viele blieben vor Ort? Wer ging weg? Diese und noch mehr Fragen müssen schnell und präzise beantwortet werden. Denn erst so können Behörden die Betroffenen unterstützen, unabhängig davon, ob diese bleiben, nach Hause zurückkehren oder woanders ein neues Leben beginnen wollen.

Traditionelle Datenquellen, etwa von statistischen Ämtern, halten solche passgenauen Informationen jedoch nicht bereit. So erheben zum Beispiel die Behörden in den USA Umzüge innerhalb von US-Bundesstaaten und US-Überseegebieten wie Puerto Rico nicht jeden Monat. Genau das wäre aber nötig, um Wanderungsbewegungen im Katastrophenfall nachzuvollziehen.

Deshalb arbeiteten Monica Alexander, Kivan Polimis und ich mit einer anderen Datenquelle: Facebook. Anonymisierte Facebook-Daten, die regelmäßig für Werbetreibende erhoben werden, liefern zusätzlich zur bloßen Angabe der Zahl auch präzise demografische Informationen über die Migrierenden. So können wir nicht nur zeitnah nachvollziehen, wie viele Personen nach Hurrikan Maria umzogen, sondern auch wie alt sie waren und welches Geschlecht sie haben. Das ist ein zusätzlicher Vorteil, auch gegenüber anderen unkonventionellen Quellen wie Fluggast- oder Mobiltelefon-Daten.

Wichtig bei der Analyse von Facebook-Daten: Trends beobachten und vergleichen

Abb.1: Nach Hurrikan Maria im September 2017 nahm vor allem in US-Bundesstaaten mit bereits bestehenden puerto-ricanischen Communities die Bevölkerung zu. Rund vier Monate nach der Naturkatastrophe setzte auch ein Trend zur Re-Migration ein.

Meine Kollegin, mein Kollege und ich hatten schon seit Januar 2017 Daten der Facebook-Werbeplattform gesammelt. Da der Hurrikan Puerto Rico im September traf, verfügen wir also über Informationen zu Migrationsbewegungen vor und nach der Naturkatastrophe.

Das ist wichtig, da Facebook-Daten nicht aussagekräftig wären, würde man sie nur für einen einzigen Zeitpunkt auswerten. Erst wenn Trends über einen längeren Zeitraum und im Vergleich mit anderen Ländern beobachtet werden, können daraus Schlüsse zu Migrationsbewegungen gezogen werden.

Ein weiterer Faktor muss bei der Arbeit mit Facebook-Daten berücksichtigt werden: Vor allem junge Menschen nutzen das soziale Netzwerk. Ältere Menschen sind im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung unterrepräsentiert. Mit einem geeigneten statistischen Modell korrigierten wir deshalb diese Verzerrung des Datensatzes.

180.000 Menschen wanderten nach dem Hurrikan auf das Festland ab

Abb. 2: Direkt nach dem Hurrikan steigt der Anteil junger Erwachsener aus Puerto Rico in der Bevölkerung auf dem US-amerikanischen Festland.

Unsere Analysen zeigten deutlich, dass die Migration von Puerto Rico in verschiedene US-Bundesstaaten direkt nach Hurrikan Maria schlagartig anstieg: Wir fanden heraus, dass unmittelbar nach dem Hurrikan etwa 180.000 Menschen von der Insel auf das US-amerikanische Festland umzogen. Üblicherweise migrieren im September nur rund 15.000 Menschen von Puerto Rico in die USA. Unter ihnen waren hauptsächlich junge Menschen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren. Außerdem zeigte sich, dass diese jungen Erwachsenen vor allem in US-Bundesstaaten mit bereits bestehenden puerto-ricanischen Communities migrierten: In Florida, Connecticut und Pennsylvania nahm die puerto-ricanische Bevölkerung am stärksten zu.

Es blieben also vor allem ältere Menschen auf Puerto Rico. Allgemein schließen wir daraus, dass Menschen ein gewisses Maß an Mitteln benötigen, um schnell auf eine Katastrophe zu reagieren. Denn die Möglichkeiten zum Umzug hängen von Gesundheit und finanzieller Lage ab. Geschwächte und arme Menschen bleiben vor Ort, egal wie verheerend die Situation ist.

Mit Facebook-Daten auf solider wissenschaftlicher Basis arbeiten

Da wir auch für das folgende Jahr Daten der Facebook-Werbeplattform ausgewertet haben, fanden wir heraus, dass Anfang 2018 rund 20.000 Menschen nach Puerto Rico zurückgekehrt sind. Das bedeutet, es setzte ein Trend zur Re-Migration ein, nachdem die schlimmsten Folgen des Hurrikans beseitigt waren. Auch diese Migrationsbewegung hätten wir mit traditionellen Datenquellen nicht erfassen können.

Es erfordert solides statistisches Wissen und Programmierkenntnisse, um solche heute im Forschungsfeld noch unkonventionellen Daten präzise aufzubereiten und auszuwerten. Deshalb arbeiteten an diesem Projekt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Demografie, Datenwissenschaften und Statistik zusammen. Gemeinsam entwickelten wir neue Methoden und überprüften unsere Ergebnisse unabhängig voneinander mit zusätzlichen Datenquellen.

Deshalb bin ich überzeugt, mit Facebook-Werbedaten und statistischen Modellen die Wanderungsbewegungen nach Hurrikan Maria von Puerto Rico in die USA gut nachvollzogen zu haben. Mit unserer Methode können wir Entscheidungsträgerinnen und -träger im Katastrophenfall zügig zuverlässige Migrationsdaten liefern und so Hilfsmaßnahmen unterstützen.

Literaturhinweis

1.
Alexander, M.; Polimis, K.; Zagheni, E.
The impact of Hurricane Maria on out-migration from Puerto Rico: Evidence from Facebook data
Population and Development Review 45, 617–630 (2019)
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