„Die Menschen nehmen die Spaltung in der Gesellschaft nicht wahr“

Lisa Windsteiger vom Max-Planck-Institut für Steuerrecht und öffentliche Finanzen über die verzerrte Wahrnehmung sozialer Ungleichheit und die Folgen für die Umverteilung

Niemand hat den absoluten Durchblick, wenn es um die Einkommensverteilung in der Gesellschaft geht – selbst Ökonomen nicht, weiß Lisa Windsteiger. Sie hat einem Modell, das die Gesellschaft nach Einkommen einteilt, einen entscheidenden Aspekt hinzugefügt. Menschen nehmen die gesamtgesellschaftliche Einkommensungleichheit durch ihre ganz eigene Brille wahr. Diese Brille wird unter anderem von der eigenen sozialen Umgebung getrübt. Die wissenschaftliche Referentin am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und öffentliche Finanzen in München erklärt in diesem Interview, warum das soziale Umfeld so eine immense Bedeutung für einen selbst und sogar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat.

"Jeder lebt in seiner eigenen Welt und das Verständnis für andere Standpunkte fehlt. Dadurch ist natürlich der Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährdet."

Frau Windsteiger, wie ist Ihr Forschungsthema entstanden?  

Ich habe mir die Frage gestellt: Wissen Menschen wirklich darüber Bescheid, wie die Einkommensverteilung aussieht oder wie sie im Vergleich zu anderen in der Bevölkerung dastehen? Diese Frage zu bejahen kam mir komisch vor, denn ich wüsste die exakte Antwort nicht einmal, obwohl ich Ökonomin bin und mich täglich mit diesen Themen befasse. Also habe ich mich gefragt: Kann es sein, dass die Menschen eine teils verzerrte Wahrnehmung der gesamtgesellschaftlichen Einkommensverteilung haben? Wodurch wird dies beeinflusst und wie wirkt sich das eventuell auf die Nachfrage nach Umverteilungsmaßnahmen aus?

Und was war die Antwort auf diese Fragen?

Normalerweise gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Nachfrage nach Umverteilung hoch ist, wenn die Ungleichheit ebenfalls hoch ist. Wenn die Menschen aber eine verzerrte Wahrnehmung haben, dann ist diese Grundaussage nicht mehr automatisch wahr. Denn dann geht es nicht mehr darum, wie die tatsächliche Ungleichheit aussieht, sondern darum, wie die Ungleichheit wahrgenommen wird. Ein Anstieg der wirklichen Ungleichheit führt nicht gleichzeitig dazu, dass die Wahrnehmung von Ungleichheit steigt. Mit meiner Forschung untersuche ich, wie sehr das eigene soziale Umfeld die Wahrnehmung von Ungleichheit beeinflusst.

Das soziale Umfeld sind dann die Freunde und Kollegen?

Richtig. Es geht darum, mit wem jemand interagiert. Eine Person interagiert eben nicht täglich mit einer repräsentativen Gruppe der Bevölkerung. Das eigene soziale Umfeld ist sehr von der eignen sozioökonomischen Situation abhängig. Ein Beispiel: Ich interagiere hier mit meinen Kollegen, die genau dasselbe verdienen, wie ich. Mein Mann kommt aus einer ähnlichen sozialen Schicht wie ich. Unsere Freunde haben auch relativ ähnliche Lebensläufe. Menschen treffen also eher andere, die so ähnlich sind wie sie selbst.

Wie beeinflusst das soziale Umfeld dann die persönliche Wahrnehmung?

Die ökonomische Situation von den Menschen, mit denen eine Person täglich interagiert, ist häufig bekannt. Dabei sieht die Person normalerweise weder die ganz Reichen, noch die ganz Armen. Die Konsequenz ist, dass die Person oft von ihrem Umfeld auf die gesamte Gesellschaft schließt, ohne dass ihr bewusst ist, dass sie nur einen ganz kleinen Teil betrachtet. Somit glaubt sie oft, dass der Rest der Gesellschaft dem eigenen Umfeld gleicht. Die Wahrnehmung ist verzerrt. Ich zeige zum Beispiel für die USA und Großbritannien Folgendes: Je ähnlicher das soziale Umfeld ist, desto weniger exakt wird die Einkommensverteilung in der gesamten Bevölkerung wahrgenommen.

Das heißt, die verzerrte Wahrnehmung trägt zu einer sozialen Spaltung bei?

Genau. Je ungleicher das Einkommen verteilt ist, desto eher tendieren die Menschen dazu, mit ihresgleichen zu interagieren. Dann betrachten die Menschen ihr einheitliches Umfeld und schlussfolgern tendenziell, dass die Gesellschaft immer gleicher wird – und nicht immer ungleicher. Das kann letztlich dazu führen, dass die Bürgerinnen und Bürgern gar keine Umverteilung verlangen. Wenn die Gesellschaft jedoch keine stärkere Umverteilung fordert, dann kann sie immer weiter auseinanderdriften. Jeder lebt in seiner eigenen Welt und das Verständnis für andere Standpunkte fehlt. Dadurch ist natürlich der Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährdet.

Das geschieht, obwohl wir durch neue Technologien mehr denn je die Möglichkeit hätten, soziale Spaltung zumindest teilweise zu kompensieren. Denn ich kann auf Twitter oder Instagram mit jedem interagieren, auch wenn ich mit dieser Person nicht in die Schule gehe oder im selben Bezirk wohne. Das Problem ist nur, dass es nicht geschieht.

Das sind teilweise sehr gravierende Folgen. Wie könnten diese vermieden werden?

Eine wichtige Rolle spielt hier der Staat, finde ich. Er könnte in öffentliche Güter, wie Verkehr, Schulen, Bibliotheken und Parks, investieren. Zum Beispiel gestaltet er durch sozialen Wohnbau Stadtviertel, in denen für eine soziale Durchmischung gesorgt wird. Der Staat sollte diese öffentlichen Plätze, wo sich die gesamte Gesellschaft trifft, wieder mehr zur Verfügung stellen. Der Trend geht momentan leider in die andere Richtung. Besonders in ländlichen Regionen werden Bibliotheken und Schulen eher geschlossen. Ich glaube, dass der Staat hier handeln muss, um gegen die soziale Spaltung vorzugehen. In meinen Augen wird sich der Markt hier nicht selbst regeln, denn die Menschen nehmen die Spaltung eben nicht mehr richtig wahr.

Allerdings besteht der Staat auch aus Menschen, die ihrerseits in einem gewissen sozialen Umfeld leben, das auch ihre Wahrnehmung beeinflusst. Die Investitionen müssen aber getätigt werden, um die verzerrten Wahrnehmungen aufzubrechen. Wie kann man diesem „Teufelskreis“ entkommen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, da muss sich die Politik auf ihre Aufgaben besinnen. Investitionen in öffentliche Güter haben schließlich auch noch andere Vorteile. Sie fördern die soziale Mobilität, die ihrerseits die soziale Durchmischung unterstützen kann. Solche Investitionen sollte die Politik vorantreiben, um einer stärkeren Spaltung der Gesellschaft vorzubeugen. Die Politiker sollten die Gunst der Stunde wirklich nutzen, schließlich sind Staatsschulden zurzeit so billig, wie noch nie.

Bei der aktuellen politischen Lage in einigen Ländern drängt sich jedoch die Schlussfolgerung auf, dass die Gesellschaften bereits sehr gespalten sind. Kommen diese Investitionen eventuell schon zu spät?

Immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass unsere Gesellschaft schon sehr stark gespalten ist. Der eine Teil der Bevölkerung erfährt vom anderen Teil nur relativ wenig – außer in den Wahlresultaten, die dann alle überraschen. Aber ich glaube, als Wissenschaftlerin sollte man die Hoffnung nie aufgeben. Denn wenn es zu spät ist, dann ist auch keine Forschung mehr notwendig.

Interview: Annika Eßmann

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