Leonardo da Vinci – im Spiegel seiner Bücher

Eine neue Ausstellung rekonstruiert die Bibliothek des Universalgenies

Leonardo da Vinci war ein unermüdlicher, wissbegieriger Leser. Er besaß über 200 Bücher aus Wissenschaft und Technik, literarische sowie religiöse Werke. Die neue Ausstellung "Leonardos intellektueller Kosmos" zeigt eine bislang unbeleuchtete Seite des Künstlers und Ingenieurs, der auch ein belesener Intellektueller war und der - mehr als 500 Jahre nach seinem Tod - noch immer fasziniert. Die Ausstellung ist bis zum 28. Juni 2021 in der Staatsbibliothek Berlin zu sehen und wurde federführend vom Museo Galileo in Florenz und vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte kuratiert. Wegen der Pandemie ist die Ausstellung vor Ort noch nicht zugänglich, aber vollständig virtuell zu erleben.

Die Ausstellungsgestaltung von Serge von Arx inszeniert Leonards intellektuellen Kosmos als konzentrisches Spiegellabyrinth.

Leonardos Geschichte ist nicht die eines Glückskindes. Er kam am 15. April 1452 in dem toskanischen Ort Vinci als unehelicher Sohn einer 16-jährigen Magd zur Welt. Obwohl ihm später sein Vater, ein Jurist, dabei half, eine Lehrstelle in Florenz beim berühmten Maler Andrea del Verrocchio zu finden, durfte Leonardo nie eine höhere Schule besuchen.

Umso größer war Leonardos Wissensdurst, den er durch eine große Büchersammlung zu stillen versuchte. Dabei profitierte er von der Erfindung des Buchdrucks in Deutschland, denn "er ist exakt so alt" wie diese Erfindung und war "ein Mensch es Epochenumbruchs", sagte  Barbara Schneider-Kempf, Direktorin der Staatsbibliothek zu Berlin bei der Ausstellungseröffnung. In Mainz hatte Johannes Gutenberg um 1450 die Schrift in ihre 26 Buchstaben zerlegt und mit Hilfe von wiederverwendbaren Matrizen völlig gleichförmige Bleitypen hergestellt. Auf einem Holzbrett konnte er sie Zeile für Zeile zu jedem gewünschten Text zusammensetzen.

Als Leonardo zwölf Jahre alt war, brachten zwei Deutsche – Arnold Pannartz und Konrad Sweynheym – den Buchdruck nach Italien. Ihre Druckerei im Benediktinerkloster von Subiaco verlegten sie 1467 nach Rom. Allein in der Heiligen Stadt wurden in den kommenden 30 Jahren eine halbe Million Bücher gedruckt. Zur Jahrhundertwende gab es in Italien bereits 150 Druckereien.

Die ersten Bücher, die Leonard erwarb, waren auf Italienisch verfasst, erst später kamen lateinische Texte hinzu. Darüber hinaus finden sich in Leonardos Bibliothek Wörterbücher und Grammatiken, die davon zeugen, wie sehr er sich bemühte, Latein zu lernen. Später verfasste er selbst Traktate über Malerei, Technik und Wissenschaft zu Themen wie Anatomie, Botanik, Mechanik, Hydraulik und Kosmologie. „Für Leonardo, einem Renaissancemenschen par excellence, war Wissenschaft eine Kunst und Kunst eine Wissenschaft“, sagt Alessandro Nova, Direktor am Kunsthistorischen Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Florenz.

Kein einsames Universalgenie

Die Zeichnungen in der mathematischen Abhandlung "De Divina Proportione" von Luca Pacioli aus dem Jahr 1498 werden Leonardo da Vinci zugesprochen.

Er habe als „Mann ohne Gelehrsamkeit“ (omo sanza lettere) mindestens 120 Bücher verfasst, schrieb Leonardo selbst, nicht ohne Ironie und einen gewissen Stolz. Keines davon ist jedoch jemals erschienen. Von seinen Aufzeichnungen erhalten sind seine Notizbücher, Tausende Seiten, teils lose, randvoll mit Skizzen, Berechnungen und handschriftlichen Bemerkungen. Leonardo schrieb als Linkshänder von rechts nach links in Spiegelschrift und schulte stets seinen Schreibstil.

Auch von seiner umfangreichen Bibliothek wissen wir heute lediglich durch seine Notizen, in denen er über die erworbenen Bände penibel Buch führte. Für Kunsthistoriker ist sie ein Schatz, den sie sich erst seit kurzer Zeit erschließen. „Seine Bibliothek zeigt, dass er mitnichten ungebildet war“, sagt der Leonardo- und Literaturwissenschaftler Carlo Vecce, der mit einem internationalen Team Pionierarbeit bei der Erforschung von Leonardos Büchern geleistet hat. „Seine Bibliothek zeigt das Bild des Gelehrten, Künstlers und Wissenschaftlers, und offenbart die enge Beziehung, die er zu den Büchern hatte. Er war kein einsames Universalgenie, sondern stand im regen Austausch mit der Kultur seiner Zeit sowie den berühmten Autoren der Antike und Renaissance, die Leonardo selbst als altori bezeichnete.“

Von Leonardos Originalbibliothek ist nur noch ein einziger Band erhalten, das Trattato di architettura e macchine von Francesco di Giorgio – ein Manuskript mit handschriftlichen Anmerkungen des Künstlers, das heute in der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz verwahrt wird. „Aus Leonardos Manuskripten und den dort enthaltenen Verweisen wie Zitaten, Autoren und Buchtiteln sowie aus Listen der in seinem Besitz befindlichen Werke können Wissenschaftler jedoch seinen Bücherschatz rekonstruieren“, sagt Paolo Galuzzi, Direktor am Museo Galileo in Florenz.

So listete Leonardo im Jahr 1478 eine Reihe von Namen in einem seiner Notizbücher auf, unter ihnen Benedetto de l’ Abaco, der das Rechnen mit arabischen Ziffern lehrte, und den Maestro Pagolo Medico, Paolo Toscanelli, einen Arzt, Mathematiker und bedeutenden Kartografen seiner Zeit. Dieser inspirierte Kolumbus dazu, den westlichen Weg nach Indien zu wählen. „Die Namen bringen Leonardos Wunsch zum Ausdruck, sich Zugang zur Mathematik und zur Gelehrtenwelt zu verschaffen“, so Carlo Vecce. In einem weiteren Verzeichnis führt Leonardo eine Liste mit 98 weiteren Buchtiteln auf, neben Aesops Fabeln und Ovids Metamorphosen, Werke aus Kunst, Technik und Medizin.

Die Ausstellung: Leonardos Kosmos als Spiegelkabinett

Die Ausstellung "Leonardos intellektuelle Kosmos", die vom 11. Mai bis 28. Juni 2021 in der Staatsbibliothek zu Berlin zu sehen ist, erschließt nun zum ersten Mal eine Auswahl der signifikantesten Texte, die sich in Leonardos Besitz befanden und von ihm verwendet wurden.Hinzu kommen zahlreiche Studien-Einzelblätter aus Leonardos Hand als Faksimiles. Da die Originalbibliothek verschollen ist, versammelt die Schau vergleichbare zeitgenössische Ausgaben von Leonardos Büchern, die von verschiedenen Berliner Bibliotheken zur Verfügung gestellt werden. Viele Werke kommen aus der Staatsbibliothek Berlin und aus der Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte. Weitere Leihgaben steuerten das Museum für Naturkunde Berlin, das Planetarium und das Deutsche Technikmuseum Berlin bei, denn zu sehen sind auch Reproduktionen von Codices, Kunstwerken und Objekten wie Druckereischränken. Dafür wurde der Ausstellungsraum von Serge von Arx gestalterisch in ein kreisförmiges Spiegelkabinett verwandelt. Das Zentrum der labyrinthisch ineinander gestaffelten farbig angestrahlten Glaselemente bildet die Klang-Installation "Wissensexplosion" als Inszenierung der vom Geistessturm aufgewirbelten Manuskripten Leonardos.

Auf den Computern in den Ausstellungsräumen können die Besucherinnen und Besucher durch digitalisierte Bücher und Manuskripte blättern und haben Zugang zu Informationen über den Inhalt der Bücher und Leonardos Nutzung. „Die Werkschau verschafft damit Zugang zu dem Labor in Leonardos Kopf und lässt Interessierten seine kontinuierliche Entwicklung als Künstler und Wissenschaftler mitverfolgen“, so Jürgen Renn, Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. In einer digitalen Bibliothek sind alle Bücher zu finden , die sich in Leonardos Besitz befanden, mit der jeweiligen Inhaltsbeschreibung und einem Link zu den Seiten in den Notizbüchern des Künstlers, auf denen auf das Werk verwiesen wird.

Begleitet wird die Ausstellung von einem umfassenden, reich illustrierten Katalog, der Essays führender Leonardo-Experten enthält. Er ist auf Deutsch und Englisch bei Giunti Editore erhältlich. Die Ausstellung ist Teil eines kooperativen Forschungsprojekts über Leonardo da Vinci, das vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftgeschichte zu dessen 500. Geburtstag im Jahr 2020 initiiert wurde.

BA

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