Forschungsbericht 2018 - Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Ungleichheiten im Sterbealter als demografisches Maß: Was ist das und warum ist es so wichtig?

Autoren
van Raalte, Alyson A.
Abteilungen
Forschungsgruppe: Ungleichheiten im Sterbealter, Forschungsgruppenleiterin
Zusammenfassung
Das demografische Maß der Ungleichheiten im Sterbealter legt individuelle Unterschiede in der Sterblichkeit offen. Anhand von empirischen Beispielen aus Deutschland, den USA und Finnland zeigen wir, dass diese Unterschiede von den demografischen Maßen der durchschnittlichen Sterblichkeit wie der Lebenserwartung nicht berücksichtigt werden. Letzteres erfasst den Zugewinn an Jahren; das Maß der Ungleichheiten im Sterbealter dagegen erfasst die „Gleichheit des Zugewinns“. Um ein vollständiges Bild des Gesundheitszustandes einer Bevölkerung zu erhalten, müssen wir beides beobachten.

Statistikämter und Gesundheitsforscher sind auf zusammengefasste Maße der Sterblichkeit angewiesen, um die feinkörnigen Daten zur Sterblichkeit, die auf Ebene des Einzelnen gesammelt wurden, sinnvoll interpretieren zu können.

Diese Maße werden dazu verwendet, gesundheitspolitische Ziele festzulegen, Bevölkerungen zu vergleichen, neue Gefährdungen zu erkennen und die Auswirkungen von politischen Maßnahmen zu evaluieren.

Um die Sterblichkeit zu berechnen, wird in der Regel die Lebenserwartung verwendet. Sie gibt das durchschnittliche Alter an, das eine Bevölkerung in einem bestimmten Jahr erreichen würde, wenn die Sterblichkeitsraten künftig konstant blieben. In einem jüngst veröffentlichten Artikel habe ich zusammen mit Isaac Sasson und Pekka Martikainen gezeigt, dass dieser Ansatz allein nicht genügt [1], da die Lebenserwartung keine Streuung der Sterbealter erfasst, und diese erheblich variiert. Hinzu kommt, dass Veränderungen im durchschnittlichen Sterbealter nicht unbedingt mit Veränderungen in dieser Streuung einhergehen. Die Lebenserwartung berechnet den Zugewinn an gewonnenen Jahren; das Maß der Ungleichheiten im Sterbealter dagegen erfasst die „Gleichheit“ der gewonnenen Jahre. Sie ist somit eine Ergänzung zur Lebenserwartung.

Das Maß der Ungleichheiten im Sterbealter wird unterschiedlich ausgelegt, je nachdem, ob es für die gesamte Bevölkerung oder auf Ebene des Einzelnen verwendet wird. Auf Bevölkerungsebene zeigt es an, wie heterogen die Gesundheit einer Gesellschaft ist. Diese Heterogenität spielt eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, gesundheits- und sozialpolitische Maßnahmen, etwa für eine angemessene Altersversorgung, zu erarbeiten. Auf der Individualebene zeigt es an, wie gewiss oder ungewiss es ist, wann der Todesfall eintritt. Anhand von ökonomischen Modellen wurde gezeigt, dass Individuen hinsichtlich ihrer Lebenserwartung sehr risikoscheu sind, und dass sie es vorziehen würden, in einer Gesellschaft mit einer geringeren Lebenserwartung zu leben, wenn sie dadurch größere Gewissheit erlangen könnten, in welchem Alter sie sterben [2].  

Die Ungleichheiten im Sterbealter verringerten sich mit dem Anstieg der Lebenserwartung, und dies mindestens seit dem 19. Jahrhundert. Es besteht also ein starker negativer Zusammenhang zwischen den beiden Maßen, innerhalb eines Landes im Zeitvergleich sowie zwischen Bevölkerungen zu jeglicher Zeit [3]. Ungleichheiten im Sterbealter nehmen ab, wenn die Sterblichkeit im jüngeren Alter schneller abnimmt als in den späteren Jahren. Dadurch komprimiert sich die Verteilung der Sterbealter und so nähern sich die Sterbealter an.

Abb. 1: Proportionale Veränderung in der Lebenserwartung und in den Ungleichheiten im Sterbealter (gemessen als Standardabweichung) für Männer in den USA und Deutschland (2001–2015). Daten: Periodensterbetafeln der Human Mortality Database. Siehe [1] zu Methoden.

Abbildung 1 zeigt die proportionalen Veränderungen der Lebenserwartung und der Ungleichheiten im Sterbealter von Männern in Deutschland und in den USA für 2001 bis 2015. In beiden Ländern stieg die Lebenserwartung (linke Grafik). In den 15 Jahren erhöhte sie sich in Deutschland um rund 4 %; in den USA war der Anstieg mit 3 % etwas langsamer. Obwohl sich die Sterblichkeit in Deutschland im Vergleich zu den USA verringerte, wäre der Unterschied zu klein, um echten Handlungsbedarf zu erzeugen.

Die rechte Grafik zeigt die Trends in den Ungleichheiten im Sterbealter für beide Länder. Hier ergibt sich ein völlig anderes Bild. Die Ungleichheiten lagen 2015 in Deutschland mit 6,5 % unter dem Wert von 2001; in den USA lagen sie mit 1,5 % dagegen darüber. Dies impliziert, dass der Zugewinn an Lebenszeit in den beiden Ländern sehr unterschiedlich über die Altersgruppen verteilt war. In Deutschland sank die Sterblichkeit in den Altersgruppen unterhalb eines Alters von etwa 80 Jahren stärker. So näherten sich die Sterbealter an. In den USA konzentrierte sich der Rückgang eher auf die höheren Alter; so verteilten sich die Sterbealter breiter. Hätten politische Entscheidungsträger in den USA die Trends bei den Ungleichheiten im Sterbealter genauso stark verfolgt wie bei der Lebenserwartung, hätten sie unserer Meinung nach das Ausmaß der Sterblichkeitskrise im mittleren Lebensalter, die das Land derzeit erlebt [4], eher erkannt [1].

Abb. 2: Entwicklung der Lebenserwartung (obere Grafiken) und der Ungleichheiten im Sterbealter (untere Grafiken), gemessen als Standardabweichung, finnische Frauen, 1971–1975 bis 2011–2014. Siehe [1] zu Daten und Methoden.

Es ist wichtig, die Gesamttendenzen bei der Sterblichkeit in der Bevölkerung zu beobachten. Es sollte jedoch zusätzlich routinemäßig beobachtet werden, wie sich die entsprechenden Maße subnational in Regionen und sozioökonomischen Gruppen verändern. Wir haben eine solche Untersuchung für Finnland durchgeführt [1]. Das Land verfügt über eines der am weitesten zurückreichenden und vollständigsten Bevölkerungsregister weltweit. So konnten wir Trends in der Lebenserwartung und in den Ungleichheiten im Sterbealter nach drei sozioökonomischem Merkmalen rekonstruieren: Bildungsniveau, Berufskategorie und Einkommensquintil. Unsere Daten reichten bis in die 1970er-Jahre zurück (Abb. 2). Ein besonders bemerkenswertes Ergebnis ist, dass die Lebenserwartung in allen sozioökonomischen Gruppen zunahm, wobei sich die Unterschiede zwischen den Gruppen im Zeitverlauf vergrößerten, wenn auch nur geringfügig. Die Trends in den Ungleichheiten im Sterbealter gingen dagegen stark auseinander: Die Gruppen, die sozioökonomisch am stärksten benachteiligt waren, zeigten sogar stärkere Ungleichheiten im Sterbealter – trotz des Zugewinns an Lebenszeit. Weniger benachteiligte Individuen sind also zunehmend in der Lage, ihren Lebensverlauf mitsamt ihrer Überlebenswahrscheinlichkeit effektiv zu planen. Für benachteiligte Menschen wird es dagegen in dieser Hinsicht immer schwieriger, da für sie die Ungewissheit, wann sie sterben, größer ist.

Finnland ist nicht das einzige Land, das jahrzehntelang wachsende Ungleichheiten im Sterbealter in den unteren sozioökonomischen Gruppen aufweist. Diese Ungleichheiten konnten in allen untersuchten Ländern festgestellt werden (siehe Literaturhinweise in [5]). Trends dieser Art können leider nicht für Deutschland untersucht werden, denn die Sterbeurkunden sind nicht mit individuellen Volkszählungsdaten oder Bevölkerungsregistern verknüpft. So können sozioökonomische Unterschiede in der Sterblichkeit nur aus kleinen Erhebungen oder aus Datenbeständen der Deutschen Rentenversicherung ermittelt werden. Diese Daten sind dafür jedoch statistisch nicht aussagekräftig genug oder sie erfassen keine Trends im Zeitverlauf oder enthalten nicht alle Altersstufen.

Unsere Beispiele zeigen, dass die Dimension der Ungleichheiten im Sterbealter grundlegend wichtig, aber wenig erforscht ist. Wollen wir unser Bild über den Gesundheitszustand einer Gesellschaft vervollständigen, müssen wir nicht nur die durchschnittlichen Sterblichkeitsraten, sondern auch Ungleichheiten in diesen Durchschnittswerten beobachten.

Literaturhinweise

1.
van Raalte, A. A.; Sasson, I.; Martikainen, P.
The case for monitoring life-span inequality
Science 362, 1002–1004 (2018)
2.
Edwards, R.
The cost of uncertain life span
Journal of Population Economics 26, 1485–1522 (2013)
3.
Vaupel, J. W.; Zhang, Z.; van Raalte, A. A.
Life expectancy and disparity: an international comparison of life table data
BMJ Open 1:e000128 (2011)
4.
Case, A.; Deaton, A.
Rising morbidity and mortality in midlife among white non-Hispanic Americans in the 21st century
Proceedings of the National Academy of Sciences USA 112, 15078–15083 (2015)
5.
Permanyer, I.; Spijker, J.; Blanes, A.; Renteria, E.
Longevity and lifespan variation by educational attainment in Spain: 1960–2015
Demography 55, 2045–2070 (2018)
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