Forschungsbericht 2018 - Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

„Du schaffst das!?“ Die Emotionsgeschichte der Krebskrankheit

Autoren
Hitzer, Bettina
Abteilungen
Forschungsbereich Geschichte der Gefühle
Minerva Forschungsschwerpunkt „Gefühl und Krankheit. Geschichte(n) einer komplizierten Beziehung“
Zusammenfassung
Es gibt Annahmen, die sind gesellschaftlich so verbreitet, dass sie nicht hinterfragt werden. So zum Beispiel, dass positive Gefühle den Heilungserfolg bei einer Krebserkrankung erhöhen. Obwohl die Forschung bisher keine eindeutigen Zusammenhänge feststellen konnte, prägt diese Vorstellung bis heute den Umgang mit Erkrankten. Noch im 20. Jahrhundert warnten Ärzte-Ratgeber davor, eine Krebsdiagnose den Patienten mitzuteilen, denn man fürchtete Angstgefühle, die den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen könnten. Doch wie entstanden solche Annahmen? Ein Blick in die Emotionsgeschichte von Krebs.

Möglicherweise ist Ihnen das auch schon passiert. Ein guter Freund sagt unvermittelt: „Ich habe Krebs.“ Sie wissen im ersten Moment nicht, was Sie sagen sollen. Sie möchten ihn aufmuntern, optimistisch sein. Und da haben Sie es auch schon gesagt, bevor Sie recht darüber nachgedacht haben: „Du wirst das schaffen. Du bist doch so ein positiv denkender Mensch.“ Und wenn er es nicht „schafft“? Was haben Sie da eigentlich gesagt? Wenn Ihr Freund sterben sollte, liegt es dann daran, dass er nicht genug gekämpft, nicht ausreichend gehofft, seiner Krankheit gegenüber nicht positiv genug eingestellt war?

Psychosomatik, Psychoonkologie und Psychoneuroimmunologie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Frage, inwiefern die Psyche Einfluss auf den Körper hat. Hilft eine positive, hoffnungsvolle Haltung, Krebs zu heilen, und spielen Stress und negative Gefühle bei der Entstehung und im Verlauf einer Krebserkrankung eine Rolle? Die bisherigen Antworten aus der Forschung sehen komplexe und keineswegs eindeutige Zusammenhänge zwischen Körper und Gefühl bei der Entstehung und Heilung von Krankheiten. Dennoch begegnet man, wann immer das Gespräch im Alltag auf Krebs kommt, Einschätzungen, die einen solchen Zusammenhang ungefragt voraussetzen: Unterdrückte Gefühle machen Krebs, Stress und Angst schaden der Heilung, Hoffnung hilft.

Abb.1: Kämpfe um Dein Leben, sagt die im Comicstil gezeichnete junge Frau in Kampfhaltung und mit pinken Boxhandschuhen. Dabei trägt sie eine rosa Schleife an ihrem Oberteil, die als internationales Symbol gilt, um auf die Problematik der Brustkrebserkrankung hinzuweisen.

Solche Annahmen können helfen, einer Krebserkrankung aktiv zu begegnen – sie können aber auch als Schuldzuweisung an den Kranken verstanden werden und eine schwere Bürde darstellen. Wie und unter welchen Bedingungen sind sie aber überhaupt entstanden? Welche Bedeutung hatten solche Annahmen für den Umgang mit Krebspatientinnen und -patienten im Laufe der Zeit? Dies sind einige der Fragen, denen der am Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“ angesiedelte Minerva-Forschungsschwerpunkt „Gefühl und Krankheit. Geschichte(n) einer komplizierten Beziehung“ nachgeht. Dafür haben wir eine Vielzahl historischer Dokumente aus den vergangenen hundert Jahren gesichtet und durchgearbeitet.

Eine Geschichte im Untergrund

Bereits in der Antike wurde Melancholie mit der Entstehung von Krebs in Verbindung gebracht. Insbesondere die Humoralpathologie, also die Lehre von den vier Körpersäften, behauptete einen solchen Zusammenhang. Allerdings gerieten solche Vermutungen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr ins Abseits der wissenschaftlichen Forschung. Spätestens mit Rudolf Virchows „Zellularpathologie“ (1858) wurde Krebs als Krankheit verstanden, die auf der zellulären Ebene ihren Ursprung nimmt – dass Gefühle auf die nun im Mikroskop erkennbaren Zellen einen Einfluss haben konnten, erschien ausgeschlossen. Doch trotz dieser Übereinkunft der Wissenschaftler, die auch die Lexikoneinträge fürs breite Publikum dominierte, scheinen praktizierende Ärzte (und bald auch Ärztinnen) einen solchen Zusammenhang nicht ad acta gelegt zu haben. In von Ärzten für Ärzte geschriebenen Ratgebern wurde immer wieder davor gewarnt, den Patienten eine Krebsdiagnose mitzuteilen, weil sie eine solche Mitteilung in tiefe Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung stürzen würde – und dies sei nicht nur menschlich unerträglich, sondern darüber hinaus auch medizinisch schädlich, da es die ohnehin geringen Heilungschancen vermindern würde. Vor allem vor Krebsoperationen sollten solche Mitteilungen vermieden werden, weil dadurch ausgelöste Angstgefühle den Erfolg der Operation gefährden könnten.

Warum jetzt? Der Aufstieg der Krebs-Psychosomatik

Die neue Disziplin der Psychoanalyse ebenso wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstehende Ansätze einer psychologisch orientierten Psychosomatik begegneten dieser Frage dagegen deutlich zurückhaltender. Angst galt hier zwar als Krankheitsursache Nummer 1, aber Krebs wurde davon ausgenommen. Zu „körperlich“ erschien diese Krankheit, was Viktor von Weizsäcker, einen der Gründungsväter der deutschen Psychosomatik, zu dem viel zitierten Diktum veranlasste, im Falle von Krebs scheitere eine psychosomatische Erklärung am „Granit des materiellen Vorganges“. Dies änderte sich jedoch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Angeregt durch amerikanische Forschungen wurden nun auch in der Bundesrepublik Studien durchgeführt, die nach spezifischen Persönlichkeitsprofilen von an Krebs erkrankten Menschen fragten und dazu verschiedene Testverfahren wie den Rorschach-Test einsetzten. Unterschiedliche Tendenzen innerhalb der medizinischen und vor allem psychiatrisch-psychologischen Forschung verhalfen solchen Studien zum medienwirksamen Durchbruch. Eine große Rolle spielte dabei etwa die Frage, welche Bedeutung Mobilisierung und Unterdrückung von Gefühlen im Nationalsozialismus und später in der Nachkriegsgesellschaft hatten. Auch die Neudefinition der Rolle der Mutter, die in vielen Studien als wichtiger Faktor für die Ausbildung einer damals sogenannten Krebs-Persönlichkeit identifiziert wurde, war hier wesentlich. Und nicht zuletzt entfaltete der Aufstieg des Stress-Konzepts in den 1960er-Jahren einen großen Einfluss.

Gesellschaftliche Folgen

Während in den 1970er- und 1980er-Jahren die methodischen Schwächen dieser Art von Krebs-Psychosomatik innerhalb der Forschung zunehmend deutlich benannt wurden, griffen Medien ebenso wie viele Krebspatienten und -patientinnen die Idee einer Krebs-Persönlichkeit auf. Nun wurde diskutiert, ob Krebs nicht auch als – positive – Aufforderung zu begreifen sei, das eigene Leben radikal zu ändern und auf diese Weise eine in Gefühlsdingen „kranke“ Gesellschaft zu „heilen“. Andere – wie etwa die amerikanische Intellektuelle Susan Sontag – kritisierten dagegen jede Art von psychosomatischer Erklärung scharf, weil sie darin eine Schuldzuweisung an die Adresse der Erkrankten sahen. Wie sich diese Diskussionen auf den Umgang mit Patienten wie auch auf die Entstehung von Selbsthilfegruppen und psychoonkologischen Unterstützungsangeboten auswirkten, gehört zu den zahlreichen Problemfeldern, die wir im Minerva-Forschungsprojekt „Gefühl und Krankheit“ untersuchen.

Literaturhinweise

1.
Hitzer, B.
Krebs fühlen
Klett-Cotta, Stuttgart (2020)
2.
Hitzer, B.
Krebs oder wie weit reicht die psychosomatische Medizin?
In: Auf der Suche nach einer anderen Medizin. Psychosomatik im 20. Jahrhundert, 258–272 (Hg. Hitzer, B.; Geisthövel, A.). Suhrkamp, Frankfurt am Main (2019)
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Hitzer, B.; León-Sanz, P.
The feeling body and its diseases: How cancer went psychosomatic in twentieth-century Germany
Osiris 31, 67–93 (2016)
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How to detect emotions? The cancer taboo and its challenge to a history of emotions
In: Methods of exploring emotions, 259–267 (Eds. Flam, H.; Kleres, J.). Routledge, London (2015)
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Hitzer, B.
Gefühle heilen
In: Gefühlswissen: Eine lexikalische Spurensuche in der Moderne, 121–151 (Frevert, U.; Scheer, M.; Schmidt, A.; Eitler, P.; Hitzer, B.; Verheyen, N.; Gammerl, B.; Bailey, C.; Pernau, M.). Campus, Frankfurt am Main (2011)
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