Forschungsbericht 2018 - Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern

Was hat Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt mit der Wettbewerbsbereitschaft von Männern und Frauen zu tun? Einsichten aus der Verhaltensökonomie

Autoren
Sutter, Matthias
Abteilungen
Experimental Economics Group
Zusammenfassung
Geschlechterunterschiede im Wettbewerbsverhalten führen zu unterschiedlichen Gehältern und Aufstiegsmöglichkeiten von Männern und Frauen. Politikinterventionen wie Quotenregelungen entfalten oft ungewollte Nebenwirkungen. Loukas Balafoutas, Helena Fornwagner und ich schlagen vor, das Instrument des „Power Priming“ einzusetzen, denn es führt dazu, dass Entscheidungen für einen Eintritt in einen Wettbewerb realistischer getroffen werden und vor allem auch die Risikobereitschaft von Männern sinkt. Beide Effekte zusammen beseitigen die Geschlechterunterschiede im Wettbewerbsverhalten nachweislich.

Frauen sind in Spitzenpositionen immer noch unterrepräsentiert und sie verdienen im Schnitt weniger als Männer. Warum das so ist, wird seit Jahrzehnten untersucht: Diskriminierung ist ein wichtiger Grund, aber auch die Probleme, die Frauen damit haben, Familie und Beruf zu vereinbaren, spielen eine wichtige Rolle. Seit einigen Jahren geht die verhaltensökonomische Forschung zusätzlich zu solchen traditionellen Erklärungen der Frage nach, ob es Geschlechterunterschiede im Wettbewerbsverhalten beziehungsweise in der Bereitschaft gibt, sich Wettbewerbssituationen auszusetzen. Wenn das zutrifft, trägt das zu Geschlechterunterschieden auf Arbeitsmärkten bei.

Frauen meiden Wettbewerb öfter als Männer

Tatsächlich kommt die verhaltensökonomische Forschung zu klaren Ergebnissen: Frauen meiden Wettbewerb deutlich stärker als Männer. Das kommt nicht zuletzt daher, dass sich Männer häufiger überschätzen und Frauen die Risiken von Wettbewerbssituationen weniger zu akzeptieren gewillt sind. Für Unternehmen, aber auch für ganze Gesellschaften wäre es effizienter, wenn die bestqualifizierten Personen – unabhängig von ihrem Geschlecht – bestimmte Positionen übernehmen würden. Wenn Frauen aber häufiger Wettbewerbssituationen meiden, stellt sich die Frage, ob unter diesen Umständen überhaupt eine optimale Stellenbesetzung stattfinden kann. Dann wäre es womöglich an diesem Punkt wünschenswert, Geschlechterunterschiede zu überwinden oder zumindest zu reduzieren. Vor einigen Jahren habe ich mit meinem Kollegen Loukas Balafoutas in der US-amerikanischen Fachzeitschrift Science eine Studie veröffentlicht [1], die zeigt, dass Politikinterventionen wie Quotenregelungen Frauen ermuntern können, häufiger in Wettbewerbssituationen einzutreten. Jedoch sind solche Politikinterventionen umstritten, häufig schwer zu implementieren und wirken sich unter Umständen sogar negativ auf die Frauen aus, die doch eigentlich davon profitieren sollen.

Power Priming als Ansatz

Deshalb haben Loukas Balafoutas und Helena Fornwagner – beide von der Universität Innsbruck – und ich in einem aktuellen Forschungsprojekt nach einem alternativen Ansatz gesucht, der die Nachteile von herkömmlichen Politikinterventionen vermeidet, aber trotzdem die Unterschiede in der Wettbewerbsbereitschaft von Männern und Frauen nach Möglichkeit ausgleicht. Bei einem bekannten psychologischen Ansatz – dem Priming – wurden wir fündig: Hier wird einer Entscheidungssituation ein Reiz vorausgeschickt, der die Kognitionen der Testperson in eine spezielle Richtung lenkt. Wir ließen Frauen und Männer in unserer Studie eine Seite über eine Situation aus ihrer Vergangenheit schreiben, in der sie sich besonders machtvoll gefühlt haben. Das war der vorangehende Reiz, unsere „Power-Priming-Bedingung“, mit der wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gedanklich in eine machtvolle Situation versetzten. Danach hatten sie in einer Aufgabe zu entscheiden, ob sie sich einem Wettbewerb aussetzen oder nicht. Diese Bedingung verglichen wir mit Bedingungen, in denen Frauen und Männern entweder gar nicht „geprimed“ wurden oder mit geringer Macht, das heißt mit einer Situation, in der sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer besonders machtlos fühlten. Unsere Erwartung war, dass durch Power Priming der geschlechtsspezifische Unterschied im Wettbewerbsverhalten beseitigt würde und folglich Frauen und Männer zu gleichen Anteilen in den angebotenen Wettbewerb eintreten würden.

Power Priming beseitigt Geschlechterunterschiede in der Wettbewerbsbereitschaft

Unser in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichter Artikel präsentiert die Ergebnisse des Experiments [2]: Die Intervention wirkt tatsächlich und durch Power Priming wird der Geschlechterunterschied in der Wettbewerbsbereitschaft beseitigt. Interessanterweise beruht dieses Resultat allerdings nicht nur auf der Reaktion von Frauen. Die Reaktionsweisen von Männern und Frauen unterscheiden sich sogar erheblich. Frauen erhöhen leicht (aber statistisch unbedeutend) ihre Wettbewerbsbereitschaft, während Männer ihre Wettbewerbsbereitschaft statistisch signifikant verringern. Letzteres halten wir für ein bedeutsames Ergebnis, da die Literatur zur Wettbewerbsfähigkeit gezeigt hat, dass Männer sich häufig überschätzen und darum oft erfolglos an Wettbewerben teilnehmen. Dies ist nicht nur eine Vergeudung von Zeit und Anstrengung, sondern auch mit Frustrationen verbunden. Power Priming führt hingegen dazu, dass Männer sich realistisch – so wie Frauen – einschätzen und in der Folge treten fast nur noch die besten in den Wettbewerb ein.

Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass Power Priming insbesondere bei Männern die Risikofreude verringert hat. In Anbetracht der Tatsache, dass Unternehmen oft das Problem haben, dass Mitarbeiter zu hohe Risiken eingehen, wie auch die letzte Finanzkrise belegt, könnte unsere Intervention, die ein übermäßiges Eingehen von Risiken verhindert, auch im Interesse der Unternehmen liegen.

Zu den Kontexten, in denen solche auf Priming basierenden Werkzeuge einsetzbar wären, gehören unter anderem das Bildungssystem (insbesondere weil geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wettbewerbsbereitschaft früh im Leben auftauchen) oder Berufsbildungsprogramme als Teil aktiver Arbeitsmarktpolitik. Die Ergebnisse von Loukas Balafoutas, Helena Fornwagner und mir sprechen dafür, die Implementierbarkeit und Folgenabschätzung von Priming-Interventionen in diesen Praxisbereichen gründlicher zu erforschen. Tatsächlich wurde bereits gezeigt, dass das in unserer Studie verwendete Power Priming die Leistung von Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Stellenbewerbungsgesprächen oder College-Aufnahmegesprächen verbessert. Infolgedessen kann Power Priming zu einer ausgewogeneren Vertretung von Frauen in Spitzenpositionen beitragen, in denen der Wettbewerb um attraktive Arbeitsplätze unverzichtbar ist.

Literaturhinweise

1.
Balafoutas, L.; Sutter, M.
Affirmative action policies promote women and do not harm efficiency in the laboratory
Science 335 (6068), 579–582 (2012)
2.
Balafoutas, L.; Fornwagner, H.; Sutter, M.
Closing the gender gap in competitiveness through priming
Nature Communications 9: 4359 (2018)
3.
Sutter, M.; Glätzle-Rützler, D.; Balafoutas, L.; Czermak, S.
Canceling out early age gender differences in competition: an analysis of policy interventions
Experimental Economics 19 (2), 412–432 (2016)
Zur Redakteursansicht