Forschungsbericht 2011 - Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften

Städtische Religion in Mumbai und Singapur

Autoren
van der Veer, Peter
Abteilungen
Abteilung für religiöse Vielfalt (van der Veer)
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gemeinschaften, Göttingen
Zusammenfassung
Ein Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften vergleicht die Rolle der Religion und die Konstruktion von Zugehörigkeit in zwei Weltstädten, Mumbai und Singapur. Singapur ist eine globale Stadt und ein Nationalstaat. Mumbai ist Indiens modernste Mega-Stadt. Worin besteht die Beziehung zwischen städtischer Religiosität und säkularer Urbanität? Inwieweit können diese Städte als „global“ verstanden werden? Und was erklärt die Unterschiede in der multikulturellen Politik in diesen beiden Städten?

Städtische Religiosität

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Original 1302011311
Mumbai, Indiens modernste Mega-Stadt
Mumbai, Indiens modernste Mega-Stadt

Die Stadt wird in der Regel als modern und säkular angesehen. Eine Erklärung für diese Einschätzung lautet: Menschen entkommen den gesellschaftlichen Zwängen ihrer ländlichen Provinz, wenn sie in Städte ziehen. Dann sind sie frei, ihre städtischen Lebensstile zu wählen, die modern und zivilisiert sind. Diese Interpretation der Stadtmigration als Befreiung aus Rückständigkeit ist häufig in den Sozialwissenschaften zu finden. Es ist ein Erklärungsansatz, der oft nicht nur die Befreiung feiert, sondern auch eine Warnung vor Sinnentleerung, Anonymität und anderen sozialen Übeln einschließt, die das Ergebnis des städtischen Verfalls von sozialem Zusammenhalt und anderer Aspekte der Entwicklung von „Gemeinschaft“ zu „Gesellschaft“ sind. Ähnliche Auffassungen sind in den Literatur- und Kulturwissenschaften zu finden, in denen die Reize der modernen Stadt, die von neuen Räumen des Konsums, der öffentlichen Darstellung von Mode, Kino und anderen Formen der Unterhaltung hervorgebracht wurden, gefeiert werden – mit ausgeprägter Aufmerksamkeit für die Bedrohung durch Prostitution, die einsamen Massen im städtischen Leben und das Elend der städtischen Armen.

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Original 1302011315
Singapur, globale Stadt und Nationalstaat.
Singapur, globale Stadt und Nationalstaat.

Religion spielt in diesen Betrachtungen keine große Rolle. In den älteren Modernisierungstheorien ist sie eine Kategorie, die in Städten ihren Sinn verloren hat und keiner weiteren Untersuchung bedarf. Dennoch wissen wir von Historikern, dass europäische Städte im 19. Jahrhundert reichlich Gelegenheit für religiöse Neuerungen und die Bildung neuer Gemeinschaften boten. Auch gibt es keine denkbare Möglichkeit, amerikanische Städte in ihrer Vergangenheit oder Gegenwart ohne eine Beschäftigung mit der Rolle von schwarzen Kirchen und religiösen Aktivitäten von Migranten zu verstehen. Kurz gefasst, die Untersuchung der städtischen Religion wurde vernachlässigt, und es ist wichtig, sie ernsthaft zu betreiben, da Städte wichtige Forschungsobjekte sind und nicht einfach als entweder säkular oder fundamentalistisch verstanden werden können.

Religion ist ein fester Bestandteil des sozialen Gefüges in Mumbai und Singapur. Soziale Bewegungen etwa sind in diesen Städten oft religiös inspiriert. Soziale Gegensätze und soziale Konflikte werden vom religiösen Diskurs geprägt. Ein besonders interessanter Aspekt der städtischen Politik ist die Durchdringung der Vorstellungen von Rasse, Ethnizität und Religion. Auch wird das Image der beiden Städte stark durch die von den Medien und der Filmindustrie angebotenen Bilder bestimmt. Ein Teil der Migration in Weltstädte wird durch die hierdurch geweckten Träume und Fantasien inspiriert. Dies sind nur scheinbar weltliche Beweggründe, denn moralische Diskurse in Filmen und Seifenopern sind oft in einen religiösen Diskurs eingebettet.

Städte mit globaler Bedeutung: Das Konzept der „Global Cities“

Die Erforschung von Religion in Städten ist wichtig, schon allein aufgrund der Verstädterung des Globus, eines welthistorischen Prozesses, der die Mehrheit der Weltbevölkerung zwingt, in Städten zu leben. Global Cities sind umso wichtiger, weil sie mit ihrer besonderen Kombination von Hochfinanz, hohen Einwanderungszahlen und Unterhaltungsdienstleistungen Fantasieräume sind, die Sehnsüchte verschiedener Art zusammenbringen. Damit nehmen die globalen Städte eine besondere Stellung in Bezug auf wirtschaftliche wie auch erträumte Effekte von Größe ein. Das Konzept der Global Cities wurde in der Forschung entwickelt, um aufzuzeigen, wie Prozesse der Globalisierung die städtische Wirtschaft – vor allem die Dienstleistungswirtschaft – formen, sie – zumindest zu einem gewissen Grad – aus dem Nationalstaat lösen und sie mit anderen Global Cities in städtischen Netzwerken verbinden [1]. Die US-amerikanische Soziologin und Wirtschaftswissenschaftlerin Saskia Sassen entwickelte ihr Konzept der „Global City“, das sich auf den globalen Finanzsektor fokussiert, um das ältere kulturelle Konzept der „aufregenden“ Weltstädte im Gegensatz zu den „langweiligen“ Provinzstädten zu ersetzen. Doch obgleich Mumbai und Singapur Finanzzentren sind, können sie nicht auf die wirtschaftliche Dimension reduziert werden. Es ist der Gegensatz von Attraktivität und Langeweile in einer Ökonomie des Begehrens und des Konsums, der neben der üblichen Untersuchung der Finanz- und Arbeitsmärkte analysiert werden muss, wenn man Push- und Pull-Faktoren berücksichtigen will.

Multikulturelle Politik

Singapur gilt häufig als Modell zur Nachahmung für Mumbai. Das Streben nach öffentlicher Ordnung – danach, Hausierer aus dem Weg zu schaffen, die Slums aufzuräumen, um eine wohlgeordnete Stadt zu werden – ist in Teilen vor allem der Mittelschichten in Mumbai unübersehbar. Auf der anderen Seite gibt es auch eine unübersehbare Freude an gewalttätigen Prozessionen wie dem Ganapati-Fest, an Street food von fliegenden Händlern und einen intensiven Widerstand gegen eine Veränderung der Regelungen beim Mietwohnungsbau und gegen die Entfernung von Slums. Es ist kaum vorstellbar, wie angesichts der fraktionierten Patronage-Politik in Mumbai und der Mobilisierung von Menschen etwas, das Singapur auch nur vage ähnelt, geschaffen werden könnte.

Mumbai und Singapur sind Kolonialstädte und Produkte imperialer Handelsverbindungen, und beide sind Finanzzentren wie auch Hafenstädte für ein riesiges Hinterland. Billige Arbeitskräfte kommen in beiden Fällen von außerhalb, in beiden Städten insbesondere aus Tamil Nadu und Bangladesch. Die Etablierten in beiden Städten beanspruchen eine besondere kulturelle Hegemonie durch Ethnizität (Maratha oder Chinesisch) und Religion (Hinduismus oder Konfuzianismus/Christentum). Die Überwachung der Anderen im Fall von Singapur bedeutet aber auch eine massive Überwachung des Selbst. Chinesische Prozessionen und Kulte unterliegen ähnlichen Beschränkungen wie muslimische oder hinduistische Prozessionen [2]. In Mumbai gibt es eine gewisse Homogenisierung des Maratha-Seins, das insbesondere von intellektuellen Marathen abgelehnt wird. Allerdings ist dies nicht vergleichbar mit der alles überrollenden chinesischen Vielfalt, die man in Singapur findet.

Der Vergleich von Mumbai und Singapur zeigt, dass es keine typische asiatische Weltstadt gibt und dass die historischen Entwicklungspfade, die diese Städte und ihre Umgebung geschaffen haben, relevant sind. Darüber hinaus sind die Erwartungen der Stadt sowie an die Stadt in beiden Fällen von nationalistischen Konzepten geprägt. Neben dem Nationalismus sind es Rasse, Religion und Sprache, die Schwerpunkte setzen. In beiden Fällen ist Sprachpolitik verbunden mit der Vorstellung von Rasse und religiöser Kultur, die Gemeinschaften und ihre Grenzen geprägt haben. Es ist nicht kultureller Nationalismus als solcher, der erklärt, in welcher Weise es Religionen erlaubt ist, sich zu zeigen, sondern die Natur der Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft. Diese Beziehungen wurden geschichtlich durch den britischen Imperialismus erzeugt, führten aber zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, die mit der Fähigkeit Singapurs, sich von Malaysia zu trennen und der Regelung der Zuwanderung durch strenge Kontrollen zu tun haben. Das Wohnen wird in Mumbai oft von ethno-religiösen Gemeinschaften gesteuert, während in Singapur der Staat eine ethnische Verteilungspolitik für den sozialen Wohnungsbau betreibt.

Die Staatsbildung ist für das Verständnis der Unterschiede zwischen Singapur und Mumbai ein sehr wichtiges Element. In Singapur verwandelt der Staat unterschiedliche Religionen und Ethnien in einen chinesisch-dominierten, „harmonischen“ Multikulturalismus, während in Mumbai der Staat nicht viel mehr als eine Ressource für widerstreitende politische Patronagesysteme darstellt, die zum Teil kriminalisiert werden.

Beide, Mumbai und Singapur, werden oft als säkulare Städte dargestellt, aber es fällt auf, dass in beiden Fällen politische Entwürfe für die Stadt durch Vorstellungen von Religion und Zivilisation angeregt sind, die in der imperialen Begegnung mit Großbritannien entstanden. Den Konfuzianismus in eine Zivilreligion zu verwandeln ist seit dem späten neunzehnten Jahrhundert ein Projekt in China und der chinesischen Diaspora. Den Hinduismus in einen religiösen Nationalismus zu verwandeln ist in Indien ein analoges politisches Projekt, das im gleichen Zeitraum begann. In beiden Fällen sind religiöse Vorstellungen von der Zugehörigkeit zur Mehrheit entscheidend für die Bildung multipler Formen von Säkularität und Säkularismus [3].

1.
S. Sassen:
The Global City.
Princeton, New York 2001.
2.
D. P. S. Goh, M. Gabrielpillai, P. Holden, G. Cheng Khoo (Eds.):
Race and Multiculturalism in Malaysia and Singapore.
Routledge, London 2009.
3.
P. van der Veer:
Religions in India and China today.
In: World Religions and Multiculturalism. (Eds.) E. Ben-Rafael, Y. Sternberg. Brill, Leiden 2010, 257–276.
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