Forschungsbericht 2018 - Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Berggeschrey! Rohstoffströme und Metallkultur im frühneuzeitlichen Bergbau

Autoren
Asmussen, Tina
Abteilungen
Strukturwandel von Wissenssystemen
Zusammenfassung
Bergbau war eine der wichtigsten Triebkräfte der dynamischen ökonomischen und technischen Entwicklung im frühneuzeitlichen Europa. Dieses Forschungsprojekt, angesiedelt in Abteilung I des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und Teil eines größeren Projekts zur Geschichte der Erd- und Umweltwissenschaften im Anthropozän, eröffnet eine neue Perspektive auf die frühneuzeitliche Bergbauindustrie als soziomaterielles Phänomen sui generis – das durch die Verknüpfung ökonomischer Praktiken und wissenschaftlicher Techniken mit bedeutungsstiftenden Affekten und Wünschen entsteht.

Bergbau war eine der wichtigsten Triebkräfte der dynamischen ökonomischen und technischen Entwicklung im frühneuzeitlichen Europa. Silber-, Kupfer- und Bleibergbau erlebten im Erzgebirge, im Harz und in den Tiroler Alpen ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts einen regelrechten Boom. Die rasch sich verbreitende Nachricht von der Entdeckung reicher Metallvorkommen verwandelte bis dahin unkultivierter Gebiete schlagartig in besiedelte und florierende Bergbauregionen (Abb. 1).

Abb. 1: Andreas Ryff, Münz- und Mineralienbuch, 1594. Autograf in Besitz der Universitätsbibliothek Basel (A lambda II 46a).
In diesem Gemälde wird der Bergbau als florierendes und vielversprechendes Unterfangen dargestellt.

Um dieses Phänomen zu beschreiben, prägten die Zeitgenossen den Begriff „Berggeschrey“. Er verweist erstens auf einen dynamischen ökonomischen Prozess mit kurzen Zyklen des Auf- und Abschwungs und der Zirkulation von Menschen, Wissen, Materialien und Geld in immer schnellerem Tempo. Zweitens markiert die Intensität und Impulsivität des Geschreis die affektive Dimension dieses von materiellen Wünschen, Hoffnungen und Ängsten angetriebenen Silberrauschs. Das Forschungsprojekt „Subterranean Economies – Resource Flows and Metal Culture in Early Modern Mining“ (Unterirdische Ökonomien – Rohstoffströme und Metallkultur im frühneuzeitlichen Bergbau) verbindet die Geschichte politischer Ökonomie – allgemein verstanden als eine Reihe von Praktiken der Herstellung und des Tauschs von Werten in einer bestimmten Kultur – mit Fragen nach Wissen, Agency und Sinnstiftungen, die in Kultur-, Kunst- und Wissenschaftsgeschichte aufgeworfen werden. Das Projekt untersucht zeitgenössische Prozesse und Praktiken der Wertzuschreibung von Metallen, die nicht auf rein ökonomische Aspekte beschränkt sind, sondern die komplexe Semantik des Materials und ihre emotional-affektiven Implikationen berücksichtigen. Indem die Forschungsarbeit die soziokulturellen Energien hinter der bereits gut erforschten ökonomischen und technischen Entwicklung der Bergbauindustrie in der frühen Neuzeit näher betrachtet und sich der Materialität und ihrer Verwandlung durch wechselseitige Prozesse der Aneignung und Zuschreibung widmet, stellt sie teleologische Narrative der Verfestigung von Verwaltungsstrukturen, Finanzmechanismen und technischen Innovationen infrage. Ausgehend von dem Verlangen der Menschen nach Edel- und Halbedelmetallen zielen die Leitfragen auf materielle und emotionale Wertzuschreibungen von Metallen im Zusammenhang mit der Produktion und Zirkulation von Münzen als Tausch- und Wertmarken.

Die Beschleunigung der Wirtschaftsströme in den Bergbauregionen und darüber hinaus führte sowohl in zeitgenössischen Texten als auch in der Praxis zu weitschweifigen Diskussionen über den intrinsischen Wert und den Tauschwert von Münzen. Da ein Großteil der Silberproduktion der einzelnen Bergbauregionen in lokalen Münzstätten vermünzt wurde, war der Bergbau mit der Währungspolitik und Währungspraktiken verflochten. Die verstärkte Silberförderung führte dazu, dass die beherrschende Goldwährung (Rheinischer Gulden) nach und nach durch ein Silberäquivalent ersetzt wurde – den Guldiner, Guldengroschen oder Taler. Regelmäßig wurden neue Edikte erlassen, neue Münzen eingeführt, alte Münzen geprüft oder neu bewertet und „böse“ Münzen mit sehr geringem Edelmetallanteil verboten. Material-, Gebrauchs- und Tauschwert überschnitten sich in diesen Diskursen und waren eng verbunden mit Begierden, Wunschdenken und moralischen Diskursen über ehrliche und betrügerische Methoden, Gewinn zu erzielen.

Abb. 2: Fortuna, der gute Bergmann und die Schatzjäger. Matthäus Gundelach (1566–1653), Allegorie des Bergbaus (ca. 1620). Öl auf Leinwand, 133 x 86 cm. Dortmund, Museum für Kunst und Kulturgeschichte (Inv.-Nr. C 5188).
Das Gemälde des deutschen Künstlers Matthäus Gundelach stellt die Verbindung zwischen dem Wunsch nach materiellem Gewinn und der Angst vor finanziellem Verlust vielschichtig dar. Die Allegorie zeigt Fortuna auf einem Haspelrad balancierend. Zu Fortunas Rechten zeigt ein positiv dargestellter Bergmann in traditioneller Kleidung eine Erzprobe, zu ihrer linken reißt eine Gruppe von Schatzjägern auf der Suche nach einem Münzschatz gewaltsam die Erde auf. Gundelach schuf dieses Gemälde in einer Zeit der Hyperinflation und stellte darin künstlichen Reichtum (Münzen) natürlichem Reichtum gegenüber und spielte den gelehrten und ehrlichen Bergmann gegen ignorante, gierige und rücksichtslose Schatzjäger aus; doch er gruppierte beide Seiten auf der Achse des Glücks. Die sichtbare Gegenüberstellung von Erzen und Münzen schließt an allgemeinere Fragestellungen an, die das Verhältnis zwischen natürlichen Werten oder natürlichem Reichtum und der Produktion von Wert mit „künstlichen“ Mitteln betreffen und die Frage, ob Kunst (oder menschliche Arbeit im Allgemeinen) die Macht haben sollte, Wert zu vervielfachen.

Die neuen Möglichkeiten, ein Vermögen zu verdienen – und wieder zu verlieren –, regten die Reflexion über materiellen Wohlstand und finanziellen Profit an. Zeitgenossen beschrieben die Berge als „Nährboden“ für Wohlstand und Quelle aller Reichtümer. Mithilfe immer teurerer Maschinen und kostspieliger Lüftungs- und Drainagetechniken wurden Schächte in große Tiefen gebohrt, und mit neuen metallurgischen Methoden wie der Seigerung konnten Erze mit geringem Metallgehalt abgebaut und verarbeitet werden. Diese Entwicklungen verwandelten die Bergbauindustrie in ein hochriskantes und kapitalintensives Geschäft, in dem die Menschen leicht Geld verlieren und sich ruinieren konnten. Daher veränderten diese technologischen und organisatorischen Innovationen nicht nur die ökonomische Landschaft, sondern tangierten auch die Wahrnehmung der Erze und den ihnen zugeschriebenen Wert. Wie die Bergleute und Gewerken glaubten, konnte man sich die gewünschten Metalle aneignen und Profit aus dem Bergbau schlagen, indem man auf Gott und das eigene Glück vertraute und wenn man gute Hoffnung, echtes Können und gute Sachkenntnis besaß.

Die Assoziation des Bergbaus mit Wissen, Reichtum, Risiko und Unsicherheit verbindet den Wunsch nach materiellem Gewinn mit der Angst vor finanziellem Verlust und ist ihrerseits in einem christlichen Tugendverständnis verankert (Abb. 2). In Kunstwerken, Texten und Artefakten erscheinen die Bergwerke als polyvalente Räume: Künstlerisch gefertigte Handsteine zeigen das Bergwerk als göttlichen Schatz und als Quelle von Reichtum. Außerdem werden Bergwerke als Laboratorien oder Werkstätten für technische und metallurgische Kenntnisse und Innovationen dargestellt, als wichtige Stätten der höfischen Repräsentation und Sinnbilder für die ökonomische Macht des Herrschers oder als Konvergenzpunkte materieller Wünsche, Begierden und Risiken. Um aber diese komplexe Semantik des Materials mit seinen sozialen, ökonomischen, epistemischen, symbolischen und emotionalen Dimensionen zu erfassen, ist es wichtig, Religion als ein grundlegendes strukturierendes Prinzip frühneuzeitlicher Gesellschaften anzuerkennen.

Die Materialien im Fokus des Projekts – Gold, Silber, Kupfer, Blei und Eisen – stellten somit keine stabilen oder festen Größen dar, sondern waren vielmehr gleichzeitig wirtschaftliche Ressourcen, wissenschaftliche Objekte oder Substanzen, Werkstoffe sowie machtvolle Allegorien und Symbole. Dieses Forschungsprojekt eröffnet eine neue Perspektive auf die frühneuzeitliche Bergbauindustrie als soziomaterielles Phänomen sui generis – das durch die Verknüpfung der ökonomischen Praktiken und wissenschaftlichen Techniken der Akteure mit bedeutungsstiftenden Affekten und Wünschen entsteht.

Literaturhinweis

1.
Asmussen, T.
The Kux as a Site of Mediation. Economic Practices and Material Desires in the Early Modern German Mining Industry. In: Sites of Mediation. Connected Histories of Places, Processes, and Objects in Europe and Beyond, 1450–1650, 159–182 (Eds. Göttler, Ch.; Burghartz, S.; Barkart, L.)
Brill, Leiden (2016)
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