Forschungsbericht 2018 - Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Männern geht es gesundheitlich besser, doch Frauen leben länger

Autoren
Oksuzyan, Anna
Abteilungen
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Zusammenfassung
Um die Gesundheit von Frauen und Männern ist es unterschiedlich gut bestellt. Frauen leben zwar im Schnitt länger als Männer, sie haben aber auch mehr gesundheitliche Probleme. Warum das so ist, damit beschäftigt sich Anna Oksuzyan am Max-Planck-Institut für demografische Forschung. Die Forschungslage ist komplex: Es sind nicht nur die gesundheitlichen Situationen von Männern und Frauen verschieden, sondern diese Differenzen zwischen den Geschlechtern fallen je nach Land und Kultur unterschiedlich aus.

Für alle Länder dieser Welt gilt: Männer haben einen stärkeren Händedruck als Frauen [1]. Sie haben weniger Schwierigkeiten, im hohen Alter sogenannte Aktivitäten des täglichen Lebens wie Treppen steigen, sich waschen und sich anziehen zu verrichten. Außerdem erkranken sie seltener an Alzheimer [2]. Alle drei Aspekte sind für Forscher Maßstäbe dafür, wie gesund ein Mensch ist. Obwohl die Frauen bei diesen Faktoren schlechter abschneiden, haben sie in den Industrieländern eine höhere Lebenserwartung [3]. Bis heute weiß man nicht genau, inwieweit unterschiedliche Lebensgewohnheiten und biologische und soziale Faktoren diese Verschiedenheiten bewirken.

Anna Oksuzyan, die am Max-Planck-Institut für demografische Forschung die Arbeitsgruppe „Geschlechterunterschiede in Gesundheit und Altern“ leitet, untersucht diese Unterschiede, indem sie etwa Gesundheitsdaten verschiedener Länder miteinander vergleicht: Russland mit Dänemark [4] oder Dänemark mit Japan und den Vereinigten Staaten [1]. In einer aktuellen Untersuchung hat die Wissenschaftlerin gemeinsam mit Kollegen die Daten von China und Indien geprüft [5]. Sie wählte diese Länder, weil sie sich in ein paar kulturellen Punkten sehr ähneln, vor allem sind die Gesellschaften beider Länder von Männern dominiert und die Diskriminierung von Frauen ist in vielen Lebensbereichen institutionalisiert. Gleichzeitig blicken beide Länder aber auf verschiedene Vergangenheiten zurück und sind sehr unterschiedlich hinsichtlich ihrer politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse.

Für ihre Untersuchung nutzten die Forscherinnen und Forscher Daten der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchgeführten SAGE-Studie (Study on Global AGEing and Adult Health). Sie analysierten die Daten der 13.367 Studienteilnehmer aus China sowie die Daten der 7.150 Studienteilnehmer aus Indien. Alle Teilnehmer waren 50 Jahre oder älter. In standardisierten Fragebögen wurden sie gebeten, ihre eigene Gesundheit einzustufen. Es wurde zudem die Stärke des Händedrucks gemessen, es wurden Kognitionstests durchgeführt, das Bildungsniveau sowie das Rauchverhalten erfragt. Die Forscher berechneten, wie stark sich der Geschlechterunterschied in der Stärke des Händedrucks verändert, wenn man das Rauchverhalten und das Bildungsniveau der Studienteilnehmer berücksichtigt. Die Ergebnisse des Ländervergleichs stimmen in fast allen Punkten mit dem überein, was man aus Industrieländern weiß. Auch in China und Indien ist der Gesundheitszustand der Frauen im fortgeschrittenen Alter im Schnitt schlechter als der der Männer. Auffallend war jedoch, dass der Unterschied der Stärke des Händedrucks zwischen Frauen und Männern in China deutlich größer ist als der von Frauen und Männern in Indien (Abb. 1). Aber nicht nur das: Die Chinesinnen schnitten bei diesem Test deutlich schlechter ab als die Inderinnen. Die Ursache für diesen Unterschied liegt möglicherweise in der Kindheit der Studienteilnehmerinnen. Die Menschen in China erlitten in den 1940er- bis 1960er-Jahren mehrere große Hungersnöte. Es könnte gut sein, dass in dieser Zeit, in der Mädchen einen deutlich schlechteren Stand in der Gesellschaft hatten als Jungen, der männliche Nachwuchs einer Familie von dem wenigen zur Verfügung stehenden Essen den größeren Teil bekam. Dieser Nahrungsmangel in der Kindheit könnte sich langfristig so stark auf die Gesundheit ausgewirkt haben, dass der Händedruck der chinesischen Frauen nun im hohen Alter systematisch schwächer ist.

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Abb. 1: Die Stärke des Händedrucks ist ein Maßstab für die gesundheitliche Verfassung eines Menschen. Auffallend ist, dass ältere Chinesinnen einen deutlich schwächeren Händedruck haben als ältere Inderinnen. Vermutlich ist dieser Unterschied auf eine Mangelernährung in der frühen Kindheit zurückzuführen.

 

Auch in den kognitiven Fähigkeiten der Menschen unterschieden sich beide Länder. Während in den Industrieländern bei den Kognitionstests die Frauen im Schnitt ebenso gut wie oder sogar besser als die Männer abschneiden, kamen die Frauen in China und Indien auf ein deutlich schlechteres Ergebnis als die Männer (Abb. 2). Auch für die Untersuchung der kognitiven Fähigkeiten testeten die Forscher, wie stark die Bildung die Geschlechterunterschiede bei den kognitiven Leistungen beeinflusst. Berücksichtigt man die unterschiedlichen Bildungsniveaus und das Rauchverhalten von Frauen und Männern, verringert sich der Geschlechterunterschied in den kognitiven Leistungen um 50 Prozent, so das Ergebnis. Dennoch bleibt der Unterschied zwischen Männern und Frauen in Indien deutlich größer als in China. Vermutlich ist er auf die insgesamt schlechtere Bildung der Frauen zurückzuführen, da vor allem in Indien die Frauen in diesem Punkt stark benachteiligt sind. In China haben 34 Prozent der Frauen nie eine Schule besucht, in Indien sind es sogar 79 Prozent. Um herauszufinden, ob die Frauen bessere Ergebnisse in den Kognitionstests erzielen würden, wenn sie besseren Zugang zu Bildung hätten, bräuchten die Forscher Längsschnittstudien, die es für diese Länder noch nicht gibt.

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Abb. 2: In Entwicklungsländern schneiden Frauen in kognitiven Tests schlechter ab als Männer – und in Indien sind die Ergebnisse der Frauen in diesen Tests sogar besonders schlecht. Das ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass Frauen dort systematisch von Bildung ferngehalten werden. In reichen Industrieländern erzielen Frauen in diesen Tests im Schnitt ebenso gute oder sogar bessere Ergebnisse als Männer.

Ein wichtiger Teil von Anna Oksuzyans Arbeit besteht darin, passende Methoden für die komplexen Forschungsfragen zu entwickeln. Denn Untersuchungen, mit denen man Aussagen zur Gesundheit einer Bevölkerung treffen kann, gibt es sehr viele, doch deren Ausgangsdaten und Methoden sind nicht immer vergleichbar, weil sie sehr unterschiedlich sind. Es gibt zum Beispiel Studien zu Blutfettwerten, zu bestimmten immunologischen Faktoren oder solche, die Daten zu Leber- und Nierenfunktionen erheben. Das allein reicht Oksuzyan nicht, sie möchte darüber hinaus etwa wissen, ob Männer sich tatsächlich einer biologisch besseren Gesundheit erfreuen, die anhand von unterschiedlichen Biomarkern messbar ist, oder ob sie aus noch unbekannten Gründen ihre eigene Gesundheit besser bewerten als Frauen es tun.

Anna Oksuzyans Forschung ist für die Gesellschaft und das Gesundheitswesen überaus wichtig: Wären biologische Faktoren für den Unterschied in der Gesundheit von Mann und Frau verantwortlich, dann müssten in der Medizin verstärkt geschlechtsspezifische Therapien angewendet werden. Wären jedoch Verhaltensmuster die Hauptursache für geschlechtsspezifische Unterschiede, dann müsste man Gesundheitskampagnen entwickeln, die spezifisch auf Männer oder Frauen zugeschnitten sind, die zudem Bildung, gesellschaftlich zugewiesene Rollen und das Gesundheitsverhalten einzelner Geburtskohorten zu berücksichtigen hätten.

Literaturhinweise

1.
Oksuzyan, A.; Crimmins, E.; Saito, Y.; O’Rand, A.; Vaupel, J. W.; Christensen, K.
Cross-national comparison of sex differences in health and mortality in Denmark, Japan and the US
European Journal of Epidemiology 25, 471–80 (2010)
DOI
2.
Carter, C. L.; Resnick, E. M.; Mallampalli, M.; Kalbarczyk, A.
Sex and gender differences in Alzheimer’s Disease: Recommendations for future research
Journal of Women’s Health 21, 1018–1023 (2012)
DOI
3.
Oksuzyan, A.; Juel, K.; Vaupel, J. W.; Christensen, K.
Men: good health and high mortality. Sex differences in health and aging
Aging Clinical and Experimental Research 20, 91–102 (2008)
DOI
4.
Oksuzyan, A.; Shkolnikova, M.; Vaupel, J. W.; Christensen, K.; Shkolnikov, V. M.
Sex differences in health and mortality in Moscow and Denmark
European Journal of Epidemiology 29, 243–252 (2014)
DOI
5.
Oksuzyan, A.; Singh, P. K.; Christensen, K.; Jasilionis, D.
Cross-national study of the gender gap in health among older adults in India and China: Similarities and disparities
The Gerontologist (ePub ahead of print 2017)
DOI
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