Forschungsbericht 2017 - Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik

Die „Flüchtlingskrise“ in den Medien und ihre Wirkung auf das Wohlergehen älterer Menschen

Autoren
Sand, Gregor
Abteilungen
Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, München
Zusammenfassung
Am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik wurden die Auswirkungen der europäischen „Flüchtlingskrise“ 2015 auf das subjektive Wohlergehen älterer Einheimischer in zehn europäischen Staaten untersucht. Es zeigte sich, dass dieser Einfluss mit dem Medieninteresse und der Berichterstattung über den Flüchtlingszustrom zusammenhängt. Das subjektive Wohlergehen kann den Forschern zufolge Wahrnehmungen über Flüchtlinge widerspiegeln, die mit der Art der Berichterstattung in Verbindung stehen.

Das Jahr 2015 stand ganz im Zeichen der sogenannten europäischen Flüchtlingskrise: Mehr als eine Million Menschen − überwiegend asylsuchende Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak − machten sich auf den Weg in die Europäische Union. Das öffentliche Interesse stieg enorm an, als Kanzlerin Angela Merkel ankündigte, allen Neuankömmlingen Zuflucht zu bieten, und als das Foto eines gestrandeten Leichnams eines syrischen Jungen veröffentlicht wurde [1]. Im Frühling, Sommer und Herbst des Jahres 2015 − dem Berichtszeitraum dieser Studie − gab es in der europäischen Medienlandschaft eine große Vielfalt in der Berichterstattung, die von der Förderung einer Willkommenskultur bis hin zum Ruf nach Schutzmaßnahmen reichte.

Im Allgemeinen ist es schwierig, festzustellen, wie sich Einwanderung – gerade in Abgrenzung zu anderen Faktoren – auf das Wohlergehen der angestammten Bevölkerung auswirkt. Bisher gab es kaum Untersuchungen dazu. Ziel dieser Studie war, herauszufinden, wie sich die Wahrnehmung des großen Zustroms von Migranten 2015 auf das Wohlergehen älterer Menschen in den zehn europäischen Staaten Österreich, Belgien, Tschechien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, Slowenien, Spanien und Schweden ausgewirkt hat. Der Einfluss wurde auf Basis von Daten des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) ermittelt, einer interdisziplinären Langzeitbefragung von Menschen über 50 Jahren.

Mithilfe der sogenannten Difference-in-Differences-Methode wurden Befragungsergebnisse, die vor dem großen Zustrom von Februar bis Juni 2015 gewonnen wurden, mit den Angaben von Studienteilnehmern verglichen, die von Juli bis November 2015 befragt wurden, also zu einem Zeitpunkt, als das Thema in der Presse im Vordergrund stand. Daraus ließ sich abschätzen, wie sich das subjektive Wohlergehen beider Gruppen über die Zeit verändert hat.

Subjektives Wohlbefinden ist durch eine gute psychische Verfassung und ein hohes Maß an Lebenszufriedenheit gekennzeichnet. Es umfasst Gesundheit, Produktivität und soziale Kontakte. Für die Studie haben wir das subjektive Wohlbefinden an der „Satisfaction with Life Scale“, also der Skala für Lebenszufriedenheit gemessen. Bei dieser Methode werden die Studienteilnehmer gebeten, ihre allgemeine Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 zu bewerten (0 für völlig unzufrieden und 10 für rundum zufrieden).

Nach der sogenannten Set-Point-Theorie ist das subjektive Wohlbefinden von Individuen über die Zeit relativ konstant, da es überwiegend von Persönlichkeitsmerkmalen abhängt [2]. Bestimmte Ereignisse im Leben können jedoch erhebliche Abweichungen verursachen. Positive Erfahrungen wie die eigene Hochzeit oder ein Lottogewinn und negative Ereignisse wie der Tod eines nahestehenden Menschen oder Arbeitslosigkeit können das subjektive Wohlbefinden vorübergehend oder langfristig verändern. Wie stark die Auswirkungen sind, hängt von der Schwere und Art der Ereignisse ab [3]. Der Verlust des Ehepartners senkt beispielsweise das subjektive Wohlbefinden im ersten Jahr um rund 0,9 Punkte, eine Heirat steigert es im ersten Ehejahr um etwa 0,3 Punkte.

Im Rahmen der Studie betrachteten wir die Flüchtlingskrise als wichtiges Ereignis im sozialen Bereich, das sich überall in Europa auf das subjektive Wohlbefinden der Menschen auswirkte, und zwar insbesondere durch die Präsenz und Wahrnehmung in den Medien. Wie frühere Untersuchungen gezeigt hatten (zum Beispiel [4]), können Medienaufmerksamkeit und Berichterstattung öffentliche Debatten und die politische Schwerpunktsetzung beeinflussen. In diesem Kontext konnte die Flüchtlingskrise entweder als negatives Ereignis wahrgenommen werden, das viele logistische, administrative, wirtschaftliche und soziale Kosten nach sich zieht, oder als positive Erfahrung mit Potenzial für die Zukunft und als Chance zu helfen. Die Annahme war, dass das große Medieninteresse am Thema Flüchtlingskrise das subjektive Wohlbefinden beeinflusst haben könnte. Dieser Effekt könnte mit der Tendenz der Berichterstattung in Zusammenhang stehen: positive Berichterstattung mit einer Steigerung, negative mit einer Verschlechterung und gemischte mit keiner Änderung des subjektiven Wohlbefindens.

Für die Analyse dienten die Befragungswellen 5 und 6 von SHARE. Das Projekt SHARE, das es seit 2004 gibt, ist eine alle zwei Jahre durchgeführte multidisziplinäre Panelstudie. Sie umfasst die Themen Gesundheit, Alterungsprozess, sozioökonomischer Status und soziale Netzwerke und basiert auf Interviews mit Menschen im Alter von 50 bis 85 Jahren in mittlerweile 28 europäischen Ländern und Israel [5]. Insgesamt wurden mehr als 120.000 Personen befragt. Die Stichprobe für die Studie umfasste 25.362 ältere Bürgerinnen und Bürger, die in den jeweiligen Ländern geboren wurden.

Abb. 1: Ländergruppierung nach Tendenz der Medienberichterstattung über die Flüchtlingskrise

Tatsächlich zeigten sich in verschiedenen Ländern kurzzeitige Unterschiede im subjektiven Wohlbefinden, die vermutlich in Zusammenhang stehen mit der Präsenz und Tendenz der damaligen Berichterstattung über die Flüchtlingskrise und der in den Ländern herrschenden Stimmung (Abb. 1): In Deutschland, Italien und Schweden – Länder mit positiver Berichterstattung – stieg das subjektive Wohlbefinden um 0,18 Punkte auf der Skala der Lebenszufriedenheit. Dagegen verringerte es sich um 0,14 Punkte in der Tschechischen Republik, Dänemark, Frankreich und Slowenien, wo die Medien eher negativ berichteten. Die größten Auswirkungen ließen sich jeweils in Deutschland (+0,26) und Tschechien (-0,48) feststellen. In Österreich, Belgien und Spanien – Länder ohne eindeutige Tendenz in der Berichterstattung – waren keine Unterschiede sichtbar.

Das gesunkene Wohlbefinden in den Ländern mit negativer Berichterstattung könnte daraus resultieren, dass die Menschen dort dem Zustrom von Flüchtlingen gegenüber skeptischer waren. Sie nahmen möglicherweise eher die Kosten als die Vorteile wahr und betrachteten die Neuankömmlinge als Belastung für den Sozialstaat, als Konkurrenten im Gesundheitswesen und als Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt.

Im Gegensatz dazu dominierte in den Ländern mit positiver Berichterstattung, vor allem in Deutschland, ein regelrechter Hype um die Flüchtlinge die Stimmung in den meisten Medien und teilweise auch bei Politikern. Sympathie, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, vielleicht das Gefühl der Erleichterung darüber, es besser zu haben, und die von Kanzlerin Merkel verkündete „Wir schaffen das“-Einstellung, scheinen die Stimmung und das gesellschaftliche Engagement beflügelt zu haben.

Die Studie zeigt: Wenn das Thema Einwanderung in den Medien stark präsent ist, kann das Auswirkungen auf das Wohlbefinden der angestammten Bevölkerung haben, insbesondere bei den Älteren. Sie sind ein wichtiger Teil der Bevölkerung, da sie mehr Nachrichten konsumieren und sich stärker an Wahlen beteiligen als andere soziale Gruppen. Daher sollten Forscher und politische Entscheidungsträger Medien und das Wohlbefinden älterer Menschen im Auge behalten, wenn es um die öffentliche Meinungsbildung zum Thema Migration geht.

Literaturhinweise

1.
Georgiou, M.; Zaborowski, R.
Media coverage of the “refugee crisis”: A cross-European perspective
(Berichterstattung über die Flüchtlingskrise: Eine europaweite Perspektive)
Bericht des Europarates (2017)
DG1(2017)03
2.
Diener, E.; Suh, E. M.; Lucas, R. E.; Smith, H. L.
Subjective well-being: Three decades of progress (Subjektives Wohlbefinden: Fortschritte aus drei Jahrzehnten)
Psychological Bulletin 125 (2), 276–302 (1999)
3.
Lucas, R. E.
Adaptation and the set-point model of subjective well-being (Anpassung und das Set-Point-Modell des subjektiven Wohlbefindens)
Current Directions in Psychological Science 16 (2), 75–79 (2007)
4.
Schemer, C.
The influence of news media on stereotypic attitudes toward immigrants in a political campaign (Der Einfluss von Nachrichtenmedien auf stereotype Einstellungen gegenüber Immigranten in einer politischen Kampagne)
Journal of Communication 62, 739–757 (2012)
5.
Börsch-Supan, A.; Brandt, M.; Hunkler, C.; Kneip, T.; Korbmacher, J.; Malter, F.; Schaan, B.; Stuck, S.; Zuber S.
Data Resource Profile: The Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE)
International Journal of Epidemiology 42 (4), 992–1001 (2013)
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