Forschungsbericht 2017 - Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

Experiencing the global environment: Zwischen leiblichen und weltumspannenden Maßstäben

Autoren
Camprubí, Lino; Lehmann, Philipp
Abteilungen
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
Zusammenfassung
Wer kommunizieren möchte, wie dringlich eine Verringerung der weltweiten Kohlenstoffemissionen ist, stößt auf eine wesentliche Schwierigkeit: Die Menschen und ihre Regierungen erleben die Gefahren des Klimawandels nur mittelbar. Wir nehmen zwar die Temperatur oder die Luftfeuchtigkeit in unserer unmittelbaren Umgebung zu einem bestimmten Zeitpunkt wahr. Uns fehlt aber jede direkte Erfahrung der globalen Umwelt. Die Arbeitsgruppe Experiencing the Global Environment am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte untersucht die Geschichte dieser Wahrnehmungslücke.

Beim Blick auf die Erde aus einem Raumschiff erkennt der Beobachter die Ganzheit unseres Planeten und die Verwobenheit seiner scheinbaren Einzelteile. Bis heute symbolisieren die Apollo-Aufnahmen von 1972 den Beginn des Zeitalters der Umweltschutzbewegung und eines neuen Bewusstseins für die Fragilität der Biosphäre und der chemischen, geologischen, ozeanischen und atmosphärischen Systeme, aus denen die Erde besteht. Eine solche Perspektive verlangt im wahrsten Sinne des Wortes eine Loslösung von der Erde selbst. Andere Geo- und Umweltwissenschaften zeigen die gleiche paradoxe Spannung: Während sie einerseits neue Möglichkeiten der Erfahrung der Welt um uns herum erschließen, scheinen sie uns andererseits auch aufzufordern, über unser lokales Umfeld hinauszugehen – und es vielleicht sogar hinter uns zu lassen.

Abb. 1: „Blue Marble“ ist der Name eines bekannten Fotos der Erde, das die Besatzung von Apollo 17 am 7. Dezember 1972 auf dem Weg zum Mond aus einer Entfernung von rund 45.000 km aufgenommen hat.

Der ursprünglichen Bedeutung nach ist die Umwelt das, was umgibt. In seiner frühesten wissenschaftlichen Verwendung war das, was in dieser Weise umgeben wurde, der einzelne Organismus. Der Biologe und Philosoph Jakob Johann von Uexküll definierte die Umwelt Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Ebene des Individuums und beschrieb, wie unterschiedliche Tierarten abhängig von der Physiologie ihrer Sinnesorgane ihre jeweiligen Umwelten erleben.

Heute wird unter Umwelt jedoch oft eine einzige globale Umwelt verstanden, die aus allen Organismen besteht, diesen vorangeht und diese zugleich überdauert. Eine N-Gramm-Suche in Google Books zeigt, wie der Begriff „globale Umwelt“ in dieser neuen Bedeutung erst Ende der 1960er Jahre aufkam und wie seine Verwendung danach einen regelrechten Boom erlebte. Fünfzig Jahre später lässt sich der Begriff in einer Bewertung der menschengemachten Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaften konfrontiert sind, kaum noch vermeiden.

Forschungsfragen

Die beiden Bedeutungen von Umwelt – lokal und global – stehen in einer produktiven Spannung zueinander, die zu weiterer Forschung anregt. Der offensichtliche Gegensatz zwischen der individuellen Umwelt und der globalen Umwelt wirft neue Fragen auf: Ist es einzelnen Organismen möglich, die Umwelt im globalen Maßstab zu erfahren? Welche Rolle spielt die persönliche Erfahrung in ihrer indirekten Vermittlung durch neue Instrumente und Technologien bei der Konzeptualisierung einer globalen Umwelt? Und umgekehrt: Wie beeinflussen historisch entstandene Vorstellungen über die globale und die kollektive Erfahrung die Art und Weise, wie Individuen mit ihren unmittelbaren Umgebungen interagieren?

Der Aspekt der Historizität von Erfahrungen und Vorstellungen steht im Mittelpunkt des Forschungsprojekts Experiencing the Global Environment am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Daraus folgt auch die Frage, welche Phänomene im historischen Übergang zu globalen Umwelten entstehen, überleben oder verloren gehen. Die philosophische und politische Dringlichkeit dieses Themas wird deutlicher, wenn man die aktuellen Diskussionen über den ontologischen und epistemologischen Status des Anthropozäns und die Verantwortung der Menschen in dieser neuen Epoche des kollektiven menschlichen Handelns verfolgt.

Status des Fachgebiets

Experiencing the Global Environment baut auf Arbeiten aus den Bereichen der Wissenschaftsgeschichte und der Umweltgeschichte auf, die sich mit Maßstabsfragen in den Umwelt- und Feldwissenschaften beschäftigt haben, wie beispielsweise Knowing Global Environments [1] oder Intimate Universality [2]. Das Projekt geht auf Aspekte ein, die vom kolonialen Hintergrund bis zu „Aufskalierungs-Prozessen“ in der Beziehung zwischen Beobachtungsnetzwerken und globalen Rahmensetzungen in den Geowissenschaften reichen. Dabei verlagert Experiencing the Global Environment allerdings seinen Schwerpunkt auf den engen Zusammenhang zwischen der individuellen Erfahrung und den Skalierungsprozessen, die hinter vielen Entwicklungen und Debatten der Geowissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert standen. Durch diesen Schwerpunkt will das Projekt die Lokal–Global-Dichotomie destabilisieren und die Vergegenwärtigung von vermittelnden Skalen in ein neues Licht rücken.

Die für dieses Gebiet maßgeblichen Arbeiten von Paul Edwards, insbesondere seine Vast Machine [3], sind ebenfalls ein gemeinsamer Bezugsrahmen für das Projekt. Statt Edwards Schwerpunkt der Ausarbeitung von Modellen zu folgen, konzentriert sich Experiencing the Global Environment jedoch auf die weniger entwickelte Geschichte der Daten – inklusive der Entwicklung von Instrumenten, Sensoren und Technologien zur Übertragung und Analyse von Informationen. Was Literatur aus anderen Fachgebieten betrifft, stützt sich das Projekt unter anderem auf das anthropologische Werk von Tim Ingold [4]. Es bietet wertvolle theoretische Diskussionspunkte, die das Projekt durch ein Augenmerk auf die historische Spezifität der Geowissenschaften anreichern möchte.

Arbeitsgruppe

Im Februar 2016 war das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin Gastgeber eines dreitägigen öffentlichen Workshops. In sieben Podiumsdiskussionen haben achtzehn Wissenschaftler aus den Bereichen Wissenschaftsgeschichte, Umweltgeschichte und Wissenschaftsphilosophie ihre Gedanken zum Thema „Experiencing the Global Environment“ ausgetauscht. Aufbauend auf den inspirierenden Diskussionen des Workshops wurde das Projekt in der gleichnamigen Arbeitsgruppe fortgesetzt, deren Endergebnis die Veröffentlichung einer Sonderausgabe von Studies in History and Philosophy of Science Part A sein wird, die 2017 erscheint. Zur Vorbereitung dieses Bandes bildete sich im Sommer 2016 eine kleinere, auf die Autoren beschränkte Arbeitsgruppe, bestehend aus fünf Vortragenden aus der Workshop-Besetzung und drei neuen Mitwirkenden, deren Arbeit die Diversität des Bandes ergänzt und bereichert. Bei der Auswahl der Teilnehmer wurde darauf geachtet, dass ihre Projekte und Ansätze kompatibel sind und dass sie sich mit Fragen befassen, die über Einzelfallstudien hinausgehen.

Sonderausgabe und Ergebnisse

Die Sonderausgabe bezweckt keine definitive Antwort auf die Frage, ob es möglich ist, die globale Umwelt zu erfahren. Vielmehr ist ihr Ziel, verschiedene mögliche Bedeutungen der Konzepte von Erfahrung und globalen Umwelten zu erforschen und die vielfältigen Arten zu beleuchten, das Globale zu erfassen. Die Beiträge beschäftigen sich mit einer Reihe von übergeordneten Themen, wie etwa der Frage nach den materiellen und ideologischen Umständen von globalen Visionen in den Wissenschaften oder dem Stellenwert, den die Praktiker in den Geo- und Umweltwissenschaften der persönlichen Erfahrung in ihrer Arbeit eingeräumt haben. Statt zu einer einheitlichen Antwort führen zu wollen, untersuchen die einzelnen Aufsätze also besondere Entwicklungen und Muster aus historischer Sicht. Dabei stehen sie in einem engen und zum Teil vergleichenden Dialog zu den Antworten und Ansätzen der anderen Autoren der Ausgabe.

Alle Beiträge erforschen, wie sich eine Vorstellung von der globalen Umwelt historisch herausgebildet hat. Sie erörtern die Bedeutungen der Erfahrung in den Geo- und Umweltwissenschaften sowie der Biologie, wie sie sich im 19. und 20. Jahrhundert entwickelt haben. Der Kolonialismus, militärische Konflikte und die Geschäftswelt waren Hauptfaktoren für die politischen und wirtschaftlichen Globalisierungsprozesse der frühen Neuzeit und der Moderne. Eine der zentralen Fragen dieser Sonderausgabe ist, wie diese und andere, möglicherweise neuartigen, Prozesse gewirkt haben: vom Aufkommen der globalen Wissenschaften in der Zeit des Hochimperialismus bis zur Revolution der Geo- und Umweltwissenschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die beiden aufeinanderfolgenden „Great Accelerations“ zum Ende des 19. Jahrhunderts und in den 1950er Jahren – damals stiegen im globalen Kontext viele der den menschlichen Aktivitäten zugeschriebenen Indikatoren gleichzeitig deutlich an – waren von zentraler Bedeutung für die Verbreitung neuer Technologien sowie für die Standardisierung von Daten und Methoden, die zusammen eine globale Konzeptualisierung der Umwelt möglich machten.

Die Aufsätze beschäftigen sich intensiv mit den jeweiligen Schauplätzen und lokalen Umständen, von denen ausgehend sich die historischen Akteure globale Umwelten vorstellten. Dabei befassen sich die Autoren mit den Praktiken und Instrumenten für die Konstruktion und Darstellung einer verflochtenen, erdumfassenden Umwelt. Über verschiedene Ansätze setzen sich alle Beiträge mit der Frage auseinander, ob die strenge Abgrenzung zwischen lokal und global für die historische Analyse sinnvoll ist. Ein erstes Fazit lautet, dass Erfahrungen von Umwelt(-en) im Singular wie im Plural immer auf unterschiedlichen Maßstäben fußten. Und in diesem aktiven Skalierungsprozess war oft das „Zwischenmaß“ von Regionen, Kontinenten, Ozeanen oder tektonischen Platten und weder der kleine Maßstab einer bestimmten Feldstation oder eines Sensors noch der reale oder vorgestellte Blick auf den Planeten Erde vom Weltraum aus entscheidend. Alle Autoren dieser Ausgabe diskutieren den Wert von alternativen Beschreibungen und Ansätzen für die Konzeptualisierung von Umwelten – von „glokalen“ Perspektiven zu kolonialen Maßstäben und vom erfahrungsbasierten zum universellen oder kosmopolitischen Wissen.

Der Band legt ein besonderes Augenmerk auf die Art und Weise, wie verschiedene Akteure mit der Spannung zwischen lokaler und globaler Erfahrung umgingen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Kampf zwischen beschreibenden und physikalischen Ansätzen in der Geografie und der Klimatologie oft als ein Streit zwischen der persönlichen – häufig stark sensorischen und emotionalen – Erfahrung einer bestimmten Region und dem angeblich kalten und objektiven Blick einer mathematischen Analyse von quantifizierten Daten geschildert. Die Klage über den Verlust des direkten Kontakts zur Natur, die sich zumindest seit der frühen Neuzeit mit jeder neuen Technologie ständig wiederholt, ist sogar noch besorgter geworden, seitdem zahlreiche Modelle, Computer und Sensornetzwerke zahlreiche Aufgaben der direkten, persönlichen Beobachtung übernommen haben. Einige Praktiker beklagen sich schon, dass der Bildschirm die Erfahrung vor Ort ersetzt habe.

Gleichzeitig sind aber rund um diese technologisch vermittelten Ansätze für globale Phänomene auch neue Vorstellungen vom Erhabenen zum Vorschein gekommen – von einem Schwindelgefühl und dem Eindruck kosmischer Bedeutungslosigkeit beim Blick auf die aufgehende Erde bis hin zu einem Gefühl der Ganzheit bei der Beschreibung der Biosphäre als einem allumfassenden Ökosystem. Erfahrungen der globalen Umwelt ebneten den Weg für neue Wahrnehmungen und eine neue Ästhetik, die untrennbar vom heutigen Verständnis des Anthropozäns sowie der kontroversen Debatten darüber sind. Und wie die Autoren dieses Bandes anhand vieler historischer Beispiele argumentieren, waren diese Erfahrungen immer auch von Politik durchdrungen. Gemeinsam zeigen die Beiträge, dass eine genauere Betrachtung persönlicher und kollektiver Erfahrungen des Globalen die Rolle der Menschheit in dieser neuen Ära der Erdgeschichte ausleuchten kann.

Weitere Autoren des zum Projekt 2017 als Sonderausgabe der Zeitschrift Studies in History and Philosophy of Science Part A erscheinenden Sammelbandes: Elena Aronova (UC Santa Barbara); Angela N. H. Creager (Princeton University); Jeremy Vetter (University of Arizona); Etienne Benson (University of Pennsylvania); Fa-ti Fan (Binghamton University); M. Norton Wise (UCLA)

Literaturhinweise

1.
Vetter, J. (ed.)
Knowing Global Environments
Rutgers University Press, New Brunswick (2010)
2.
Coen, D.; Fleming, J. R.; Jankovic, V.
Intimate Universality: Local and Global Themes in the History of Weather and Climate
Science History Publications, Sagamore Beach (2006)
3.
Edwards, P.
A Vast Machine: Computer Models, Climate Data, and the Politics of Global Warming
MIT Press, Cambridge, MA (2010)
4.
Ingold, T.
The Perception of the Environment: Essays on Livelihood, Dwelling, and Skill
Routledge, New York (2000)
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