Forschungsbericht 2017 - Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Soziale Determinanten menschlicher Kommunikation

Autoren
Bohn, Manuel; Stöber, Gregor
Abteilungen
Vergleichende und Entwicklungspsychologie (Michael Tomasello)
Zusammenfassung
Wie kein anderes Medium kann gesprochene Sprache Bedeutung transportieren. Doch wie wichtig sind nichtsprachliche Anteile der Interaktion? Neuere Studien belegen, (1) wie Bedeutung in sozialen Interaktionen schon bei vorsprachlich kommunizierenden Kleinkindern von zwölf Monaten durch gemeinsame Erfahrung gebildet wird, (2) wie verschiedene soziale Kontexte die Bedeutung von Gesten im zweiten Lebensjahr modifizieren können und (3) wie junge Kinder Bedeutung in kooperativen Kontexten neu etablieren können, in denen sprachliche Kommunikation nicht möglich ist.

Sprache und Kommunikation

Was ist Sprache? Aus psychologischer Sicht ist sie nur eine von vielen Wegen, um Kommunikation zu ermöglichen. Das Vorhandensein einer gemeinsamen Sprache ist keine Bedingung für gelungene Verständigung. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass der Ursprung typisch menschlicher Kommunikation in bestimmten Formen der sozialen Interaktion und der damit einhergehenden Kognition liegt. Diese sozialen Determinanten gehen Sprache voraus und lassen sich auch unabhängig von ihr bei Kindern untersuchen.

Soziale Ursprünge

Bereits kurz nach der Geburt zeigen Säuglinge ein gesteigertes Interesse an Gesichtern und belebten Dingen. Im Laufe des ersten Lebensjahres entwickeln sie mit Erwachsenen systematische Interaktionsschemata in Form von Spielen oder Routinen. Damit einher geht das Verständnis, dass andere nicht nur belebte, sondern mentale Wesen sind, die über Ziele, Absichten und einen Aufmerksamkeitsfokus verfügen.

original
Original 1508158522
Abb. 1: Schon ab dem zwölften Monat nutzen Kinder Zeigegesten, um eine Vielzahl kommunikativer Absichten auszudrücken.
Abb. 1: Schon ab dem zwölften Monat nutzen Kinder Zeigegesten, um eine Vielzahl kommunikativer Absichten auszudrücken.

Kinder beginnen im Alter von zwölf Monaten, also noch bevor sie anfangen zu sprechen, Zeigegesten zu verwenden, um ihren eigenen Zielen und Absichten Ausdruck zu verleihen und um die Aufmerksamkeit Anderer zu lenken (Abb. 1). Dabei spielt das Zeigen eine wichtige Rolle in verschiedenen sozialen Interaktionen, beim Verfolgen unterschiedlicher Absichten: Kinder zeigen, um mitzuteilen, was sie gern haben wollen, was sie interessiert oder aber auch, was interessant für das Gegenüber sein könnte. Hand in Hand mit der Produktion von Zeigegesten geht das Verständnis dieser Gesten. Zusammengenommen ist das Zeigen Ausdruck einer frühen sprachunabhängigen Kommunikationsfähigkeit. Neuere Studien untersuchen, ob diese Fähigkeit die Kinder in die Lage versetzt, auch über abwesende Dinge zu kommunizieren. Sprache ermöglicht diese Form der Kommunikation, da Wörter auch in Abwesenheit einer Sache eine Repräsentation derselben im Gegenüber hervorrufen können. Nun zeigt sich: Auch ohne Sprache kann über abwesende Dinge kommuniziert werden – durch geteiltes Wissen. Wissen beide Kommunikationspartner beispielsweise darum, dass ein bestimmter Ort normalerweise eine bestimmte Sache enthält, kann durch Zeigen auf den leeren Ort auf die abwesende Sache hingewiesen werden.

Auf diesen Überlegungen fußend untersuchten Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, ob vorsprachliche Kleinkinder über abwesende Dinge kommunizieren. In einer Spielsituation hatten Kinder die Gelegenheit, von einem Erwachsenen kleine Spielzeuge zu erbitten. Zu Beginn lagen diese Spielzeuge sichtbar auf einem Teller und sobald die Kinder darauf zeigten, händigte der Erwachsene ihnen eines davon aus. Diese Phase etablierte das geteilte Wissen, dass der Teller der Ort ist, an dem die Spielzeuge liegen. Die kritische Frage war nun, wie Kinder bei einem leeren Teller reagieren würden. Es stellte sich heraus: Durch das geteilte Wissen konnten sie dem Erwachsenen tatsächlich durch abermaliges Zeigen auf den leeren Teller mitteilen, dass sie gern noch ein weiteres Spielzeug hätten. Des Weiteren konnte durch Variation einer Alternativoption herausgefunden werden, dass die Kinder spezifische Objekte im Sinn hatten, wenn sie auf den leeren Teller zeigten. Lag beispielsweise auf einem zweiten Teller sichtbar das gleiche Spielzeug wie zuvor auf dem nun leeren Teller, so wurde auf das sichtbare gezeigt. Lag auf dem zweiten Teller jedoch ein anderes Spielzeug, so zeigten sie auf den leeren Teller. Dies verdeutlicht, dass die Kinder den früheren Inhalt des Tellers berücksichtigten und nicht wahllos auf den leeren Teller zeigten. Dass geteiltes Wissen zwischen den Kommunikationspartnern die theoretisch angenommene Rolle spielte, belegten auch weiterführende Studien. Dabei wurde variiert, ob der Erwachsene, mit dem die Kinder sich verständigen, den Inhalt des Tellers zuvor gesehen hatte und daher das Wissen um dessen Inhalt teilte. Unter diesen Umständen zeigten die Kinder nur auf den leeren Teller, wenn geteiltes Wissen auch vorhanden war. Zusammengenommen bestärken diese Ergebnisse die Annahmen, dass Kinder, noch bevor sie zu sprechen beginnen, über eine umfassende Kommunikationskompetenz verfügen, die auch den Erwerb von Sprache ermöglicht.

Erfahrung verändert die Bewertung von Gesten

Die Interaktion mit Erwachsenen bietet Kindern ganz besondere Entwicklungsmöglichkeiten. Hier können sie fortwährend lernen, werden unterstützt und erfahren Geborgenheit. Einen ausgezeichneten Test für den Einfluss von sozialen Erfahrungen für die Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten bietet ein kontrollierter Vergleich der Interaktion mit Erwachsenen und Gleichaltrigen.

Um herauszufinden, ob Kinder sich in beiden sozialen Kontexten gleich verhalten, untersuchten Wissenschaftler nun Paare von zweijährigen Kindern. In diesem Alter haben Kinder bereits reichlich Erfahrung im Umgang mit Erwachsenen und Kindern gleichen Alters sammeln können. In einem einfachen Spiel suchte ein Kind ein Spielzeug, das zuvor unter einem von drei Verstecken platziert wurde (Abb. 2). Das andere Kind konnte dann durch Zeigen auf eines der Verstecke dem suchenden Kind helfen, das Spielzeug zu finden. Während die Kinder grundsätzlich motiviert waren, ihrem Gegenüber zu helfen – sie zeigten auf das Versteck –, nutzten die Kinder in der Rolle des Suchers die Informationen des anderen Kindes nicht und schienen bei der Wahl des Verstecks zu raten. Eine weitere Gruppe Zweijähriger spielte das gleiche Spiel mit einem Erwachsenen. Hier entschieden sich die Kinder überzufällig häufig und deutlich öfter als in der Kind-Kind-Interaktion für das durch die Zeigegeste ausgewiesene Versteck.

original
Original 1508158522

Abb. 2: Versuch mit zweijährigen Kindern.Nur eines der beiden Kinder kann beobachten, wo das Spielzeug versteckt wird (A). In der Testphase nach Entfernung des Sichtschutzes darf dieses Kind seinem Partner helfen, das versteckte Spielzeug zu finden. Sobald der Helfer auf eines der Verstecke zeigt, wird das Brett mit den Verstecken bewegt, damit der Sucher eine Entscheidung treffen kann (B).

Abb. 2: Versuch mit zweijährigen Kindern.Nur eines der beiden Kinder kann beobachten, wo das Spielzeug versteckt wird (A). In der Testphase nach Entfernung des Sichtschutzes darf dieses Kind seinem Partner helfen, das versteckte Spielzeug zu finden. Sobald der Helfer auf eines der Verstecke zeigt, wird das Brett mit den Verstecken bewegt, damit der Sucher eine Entscheidung treffen kann (B).

In einer weiteren Studie wurde ein Versuchsaufbau entwickelt, in dem die Teilnehmer das gleiche Suchspiel in Interaktion mit lebensgroß dargebotenen Videoaufzeichnungen von Kindern oder Erwachsenen spielten. Bei der Erstellung des Videomaterials wurden zunächst Zeigegesten von Kindern aufgenommen und dann in einem zweiten Schritt weitere Aufnahmen von Erwachsenen gemacht, die die Bewegungen der Kinder genau imitierten. Während des Versuchs wurde die Videopräsentationsfläche so in eine Wand eingebettet, dass es wirkte, als sähe man den Partner durch eine Scheibe in einem benachbarten Raum. Eine spezielle Einführungsphase, in der der Versuchsleiter mit der Videoaufzeichnung interagierte, trug weiter dazu bei, die Person im Video als echten Interaktionspartner zu etablieren. Die Replikation unter diesen ideal kontrollierten Bedingungen bestätigte das Ergebnis der ersten Studie: Zweijährige bevorzugen Erwachsene als Informationsquellen. Dies zeigt, dass Kinder schon früh mit unterschiedlichen Motivationen und Erwartungshaltungen an Interaktionen mit Gleichaltrigen und Erwachsenen teilhaben, und verdeutlicht die besondere Rolle der Eltern-Kind-Beziehung für die Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten.

Wie Sprache entsteht – ohne Sprache

Soziale Interaktionen ermöglichen und verändern die kindliche Kommunikation. Die daraus entstehenden Fähigkeiten erlauben es den Kindern, Sprache zu erlernen und kompetent einzusetzen. Aus evolutionärer Perspektive stellt sich jedoch die Frage, wie Sprache allein aus sozialen Interaktionen heraus entstehen konnte. In einer laufenden Studie nähern sich Wissenschaftler diesem Thema: Sie untersuchen, wie sich Kinder ohne Sprache verständigen können. Dadurch sollen die Dynamiken der Sprachevolution unter kontrollierten Bedingungen nachvollzogen werden. Der Vergleich unterschiedlicher Altersgruppen erlaubt es zudem, die kognitiven Voraussetzungen abzuschätzen, die für die Entstehung von Sprache notwendig gewesen sind.

In den entsprechenden Versuchsanordnungen sind Kinder über eine Videokonferenz miteinander verbunden. Die Aufgabe des einen Kindes besteht darin, dem anderen mitzuteilen, was auf einem Bild dargestellt ist. Die Darstellungen reichen von konkreten Objekten wie einem Fahrrad bis hin zu abstrakten Kategorien wie „Nichts“ bei einem leeren Blatt. Die entscheidende Manipulation besteht darin, dass der Ton bei der Videokonferenz nicht funktioniert und gesprochene Sprache somit keine Option ist. Die Kinder müssen alternative Wege finden, ihrem Gegenüber den Inhalt des Bildes mitzuteilen. Besonders geeignet sind in dieser Situation ikonische Gesten, also der Rückgriff auf Pantomime. Eine Vielzahl von Theorien spricht diesen Gesten eine wichtige Funktion bei der Sprachevolution zu.

Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass Kinder im Alter von sechs Jahren spontan dazu in der Lage sind, ikonische Gesten zu erfinden. Vierjährige sind dazu nicht spontan in der Lage, sie können aber neue Gesten erfinden, wenn ihnen anfänglich einige Gesten vorgegeben werden. Dies legt den Schluss nahe, dass das Erlernen von Sprache weniger komplexe Fähigkeiten erfordert als das gemeinsame Erfinden einer neuen Sprache. Derzeit untersuchen Wissenschaftler, wie die Dynamik der Interaktionen die verwendeten Zeichen prägt. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei, ob Kinder zunehmend die gleichen Zeichen zur Darstellung einer Sache benutzen und ob die Gesten im Laufe der Zeit abstrakter werden. Beide Prozesse sind Charakteristika sich entwickelnder Sprachen, die bereits bei der Entstehung neuer Gebärdensprachen beobachtet wurden.

Fazit: Es gibt keine Sprache ohne soziale Interaktion

Die aufgeführten Befunde zeigen zunächst, über welche besonderen Fähigkeiten im Sprachverhalten Kinder schon im zweiten Lebensjahr verfügen. Darüber hinaus belegen sie die besondere Bedeutung geteilter kommunikativer Routinen und von Erfahrung für die Entwicklung soziokommunikativer Fähigkeiten. Diese Einflüsse sind ebenso wichtig wie die des kulturell vermittelten Sprachsystems und gehen seiner Einwirkung sogar teilweise voraus. Zusammengenommen verdeutlichen die Ergebnisse einmal mehr die besondere Rolle spezifisch menschlicher Formen sozialer Interaktion in der Entwicklung von sprachlicher Kommunikation.

Literaturhinweise

1.
Bohn, M.; Call, J.; Tomasello, M.
Communication about absent entities in great apes and human infants
Cognition 145, 63–72 (2015)
DOI
2.
Tomasello, M.; Carpenter, M.; Liszkowski, U.
A new look at infant pointing
Child Development 78 (3), 705–722 (2007)
DOI