Zusammen mit Freunden sind Schimpansen weniger gestresst

Ob Konfliktsituation oder tägliches Miteinander – frei lebende Schimpansen haben weniger Stress, wenn Familienmitglieder und Freunde sie unterstützen

1. November 2016

Wenn Menschen und andere in sozialen Gemeinschaften lebende Tiere Stress ausgesetzt sind, werden sie oft krank und sterben früher. Die Unterstützung von Freunden und Verwandten kann die negativen Auswirkungen von Stress eindämmen. Doch wie dieser Prozess funktioniert, ist unklar. Ein Team unter der Leitung von Roman Wittig, Catherine Crockford und Tobias Deschner vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat untersucht, wie frei lebende Schimpansen in An- oder Abwesenheit eines Freundes mit stressigen und nicht stressigen Situationen zurechtkommen. Dazu haben die Forscher den Stresshormonspiegel im Urin der Tiere gemessen und herausgefunden: Die Schimpansen waren in Konfliktsituationen deutlich weniger gestresst, wenn ihre Freunde mit von der Partie waren. Aber auch bei der Fellpflege durch Freunde entspannten die Tiere besser. Die tägliche Unterstützung durch Freunde und Familie hat also möglicherweise bei der Regulierung der Stresshormone und ihrer negativen Folgen eine Schlüsselfunktion. Eine Erkenntnis, die auch für den Menschen von medizinischer Relevanz sein kann.

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Männchen der Süd-Gruppe im Taï Nationalpark (Elfenbeinküste) bei der gegenseitigen Fellpflege.
Männchen der Süd-Gruppe im Taï Nationalpark (Elfenbeinküste) bei der gegenseitigen Fellpflege.

Die Hormone des Hypothalamus, der Hirnanhangsdrüse und den Nebennierendrüsen regulieren die Reaktion des Körpers auf Stress. Diese so genannte HPA-Achse kontrolliert aber auch viele andere Prozesse, wie die Verdauung, das Immunsystem, Stimmung und Emotionen. Wenn die HPA-Achse durch Stress aus dem Gleichgewicht gerät, können körperliche und psychische Probleme die Folge sein. Enge soziale Bindungen können bis zu einem gewissen Grad die HPA-Achse beeinflussen und die Auswirkungen von Stress eindämmen. „Studien mit Menschen und nichtmenschlichen Tieren zeigen, dass diejenigen unter uns, die enge soziale Bindungen unterhalten, oft gesünder sind und länger leben als Einzelgänger“, sagt Roman Wittig. „Welche Mechanismen das ermöglichen, blieb aber lange unklar. Wenn wir verstehen wollen, wie sie funktionieren, müssen wir Hormonspiegel und Verhalten im direkten Wechselspiel betrachten.“

Um Schlussfolgerungen über Hormonreaktionen auf einzelne Verhaltensepisoden treffen zu können, entwickelten Wittig und seine Kollegen eine Methode, bei der sie Hormonproben aus gesammeltem Urin gewinnen. Diese wendeten sie dann auf einen unsere nächsten lebenden Verwandten an, den Schimpansen. Die Forscher wollten herausfinden, ob Freunde und Familie, die einem Individuum mehr Unterstützung und Zuwendung zukommen lassen als andere Gruppenmitglieder, beim Umgang mit Stress helfen – und zwar nicht nur während stressiger Ereignisse, sondern ganz generell im tagtäglichen Umgang miteinander.

Dazu beobachteten die Forscher das Verhalten frei lebender Schimpansen im Budongo-Wald in Uganda in drei verschiedenen Situationen: den für die Tiere stressigen und potentiell lebensbedrohlichen Begegnungen mit anderen Schimpansengruppen, der täglichen Fellpflege und während Ruheperioden. Dabei prüften die Forscher auch, ob enge Bündnispartner der Schimpansen an- oder abwesend waren. Nach jedem Ereignis sammelten die Forscher alle in den darauf folgenden sechs Stunden auffangbaren Urinproben, analysierten diese und bestimmten den Stresshormonspiegel der Schimpansen.

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Männchen der Ngogo-Gruppe im Kibale Nationalpark (Uganda) auf „Grenzpatrouille“.
Männchen der Ngogo-Gruppe im Kibale Nationalpark (Uganda) auf „Grenzpatrouille“.

„Wir stellten fest, dass der Glukokortikoid-Spiegel im Urin der Tiere niedriger war, wenn sie statt mit irgendeinem Mitglied der Gruppe etwas mit einem Freund unternahmen, egal ob es sich dabei um eine stressige Begegnung mit einer anderen Schimpansengruppe, die gegenseitige Fellpflege oder das gemeinsame Ausruhen handelte“, sagt Ko-Autorin Catherine Crockford. „Am stärksten war dieser positive Effekt jedoch in der Stresssituation, gefolgt von der Fellpflege und am schwächsten beim Ausruhen.” Tobias Deschner ergänzt: „Diese Studie ist vor allem deshalb so interessant, weil wir erstmals die Wirkung allgemeiner sozialer Muster – wie etwa die Aufrechterhaltung sozialer Bündnisse und Freundschaften über einen längeren Zeitraum hinweg – in einzelnen sozialen Interaktionen und ihren Einfluss auf die Ausschüttung von Stresshormonen nachweisen konnten.“

Die soziale Unterstützung durch Freunde, egal welchen Geschlechts, wirkt sich also extrem positiv auf die Regulierung der HPA-Achse und die Aufrechterhaltung eines gesunden Gleichgewichts aus. „Bei Schimpansen beeinflusst die soziale Unterstützung durch Freunde nicht nur den Stresshormonspiegel, sondern auch die Oxytocin-Werte im Urin, wie wir aus vergangenen Studien wissen“, sagt Wittig. „Man nimmt an, dass das Neuropeptid Oxytocin das Herunterregulieren der HPA-Achse erleichtert. Da Oxytocin bei freundschaftlichen Interaktionen zwischen erwachsenen Schimpansenfreunden ausgeschüttet wird, kann es sein, dass auch in unserer aktuellen Studie Oxytocin zur Eindämmung des Stresspegels mit beigetragen hat.“

Die Forscher schlussfolgern, dass Freunde für uns und unsere Gesundheit noch wichtiger sein könnten, als bisher angenommen. Freunde helfen uns tagtäglich dabei, unsere Stresshormone besser zu regulieren, was sich positiv auf Gesundheit und Lebensdauer auswirken kann. Die Ergebnisse der Studie könnten auch für Menschen von medizinischer Relevanz sein.

SJ/HR

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