Klischees über Nationen steuern unser Handeln

Wie Menschen aus unterschiedlichen Ländern miteinander kooperieren, hängt von Vorurteilen gegenüber anderen Nationalitäten ab

19. September 2016

Deutsche kommen zu jedem Termin 5 Stunden vorher, alle Inder heißen Ranjid und haben einen roten Punkt auf der Stirn. Der Japaner macht 10.000 Verbeugungen am Tag und der Amerikaner spricht mit einem Kaugummi im Mund. Die Liste der Stereotype ist beliebig lang und jedes Land hat seine eigenen über die jeweils anderen. Sie sollen helfen, schnell ein Gegenüber einzuschätzen. Welchen Einfluss Klischees über Menschen aus unterschiedlichen Nationen auf die Bereitschaft zur Kooperation haben, wollten Angela Rachael Dorrough und Andreas Glöckner vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern für sechs verschiedene Ländern herausfinden. Dabei stellten sie fest, dass Erwartungen, die oft durch starke länderübergreifende Klischees geprägt sind, eine bedeutende Rolle spielen.

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Wenn Menschen unterschiedlicher Nationalität zusammenarbeiten, sind sie oft von Klischees geprägt.

In der zunehmend globalisierten Welt ist es immer wichtiger, dass Menschen länderübergreifend kooperieren. „Heutzutage telefonieren oder treiben wir Handel mit Menschen weltweit, von denen wir nichts anderes als die Nationalität kennen“, sagt Dorrough. „Dabei vernachlässigen die üblichen ökonomischen Theorien oft die psychologischen und kulturellen Aspekte.“

Die Max-Planck Forscher wollten nun herausfinden, wie sich die Teilnehmer unterschiedlicher Nationen verhalten, wenn sie miteinander interagieren. Sie haben dazu über 1.200 Menschen aus Deutschland, Indien, Israel, Japan, Mexiko und den USA online gegeneinander spielen lassen. Wie willig sie zum Teilen und Zusammenarbeiten sind, kann in der Wissenschaft mit dem Gefangenen-Dilemma spielerisch erforscht werden. Die Teilnehmer, die sich nicht absprechen können, müssen sich in einem Spiel für egoistisches oder kooperatives Verhalten entscheiden. Verhalten sich beide egoistisch, bekommen beide nichts. Kooperieren beide und teilen, so gibt es für beide einen mittleren Gewinn. Verhält sich nur einer der beiden egoistisch, so erhält er den größten Batzen und der andere wird maximal ausgebeutet.

Das Gefangenen-Dilemma – international betrachtet

Das Dilemma besteht darin, nicht zu wissen, was der andere tut. Also versuchen die Partner, das Verhalten des anderen abzuschätzen. Erwartet man vom Partner ein egoistisches Verhalten, so wird ein ebenso egoistisches Verhalten gewählt. Schätzt man ihn als kooperativ ein, wird man ebenfalls kooperieren. Die Spieler kannten in diesem - einmal gespielten - Spiel von den anderen nur die Nationalität. Um mehr darüber zu erfahren, wie die Teilnehmer ihre Erwartung gebildet haben, wurden sie anschließend gefragt, wie sie ihre Mitspieler einschätzen, und zwar nach den Kriterien zur vermuteten Kooperationsbereitschaft: vertrauensvoll, freundlich, großzügig oder sympathisch. Damit ein Land, das schlechte Werte in der Einschätzung zur Kooperationsbereitschaft erhält, näher untersucht werden kann, wurden auch aus anderen Bereichen Merkmale abgefragt. Hier mussten die Teilnehmer angeben, wie attraktiv, spirituell, gesellig, sportlich und wohlhabend sie die anderen bewerten.

Entgegengesetzte Erwartungen

Dabei haben die Forscher festgestellt, dass die Spieler tatsächlich starke, ländergeprägte Klischees vom Verhalten ihrer Mitspieler haben. Schon in einer Vorstudie war den Forschern aufgefallen, wie unterschiedlich US-Amerikaner den Willen zur Kooperation bei Partnern aus anderen Ländern einschätzen. So erwarten sie eine hohe Bereitschaft von Japanern, zu kooperieren, aber eine sehr geringe von Israelis oder Indern. Paradoxerweise gehen Menschen aus Israel von einer sehr hohen Kooperationsbereitschaft bei Partnern aus den USA aus und kooperieren ihrerseits. Japaner sind grundsätzlich eher pessimistisch, was das kooperative Verhalten anderer Nationalitäten betrifft, Deutschland liegt für die Japaner dabei im Mittelfeld.

So handeln die Teilnehmer nach Stereotypen, die sich letztendlich als falsch erweisen, und tatsächlich negativ mit der Realität korrelieren. Dazu haben die Forscher die erwarteten Beiträge mit den tatsächlichen Resultaten verglichen. So erwarten andere Teilnehmern von den Japanern im Test oft ein sehr kooperatives Verhalten, was aber letztendlich nicht zutrifft. Vermutlich, weil die Japaner von anderen keine große Kooperation erwarten. Negativ trifft es die Israelis, von denen allgemein eine geringe Kooperationsbereitschaft angenommen wird, obwohl sie durchaus zum Teilen bereit sind.

„Oft ist in Stereotypen auch ein wahrer Kern, aber wenn wir Menschen zu Unrecht falsch einschätzen, reagieren wir auch falsch. Genau das sollten wir uns noch bewusster machen“, wünscht sich Dorrough. Nicht immer gelingt dies. „Das wäre dann eine Aufgabe der Forschung, herauszufinden, wie Hilfsmittel entwickelt werden können, um diesen irrigen Annahmen entgegenzuwirken.“

Doch nicht nur die Klischees beeinflussen das Verhalten, die Spieler haben auch unterschiedliche soziale Vorlieben. So sind sie wohlwollender gegenüber Mitspielern aus dem eigenen Land, ebenso wie gegenüber Menschen aus ärmeren Ländern. Spieler aus Mexiko und Indien erhalten mehr, als von ihnen erwartet wird. Kein Zusammenhang wurde mit dem räumlichen Abstand der Nationen gefunden.

Die Forscher wollen zukünftig ihre Ergebnisse noch verfeinern, indem weitere Länder einbezogen werden. Sie wollen auch untersuchen, wie der Grad der Globalisierung oder historische Faktoren ein bestimmtes Verhalten erklären können.

KE/MEZ

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