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Payne, Alina A. |
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Ut poesis architectura - Literatur, Architektur und die Frage nach dem Ornament |
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Ornament, ein Verbrechen? Adolf Loos’ Purismus-Manifest von 1908 war ein Fanal. Nicht nur die Architekten der Moderne, sondern auch die Architekturhistoriker des frühen 20. Jahrhunderts wollten vom Ornament nichts mehr wissen. Die Baukunst der Renaissance erschien den Forschern Resultat einer rein mathematischen Harmonielehre. So wurde lange übersehen, welch zentrale Rolle dem Dekor in der Architekturtheorie und -praxis der Renaissance zukommt. Die Architektin Alina A. Payne nahm bezeichnenderweise Ende der 80er-Jahre ihr Kunstgeschichtsstudium auf, als die Postmoderne ihren Zenit erreicht hatte. Das Ornament und die Säule hatten wieder Konjunktur. So kam mancher zu dem Schluss: „Man kann nicht die Geschichte nicht kennen.“
Payne wollte der Geschichte auf den Grund gehen. Angeregt von ihrem Professor an der University of Toronto, dem angesehenen Alberti-Kommentator Hans-Karl Lücke, begann sie sich mit den Texten auseinanderzusetzen, die am Anfang aller Architekturtheorie standen: Allen voran die „Zehn Bücher über Architektur“ von Vitruv (circa 30 v. Chr.). Dieses einzige vollständig überlieferte Werk der Kunsttheorie der Antike galt von der Renaissance bis ins 17. Jahrhundert hinein als sakrosanktes Regelwerk, das jedoch aufgrund seiner rätselhaften Terminologie nicht nur zu Interpretationen, sondern zu Erfindungen herausforderte. Zumal auch die von den Archäologen freigelegten Bruchstücke antiker Architektur kaum mit dem Geschriebenen übereinstimmten. So beklagte schon Leon Battista Alberti die wirren Formulierungen Vitruvs und entschloss sich, eine eigene Theorie, die erste der Neuzeit, zu entwickeln (1452, gedruckt 1485).
„Close reading“ nennt Payne ihre Methode, die bekannten und auch die übersehenen Architekturtraktate der Renaissance von Alberti bis Vicenzo Scamozzi (1615) einer subtilen Revision zu unterziehen. Mit dem literaturwissenschaftlichen Instrumentarium und einer hohen Sprachsensibilität für das Lateinische wie das Italienische vermag Payne Erstaunliches zu entdecken: Die Autoren der Traktate – Philosophen, Künstler, Archäologen – übernahmen Fragestellungen und Argumentation der Rhetorik und Poetik, der damaligen Leitkultur. So benutzte Sebastiano Serlio (1537) Wortfelder der Beredsamkeit zur Beschreibung der Bauornamentik. Auch führte er den Begriff der licentia, der künstlerischen Freiheit, von dort in die Architekturtheorie ein. Über den Imitatio-Begriff der Poetik vermochte sich die Architektur auch als mimetische Kunst zu definieren. Ja, ob eine Fassade gut ist, beruht letztlich auf Fiktion! Wie in der Rhetorik der Redeschmuck, so sollen in der Architektur die Säulenordnungen, Architrave, Friese – also die „Ornamente“ – der angenommenen Sache „angemessen“ sein. Damit ergaben sich Spielräume für Innovationen vor allem im Bereich des Ornaments.
Mit derselben Sorgfalt, mit der Payne die Architekturtraktate neu gelesen hat, unterzog sie die Standardwerke der Renaissanceforschung einer kritischen Lektüre. In ihrem preisgekrönten Aufsatz über Rudolf Wittkower, dessen „Architectural Principles in the Age of Humanism“ (1949) noch immer zu den meistzitierten Werken der Kunstgeschichte gehört, konnte sie nachweisen, wie sehr dessen Wahrnehmung von der Ästhetik der Moderne geprägt war. Paynes literarische Studien bereichern die Tradition deutsch-amerikanischer Architekturhistorie um überraschende Sichtweisen. Ihr Ziel ist es, die Architekturgeschichte und -theorie, die seit der Moderne an den Rand der kunsthistorischen Fächer gedrängt und weitgehend an die praktisch ausbildenden Architekturfakultäten delegiert wurde, wieder zentral zu positionieren. Paynes Forschung scheint auf eine Geschichte der künstlerischen Ästhetik der Architektur der Neuzeit zu zielen. Die Frage nach der Rolle des lange verpönten Ornaments wird Leitthema bleiben: Wesen oder Beiwerk, das ist die Frage. Damit verbunden beschäftigen Payne zunehmend die Architekturdebatten der Moderne.
Der Max-Planck-Forschungspreis wird Payne ermöglichen, ihr europäisches Netzwerk interdisziplinär auszubauen. |
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