Seit 2004 wird der Max-Planck-Forschungspreis jährlich an insgesamt zwei international renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verliehen - je ein Preis an eine/n in Deutschland tätige/n sowie an eine/n im Ausland tätige/n Forscher/in.
Die Ausschreibung erfolgt in jährlichem Wechsel für spezielle Teilgebiete der Natur- und Ingenieurwissenschaften, der Lebenswissenschaften bzw. der Geistes- und Sozialwissenschaften. Mit ihrem gemeinsamen Forschungspreis verfolgen Max-Planck-Gesellschaft und Alexander von Humboldt-Stiftung das Ziel, insbesondere jenen Fachgebieten Impulse zu geben, die in Deutschland noch nicht etabliert sind oder weiter ausgebaut werden sollten.
Sebastian Thrun lehrt und forscht an der Stanford University. Seit 2004 leitet er das Stanford Institut für Künstliche Intelligenz, eines der größten und bedeutendsten Institute auf diesem Gebiet weltweit. Der 43-jährige Informatiker arbeitet an der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz und Robotik.
Sein Hauptinteresse gilt lernfähigen Robotiksystemen, die sich selbständig bewegen können. So hat er beispielsweise gezeigt, dass es möglich ist, ohne Vorwissen mit einem mobilen Roboter eine Karte der Umgebung zu erstellen und dabei die Position und Orientierung des Roboters effektiv zu schätzen. Darüber hinaus eröffnen seine Arbeiten Robotern neue Einsatzbereiche außerhalb der industriellen Massenfertigung.
So entwickelte er 1997 den Roboter „Rhino“, der autonom durch das Deutsche Museum Bonn führen konnte. Der Nachfolger „Minerva“ wurde 1998 im Smithsonian-Museum in Washington getestet. Weitere Roboter-Modelle können mit Menschen über Sprache kommunizieren oder Bergwerke kartieren. Sebastian Thrun hat damit wissenschaftlich äußerst bedeutsame Erkenntnisse zur Orientierungsfähigkeit mobiler Systeme erbracht.
Bernhard Schölkopf war Direktor am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen und ist im Zuge der Neuausrichtung des Max-Planck-Instituts für Metallforschung in Stuttgart umberufen worden. Das dortige Institut wird ein weiteres Standbein in Tübingen erhalten und im Zuge der Neuausrichtung - vorbehaltlich der Zustimmung des Senats - in "Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme" umbenannt. Der 43-jährige Mathematiker und Physiker ist einer der führenden Forscher in Europa auf dem Gebiet des maschinellen Lernens. Er erforscht Rechenverfahren, sogenannte Algorithmen, mit denen Computerprogramme so programmiert werden können, dass sie flexibel auf neue Situationen reagieren können.
Bernhard Schölkopfs Forschungsergebnisse haben die Algorithmen für maschinelles Lernen effizienter gemacht. Damit können statistische Schätzprobleme so weit generalisiert werden, dass sie genauso auf biologisch-medizinische Fragestellungen angewendet werden können wie auf sozialwissenschaftliche und philosophische Probleme.
Timothy Bromage ist seit 2004 Professor am New York University College of Dentistry. Er forscht unter anderem im afrikanischen Malawi daran, wie sich Lebensumstände des frühen Menschen aus der Struktur von Knochen und Zähnen ablesen lassen.
Besonders aufschlussreich sind anatomische Befunde auf der Mikroebene, die bisher nur von wenigen Forschern untersucht wurden. Bromage erhofft sich dadurch eine Lösung schwer zu beantwortender Fragen, ob Knochen und Zähne zu einem männlichen oder weiblichen Individuum gehören und ob es zu dessen Lebzeiten eine oder zwei Regenzeiten pro Jahr gab. Dabei entdeckte er einen neuen Mechanismus, nachdem der lamellenartige Aufbau von Knochen Rückschlüsse auf die Wachstumsgeschwindigkeit und individuelle Lebensgeschichte zulässt.
Der Preis soll Bromage dabei unterstützen, die Untersuchung von Knochen und Zähnen zu einem noch wichtigeren Instrument bei der Erforschung der menschlichen Evolution zu machen. Gegenwärtig erstellt er eine Datenbank, mit deren Hilfe er den Stoffwechsel und die Struktur des Knochens heutiger Affen und Menschen vergleicht. Für seine wissenschaftliche Arbeit wurde er unter anderem von der National Science Foundation (2009, 2007), der National Geographic Society (2008) und vom National Institute of Health ausgezeichnet.
Der in Bartow, Florida (USA) geborene Psychologe Michael Tomasello ist Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Dort leitet er die Abteilung für Vergleichende und Entwicklungspsychologie. An der Grenze zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften gilt sein Hauptinteresse der Entstehung von Sprache und der kulturellen Evolution beim Menschen.
In zahlreichen empirischen Studien mit Kleinkindern und Menschenaffen geht Tomasello der Frage nach, über welche kognitiven Fähigkeiten Menschen im Unterschied zu den ebenfalls hoch entwickelten Menschenaffen verfügen, die es ihnen ermöglichten, eine traditionsfähige Kultur zu schaffen. Ein Schlüsselelement dafür sei die Fähigkeit des Menschen, sich in die Perspektive seiner Artgenossen hineinzuversetzen und deren Verhalten sowie die damit verknüpften Absichten zu imitieren, ist der Wissenschaftler überzeugt.
Tomasello wurde für seine Forschungsarbeiten unter anderem mit dem Preis für Kognitionswissenschaften der Fyssen Stiftung (2004), dem Jean-Nicod-Preis für Philosophie und Kognitionswissenschaften (2006), dem Oswald-Külpe-Preis der Universität Würzburg (2009) und dem Hegel-Preis der Stadt Stuttgart (2009) ausgezeichnet. Als wissenschaftlicher Gastgeber im Netzwerk der Humboldt-Stiftung arbeitete er mit mehreren Humboldt-Forschungsstipendiaten sowie dem Sofja Kovalevskaja-Preisträger Brian Hare zusammen.
Aleida Assmann ist Professorin für Englische Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie gilt als Pionierin der Gedächtnisgeschichte und steht mit ihrer Forschung für eine interdisziplinäre Verknüpfung der Geschichtswissenschaft mit Fächern wie der Psychologie, der Neurobiologie und der Literaturwissenschaft.
Sie ist eine der prominentesten Literaturwissenschaftlerinnen weltweit. Mit ihren auch von einer breiteren Öffentlichkeit beachteten Arbeiten gibt sie gesellschaftliche Impulse zu den Debatten über die Erinnerung an den Holocaust oder über die Schaffung einer europäischen Erinnerungskultur. Mit dem Preisgeld wird sie ihre Forschung zur europäischen Gedächtnisgeschichte vertiefen und das internationale Netzwerk der Universität Konstanz in der Gedächtnisforschung ausbauen.
Karl Galinsky ist Professor für Klassische Philologie an der University of Texas in Austin, USA, und einer der vielseitigsten und innovativsten Köpfe auf dem Gebiet der Kulturforschung, in der er Gebiete wie die Latinistik oder die Kunst- und Sozialgeschichte mit der Religions- und Altertumswissenschaft verknüpft.
So stellte er viel beachtete Verbindungen her zwischen der Antike und ihrer Rezeption in der modernen Kultur, sowie aktuelle Themen wie Architektur, Politikverdrossenheit oder Multikulturalität. Mit den Mitteln des Preises will Galinsky am Seminar für Klassische Philologie der Ruhr-Universität Bochum auf dem Gebiet der interdisziplinären Gedächtnisforschung sowie der Religionsgeschichte arbeiten und eine Forschungsgruppe mit Nachwuchswissenschaftlern aufbauen. Galinsky war 1993 bereits mit dem Humboldt-Forschungspreis ausgezeichnet worden und kooperierte als Preisträger mit Kollegen in Berlin und Mainz.
Prof. Dr. Peter Fratzl leitet seit 2003 die Abteilung "Biomaterialien" am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung und ist einer der Pioniere auf dem Gebiet biologischer und biomimetischer Werkstoffe.
Der Biophysiker versucht zu verstehen, warum Knochen und Holz so extrem stabil und gleichzeitig verformbar sind. Aufgrund seiner originellen experimentalphysikalischen Arbeiten und mehrfach ausgezeichneten interdisziplinären Forschung ist Fratzl einer der exponiertesten Vertreter biomimetischer Materialforschung. Kürzlich hat der Wissenschaftler die Verbreitung von wildem Weizen durch einen Motor- und Steuermechanismus der Grannen entdeckt. Der Preis soll der weiteren Erforschung mechanischer Eigenschaften von biologischen und biomimetischen Materialien dienen sowie biomimetische Materialien stärker ins Blickfeld der Wissenschaft rücken.
Seit 2005 ist Prof. Dr. Robert Langer Institutsprofessor für Chemie-Ingenieurwesen und Medizintechnik am Massachusetts Institute of Technology in Boston (MIT), USA. Langers wissenschaftliche Werke konzentrieren sich vorwiegend auf die Übertragung biologischer Funktionen auf Materialien.
Richtung weisend für die Forschung auf seinem Gebiet sind vor allem seine Arbeiten, die sich mit der kontrollierten Freisetzung von Arzneistoffen befassen. Die Auszeichnung Langers soll biologisch komponierte Materialien im Bereich der biotechnologischen und biomedizinischen Forschung stärker fördern.