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Jahrbuch 2004 - Präsidentenkommission "Geschichte der ... |
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Biochemie im Krieg. Adolf Butenandt und sein Institut 1939 bis 1945 |
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Autor |
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Achim Trunk
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Einrichtung |
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Präsidentenkommission "Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus", Berlin |
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Korrespondierender Autor |
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Zusammenfassung |
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Biochemie im Krieg. Adolf Butenandt und sein Institut 1939 bis 1945
Der Chemie-Nobelpreisträger Adolf Butenandt (1903 bis 1995) gilt als einer der wichtigsten Biochemiker des 20. Jahrhunderts. Auch als Wissenschaftspolitiker machte sich Butenandt einen Namen - insbesondere als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft von 1960 bis 1972. In den letzten Jahren ist Butenandt jedoch in die öffentliche Kritik geraten. Verschiedene Vorwürfe sind gegen ihn erhoben worden, die zumeist wissenschaftliche Grenzüberschreitungen während der NS-Zeit thematisieren. Der wohl weitreichendste Vorwurf geht von einer Beteiligung Butenandts an Menschenexperimenten aus, die der SS-Arzt Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz durchführte. Aber auch die als kriegswichtig deklarierten Forschungsarbeiten, welche an seinem Kaiser-Wilhelm-Institut für Biochemie während des Zweiten Weltkrieges durchgeführt wurden, haben zuletzt verstärkt Aufmerksamkeit auf sich gezogen. So wird hier beispielsweise eine Beteiligung Butenandts an der Entwicklung von Massenvernichtungsmitteln gesehen. Diese beiden Komplexe sind Gegenstand des Interesses von Achim Trunk.
Der Frage nach einer Involvierung Butenandts in Mengeles Verbrechen wird dabei im Detail nachgegangen. Hierzu wird ein Forschungsvorhaben analysiert, welches der Anthropologe und KWI-Direktor Otmar von Verschuer 1943 aufnahm und für welches er Blutproben von seinem Assistenten Mengele aus dem KZ Auschwitz bezog. Butenandt trat hinzu, als im Projekt methodische Probleme auftraten: Er half Verschuer aus, indem er ihm einen Mitarbeiter zur Verfügung stellte. Nach einer derzeit noch allgemein als zutreffend angesehenen Rekonstruktion umfasste das Forschungsvorhaben tödliche Menschenversuche. Ihr zufolge infizierte Mengele gezielt KZ-Gefangene mit Tuberkulose, um ihre rassisch bedingte Widerstandskraft gegen diese Krankheit zu beobachten. Da diese Rekonstruktion aber einige Fragen offen lässt und im Widerspruch zu verschiedenen Quellenaussagen steht, wird eine abweichende Rekonstruktion vorgenommen, nach welcher das Vorhaben einen großangelegten Versuch zur serologischen Rassediagnose beim Menschen darstellte. Menschenversuche sind dann für dieses Projekt nicht nur - wie bisher - nicht zu beweisen, sondern tatsächlich auch nicht anzunehmen. Das Projekt stand jedoch in einem einschlägigen rassebiologischen Forschungskontext, der wiederum eng mit der rassistischen Praxis NS-Deutschlands verschränkt war. Insofern stellte die Nähe Butenandts zu einem solchen Projekt nach dem Krieg für ihn eine Belastung dar, die auch seine späteren Bemühungen zur Relativierung seiner Beziehung zu Verschuer erklärt.
Der zweite Schwerpunkt umfasst die kriegswichtigen Forschungsvorhaben des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biochemie von 1939 bis 1945. Diese sollen stärker in ihrer Breite erfasst und analysiert werden. Die überwiegend problematische Quellenlage bedingt, dass die vordringliche Aufgabe in der Klärung der Sachverhalte besteht, um überhaupt eine valide Basis für Analyse und Interpretation herzustellen. Anschließend kann dann analytischen Fragestellungen nachgegangen werden - etwa nach der Stellung der Biochemie in der Kriegswirtschaft und nach ihrem Beitrag zur effizienten Kriegsführung. Es zeichnet sich dabei ab, dass der wesentlichste Beitrag des Butenandtschen Instituts zur Kriegsmobilisierung in der Bearbeitung kriegsrelevanter medizinischer - nicht zuletzt auch wehrmedizinischer - Fragen bestand. Bislang lässt sich zeigen, dass einige der Assistenten Butenandts mit der Durchführung ihrer Forschungsaufgaben zumindest in ethische Grauzonen vorstießen. Die weitergehenden Vorwürfe - betreffend etwa ein Engagement Butenandts bei der Entwicklung des Nervenkampfstoffes Soman - konnten hingegen bisher nicht bestätigt werden. Ziel der Nachforschungen ist es, auf einer verbreiterten Quellenbasis eine präzisere inhaltliche Beschreibung und historische Bewertung der Forschungspraxis am KWI für Biochemie während der Kriegsjahre vorzunehmen.
Im März 2004 ist der von Achim Trunk gemeinsam mit Wolfgang Schieder herausgegebene Sammelband "Adolf Butenandt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Wissenschaft, Industrie und Politik im "Dritten Reich" erschienen.
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Abstract |
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Biochemistry during Wartime. Adolf Butenandt and his institute from 1939 to 1945
Nobel laureate in chemistry Adolf Butenandt (1903 -1995) is regarded as one of the most eminent biochemists of the 20th century. He likewise gained a reputation as a science politician - in particular as the president of the Max Planck Society from 1960 70 1972. In recent years, however, Butenandt has been exposed to public criticism. He has been reproached on several occasions, predominantly on the central theme of scientific border crossing during the National Socialist era. The doubtlessly most extensive reproach starts from the assumption that Butenandt kind of participated in the human experiments executed by the SS physician Josef Mengele in the Auschwitz concentration camp.
But likewise the research declared as essential to the war efforts, which was performed at Butenandt’s Institute for Biochemistry during WW II, has lately attracted attention. Thus e.g. a participation of Butenandt in the development of MDW is being perceived in this context. These two complexes are the matter of Achim Trunk’s interest.
In this connection the question for an involvement of Butenandt in Mengele’s crimes is closely scrutinized. To this end a research project initiated by the anthropologist and director of the Institute for Anthropology, Human Heredity and Eugenics Otmar von Verschuer in 1943 is being analysed, for which Verschuer obtained blood samples from his assistant Mengele from Auschwitz concentration camp. Butenandt appeared on the scene when methodical problems arose in the project: he helped Verschuer by making one of his staff available. According to a reconstruction that is for the time being generally still accepted, this research project involved lethal human experiments. Consistent with this, Mengele systematically infected concentration camp inmates with tuberculosis so as to observe their racially conditioned resistance to this disease. But given that this reconstruction leaves some questions unsettled and presents a contradiction to some of the source statements, a deviating reconstruction is being conducted, in accordance with which the project represented a large-scale experiment for the serological racial diagnosis in men. In that case, human experiments for this project are not only -as hitherto - impossible to prove but indeed no longer assumable. The project, however, was linked to an unambiguous race biological research context. Hence Butenandt’s proximity to a project like that meant a burden for him after the war, which explains his subsequent efforts to put his relation to Verschuer into perspective.
The second focus covers the research projects of the Kaiser Wilhelm Institute for Biochemistry declared as essential to the war efforts from 1939 to 1945. Their particulars are to be recorded and analysed more effectively. Owing to the prevailing problematical source situation the most pressing task consists in clearing the facts in order to actually establish valid grounds for analysis and interpretation. Subsequently analytical questions can be pursued - like for instance the position of biochemistry in wartime economy and for its contribution to efficient warfare. It becomes apparent in this connection that the most essential contribution of the Butenandtean Institute to the war mobilisation consisted in dealing with war relevant medical - especially military medical - questions. So far it can be demonstrated that in executing their research tasks some of Butenandt’s assistants protruded at least into ethical twilight zones. Whereas more extensive reproaches - regarding for instance an alleged commitment of Butenandt in the development of the nerve agent Soman - could not be confirmed so far. Objective of the investigations is to conduct a more precise in respect of content description and historical evaluation of the research practice at the KWI for Biochemistry during the wartime based on extended sources.
In March 2004 the anthology "Adolf Butenandt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Wissenschaft, Industrie und Politik im "Dritten Reich" co-edited by Achim Trunk and Wolfgang Schieder was published.
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Die Rolle des Nobelpreisträgers Adolf Butenandt in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik vor und nach 1945. Der Nobelpreisträger, Präsident und Ehrenpräsident der Max-Planck-Gesellschaft Adolf Butenandt (1903-1995) gehörte zu den herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Naturwissenschaft im 20. Jahrhundert. Neuerdings ist gegen ihn der Vorwurf erhoben worden, im "Dritten Reich" als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biochemie in Berlin an ethisch fragwürdigen Forschungen beteiligt gewesen zu sein. Ausgehend von dieser Kritik werden in diesem Band die wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Aktivitäten Butenandts, seine Rolle in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft sowie sein Verhältnis zur Industrie und zur Politik in der Zeit des Nationalsozialismus untersucht. Erörtert werden auch sein wissenschaftlicher Neubeginn und seine wissenschaftspolitischen Aktivitäten nach 1945 im Übergang von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Max-Planck-Gesellschaft. Die Autorinnen und Autoren kommen zu einem durchaus differenzierten Ergebnis: Butenandt stand nicht im Zentrum einer ideologisch entgrenzten Naturwissenschaft, er kann aber auch nicht als bloße Randfigur nationalsozialistischer Wissenschaftspolitik angesehen werden. Insofern war er typischer Repräsentant der Wissenschaft im "Dritten Reich".

Abb. 1:
Adolf Butenandt
Urheber: Photographie von Butenandt aus dem Archiv zur Geschichte der MPG, Berlin-Dahlem
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Referenzen und weiterführende Links |
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[1] http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/KWG/Band7.htm |
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Inhaltsverzeichnis des Sammelbandes von Trunk und Schieder "Adolf Butenadt und die KWG". |
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PDF |
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