14. Man darf dazu die Frage stellen, ob denn die außerordentliche Zerklüftung der Spitzenorganisationen der deutschen Wissenschaft und Forschung nebst ihrer zerklüfteten Finanzierung wirklich vernünftig ist. An der Spitze steht die MPG, mit 80 Instituten, 23.000 Menschen und jährlich insgesamt 1,4 Mrd. Euro, heute ein transnational agierender Forschungskonzern, finanziert je zur Hälfte vom Bund und von den Ländern. Daneben steht die Helmholtz-Gesellschaft mit ihren Großforschungsinstituten, zu 90% vom Bund finanziert. Daneben stehen die Leibniz-Gemeinschaft mit 30 Instituten, dual finanziert, die Fraunhofer-Gesellschaft und – für die universitäre Forschung – die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Dazu kommen die Rektorenkonferenz, vor allem das ständige Sekretariat der Kultus-Minister-Konferenz, und die KMK selbst, dazu der Wissenschaftsrat.
An Entscheidungen über Forschung, Wissenschaft, Lehre und an deren Finanzierung sind also nicht nur der Bundestag und die Bundesregierung (mit mehreren für Forschung zuständigen Bundesministerien) beteiligt, sondern ebenso alle 16 Landtage und Landesregierungen (zum Teil einige mit mehr als einem für Forschung und Lehre zuständigen Landesminister). Ebenso sind gleichzeitig die oben genannten autonomen Wissenschafts- und Forschungsspitzenorganisationen an den Entscheidungen beteiligt.
Ansonsten aber muß man dem Wissenschaftsrat Recht geben, der vor kurzem vorgeschlagen hat, wenigstens die von einer Mehrzahl von Bundesministerien je einzeln finanzierten „Ressort-Forschungs-Einrichtungen“ zur Zusammenarbeit mit den Universitäten und mit anderen Forschungseinrichtungen zu öffnen. Aber natürlich wäre das lediglich ein allererster kleiner Schritt in Richtung auf Effizienz und Sparsamkeit.
Prinzipiell gilt die Erfahrung: Jede Mischfinanzierung führt nicht nur zum Zuständigkeitsgerangel der beteiligten Bürokraten sondern auch zur Verschwendung zu Lasten der Steuerzahler.
15. Weil die vorhersehbare Entwicklung der Welt uns Europäer und uns Deutsche zu weitaus größerer Anstrengung und zu größerem Aufwand auf den Feldern der Kindergärten, Schule, der Ausbildung und des Berufswechsels, der Universitäten, der Wissenschaft und der Forschung zwingen wird, deshalb erscheint mir eine Straffung auf allen diesen Feldern wünschenswert. Dabei wird für die öffentliche Meinung Durchsichtigkeit immer wichtiger! Ohne zureichende Erklärung und Erläuterung könnte das Vertrauen des Wählerpublikums schwinden – und damit das Vertrauen der steuerzahlenden Staatsbürger in ihre Institutionen. Schon heute richtet sich ein erhebliches Mißtrauen zum Beispiel gegen die Gen-Manipulation von Nutzpflanzen und Nutztieren oder gegen die Gen-Manipulation von menschlichen Stammzellen oder gegen die gestern noch ungeahnten Manipulationsmöglichkeiten der sich schnell entfaltenden, aber undurchsichtigen elektronischen Technologien.
Die Distanz zur Politik, wie sie z.B. von der Max-Planck-Gesellschaft gepflegt wird, ist mir sehr verständlich und durchaus auch sympathisch. Allerdings muß man dabei deutlich unterscheiden. Ich meine hier die Distanz zur Tagespolitik, zur Parteipolitik, zu dem, was man in Amerika „politics“ nennt. Im Gegensatz dazu steht die Mitverantwortung der Wissenschaft für die weitere Entwicklung der Menschheit im 21. Jahrhundert. Diese Mitverantwortung reicht von der Stammzellenforschung und –technologie bis zur Astrophysik, von der Klimapolitik bis zu den Möglichkeiten eines clash of civilisations. Denn fast jedwede Grundlagenforschung führt früher oder später zur praktischen Anwendung. Hans-Ulrich Gumbrecht hat jüngst den Verzicht auf Anwendungsorientierung zwar eine der Bedingungen genannt, denen die Blüte der deutschen Wissenschaften im 19. Jahrhundert und bis 1933 zu danken sei. Mit vollem Recht hat er aber anschließend einige der schlimmsten Folgewirkungen von Anwendung in die Erinnerung gerufen.
Nach zwei Weltkriegen, nach Auschwitz, nach Hiroshima, nach einer weltweit großen Zahl ekelhafter Diktaturen im Laufe des 20. Jahrhunderts geht es mir für das neue Jahrhundert um das Bewußtsein der Verantwortung für die Folgen. Es geht mir um Weitsicht, um die Urteilskraft im Blick auf die ungewollten, zugleich aber möglichen Folgewirkungen.
Der Zusammenhang zwischen Grundlagenforschung und praktischer Anwendung war in der Medizin oder in den Ingenieurwissenschaften immer selbstverständlich. Solche Zusammenhänge werden weiterhin zunehmen. Dabei könnte es sein, daß die Fortschritte sowohl der international vernetzten Grundlagenforschung als auch der ebenso vernetzten praktischen Anwendung eher zu schnell als etwa zu langsam erfolgen. Wie auch immer – jedenfalls müssen die MPG und ihre Institute auch im neuen Jahrhundert zur allerersten Klasse gehören. Und dafür benötigen Sie, meine Damen und Herren, eine solide Basis in der eigenen Heimat.
[Schluß!]