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Originalpublikation

Roman M. Wittig, Catherine Crockford, Kevin E. Langergraber, Klaus Zuberbühler
Triadic social interactions operate across time: a field experiment with wild chimpanzees

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In Konfliktsituationen sollte man besser wissen, wer zur Familie und zum Freundeskreis des Gegners gehört. Menschen beschäftigen sich intensiv mit den sozialen Beziehungen ihrer Mitmenschen. Bisher noch nicht bekannt war aber, ob andere Tiere ebenfalls in der Lage sind, die sozialen Beziehungen ihrer Artgenossen über die engsten familiären Grenzen hinweg im Auge zu behalten. Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben nun mit frei lebenden Schimpansen aus dem Budongo-Wald in Uganda eine Studie zu diesem Thema durchgeführt. Zwei Stunden nachdem ein Schimpanse ein anderes Gruppenmitglied angegriffen hatte oder selbst angegriffen wurde, spielten ihm die Forscher über einen Lautsprecher eine Tonaufnahme mit aggressiven Schreien eines dritten Tiers vor. Wenn es sich bei der Aufnahme um die Schreie eines engen Freundes oder Verwandten des Gegners handelte, blickte er länger in Richtung Lautsprecher und bewegte sich häufiger von diesem weg. Schimpansen wissen, wer mit wem in der Gruppe auch jenseits von Verwandtschaftsverhältnissen kooperiert, und dass sich das Verhalten Anderer auf sie selbst auswirken kann.
Schimpansen haben ganz unterschiedliche Beziehungen zueinander. Mit einigen Gruppenmitgliedern sind sie befreundet, mit anderen nicht. In jedem Fall behalten sie aber die Kooperationspartner der Anderen im Blick. Bild vergrößern
Schimpansen haben ganz unterschiedliche Beziehungen zueinander. Mit einigen Gruppenmitgliedern sind sie befreundet, mit anderen nicht. In jedem Fall behalten sie aber die Kooperationspartner der Anderen im Blick. [weniger]

Manche Tiere kooperieren mit verwandten und befreundeten Gruppenmitgliedern, um sich anderen gegenüber einen Vorteil zu verschaffen. Wenn es zum Beispiel zu einem Kampf kommt, ist es nützlich zu wissen, wer dem Gegner möglicherweise zu Hilfe eilt. Bei Schimpansen kann sich in einer kämpferischen Auseinandersetzung die Unterstützung durch einen Kooperationspartner auf das Kräfteverhältnis zwischen den Konkurrenten auswirken sowie Rang und Paarungsmöglichkeiten des Siegers verbessern. Mit der Frage, ob Schimpansen sich einen Überblick über die Kooperationspartner anderer Gruppenmitglieder verschaffen können, beschäftigten sich Roman Wittig und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig in ihrer aktuellen Studie. „Wir untersuchten, ob Schimpansen ihr Wissen um die Beziehungen zwischen Dritten verwenden um vorauszusagen, ob ein Verhalten von Artgenossen eine Reaktion auf etwas ist, an dem sie selbst bereits vor Stunden beteiligt waren“, sagt Roman Wittig.

Mit diesem Ziel wählten die Forscher 16 frei lebende Schimpansen aus dem Budongo-Wald in Uganda als Teilnehmer an zwei Playback-Studien aus. Als Stimulus verwendeten die Forscher aggressive Schreie und freundliche Rufe von Schimpansen aus derselben Gruppe. Etwa zwei Stunden nachdem eines der Gruppenmitglieder einen Gegner angegriffen hatte oder von diesem angegriffen wurde, simulierten die Forscher die Ankunft eines dritten am Kampf unbeteiligten Schimpansen, indem sie dessen aggressive Schreie über einen Lautsprecher abspielten.  Die Forscher zeichneten die Reaktion des „Studienteilnehmers“ auf Video auf und stellten fest, dass diese von der Art der Beziehung zwischen Rufer und Gegner abhängig war. „Schimpansen blickten länger auf den Lautsprecher und bewegten sich häufiger von ihm weg, wenn sie mit den aggressiven Schreien eines Kooperationspartners ihres Gegners konfrontiert waren“, sagt Wittig. „Wenn Gegner und Rufer nicht näher miteinander befreundet waren, bewegten sie sich hingegen häufiger in Richtung Lautsprecher oder parallel zum Lautsprecher.“

In einer zweiten Playback-Studie spielten die Forscher etwa 90 Minuten nach einem Kampf die freundlichen Rufe eines Kooperationspartners des Gegners in Hörweite des „Studienteilnehmers“ ab. Eine weitere Stunde später ertönten dann die aggressiven Schreie desselben Schimpansen. „Die Schimpansen hatten nichts gegen den Rufer per se oder seine Anwesenheit nach ihrem Kampf mit seinem Kooperationspartner“, sagt Wittig. „Sie zeigten ihre Ablehnung nur dann, wenn der Rufer ein naher Freund oder Verwandter des früheren Gegners war und auch aggressiv auftrat.“

Aus ihren Ergebnissen schließen die Forscher, dass sich die Tiere   an den ursprünglichen Kampf erinnerten und ihn mit ihrem Wissen um die sozialen Beziehungen des Gegners in Verbindung brachten. „Beeindruckend ist, dass die Schimpansen eine aggressive Reaktion erwarteten, als sie die Schreie vom Freund des Gegners hörten, obwohl seit ihrer Auseinandersetzung mit ihm Stunden vergangen waren“, sagt Wittig. „Schimpansen wissen, dass das Verhalten Anderer Auswirkungen auf sie selbst haben kann, sie erinnern sich an Vergangenes und bringen spezifische soziale Interaktionen mit Gruppenmitgliedern über einen längeren Zeitraum hinweg miteinander in Verbindung.“

SJ, RW/HR

 
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