Prof. Nicole Dubilier
Leiterin der Arbeitsgruppe Symbiose
Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie, BremenTelefon: +49 421 2028-932
E-Mail: ndubilie@mpi-bremen.de
Es war auch eine Rückkehr in ihr Geburtsland: Nicole Dubilier ist Amerikanerin mit durchaus bewegter Lebenshistorie. Wer sie hanseatisch schnacken hört, würde zunächst kaum darauf kommen. Doch gelegentlich mischt sich ein amerikanischer Akzent in ihren forschen deutsch-hamburgerischen Redefluss. Geboren in New York City, aufgewachsen in der Upper East Side, einem der noblen Viertel des Big Apple. Kein Zweifel: Die Erstgeborene von vier Kindern kommt aus gutem Hause. Der Vater ein amerikanischer Geschäftsmann, die Mutter eine Nachfahrin von Fanny Mendelssohn, der Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, und des berühmten Berliner Physiologen Emil du Bois-Reymond. Kreativität steckt im Blut der Familie.
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Die deutsche Mutter emigriert Mitte der 1950er-Jahre in die USA und heiratet. „Ein Spannungsfeld von Anfang an“, wie die Tochter heute sagt. „Meine Eltern waren wie Feuer und Wasser, das war alles ziemlich chaotisch.“ Da passt es ins Bild, dass die Familie in den 1970er Jahren nach Deutschland zurückkehrt, nach Wiesbaden, wo Nicole Dubilier in der bundesweit bekannten Helene-Lange-Schule ein 1,3er-Abitur hinlegt. „Die Schule hat mir unheimlich Spaß gemacht“, sagt sie. Es sind aber nicht die Fächer Physik, Chemie oder Biologie – Politik-, Geistes- und Sozialwissenschaften faszinieren sie in jener Zeit. Diskutieren, protestieren, auseinandersetzen. Die Frau ist interessiert an gesellschaftlichen Entwicklungen – auch heute noch.
In diesem Licht klingt die Wahl des Fachs Biologie wie der reine Hohn. Doch „ich wollte auch etwas mit meinen Händen machen, etwas, was Denken und Bewegung verbindet.“ Biologie, am besten Meeresbiologie. Die Liebe zum Meer sitzt tief, geprägt von alljährlichen zweimonatigen Ferien der Familie auf Fire Island, einer schlauchartigen Insel vor Long Island. „Das Paradies für uns Kinder.“ Der andere entscheidende Punkt für die Studienwahl: „Ich wollte angesichts des chaotischen Familienlebens irgendwie Ordnung finden, Logik. In einer Naturwissenschaft, dachte ich, gibt zwei plus zwei immer vier.“ Eine junge Suchende nach der einfachen Wahrheit. Sie lacht.
Dass Forschung erst richtig spannend wird, wenn zwei und zwei – scheinbar – fünf ergeben, hat sie spätestens in Harvard begriffen. Derlei Ungereimtheiten zu lösen, verspricht wissenschaftlichen Ruhm. So auch Ende der 1990er-Jahre, als Olav Giere und der schwedische Taxonom Christer Erseus vor Elba eher zufällig Olavius algarvensis aufspürten. Sofort gab der Fund Rätsel auf: So genau die Forscher auch suchten, im Sediment der Bucht Capo di Sant’Andrea waren keine Sulfide zu finden. Alle zuvor entdeckten darmlosen Ringelwürmer lebten in sulfidreichen Böden. Elektronenmikroskopische Aufnahmen bezeugten zudem, dass mindestens zwei morphologisch unterschiedliche Bakterienarten in den Würmern hausten.
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Nichts passte richtig zusammen, bis Nicole Dubilier die sogenannten 16s-rRNA-Gene der Einzeller entschlüsselte. Die 16s-rRNA gilt unter den Experten als eine Art molekularer Personalausweis einer bakteriellen Spezies. Heraus kam eine für die Symbiose-Forschung bahnbrechende Entdeckung: eine harmonische Menage à trois – ein Wirt mit zwei Symbionten; und alle profitieren.
Weil kein oder zu wenig Schwefelwasserstoff im Sediment vorkommt, hat sich O. algarvensis eine Schwefelwasserstoffquelle einverleibt. Ein Bakterium, das aus Sulfat Sulfid herstellt und über diesen Prozess Energie gewinnt. Den Schwefelwasserstoff wiederum verwerten die altbekannten sulfidoxidierenden Bakterien als Energiequelle.
So erwächst ein erst mit dem Tod des Wirts endender Kreislauf, in dem die beiden Bakterienarten ihre Stoffwechselprodukte untereinander austauschen. Dieses biologische Konstrukt funktioniert so prächtig, dass die Bakterien aus Kohlendioxid einen Überschuss organischer Kohlenstoffverbindungen produzieren und den Wurm damit ernähren. Die Mikroben nehmen ihrem Wirt auch alle lästigen Abfallprodukte ab, die er sonst ausscheiden müsste. „Einfach genial“, findet Nicole Dubilier. Der Wurm macht sich weitgehend unabhängig von externen Energiequellen und kann neue Lebensräume ohne hohe Sulfidvorkommen besiedeln. „Meine wissenschaftlich wichtigste Leistung, und keiner hat es vorher geglaubt.“ Doch die Zweifler verstummten.