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Beobachtung eines neuen Teilchens am LHC – Hinweise auf Higgs-Teilchen verstärken sich

4. Juli 2012

Beide Experimente, die am LHC, dem größten Teilchenbeschleuniger der Welt stehen, beobachten in ihren Nachweisgeräten ein bisher nicht bekanntes Teilchen, das eine Masse im Bereich von 125 bis 126 Giga-Elektronenvolt* hat. Die Forscher kennzeichnen ihre vorgestellten Ergebnisse noch als vorläufig; die Wahrscheinlichkeit, dass es sich nicht um ein neues Teilchen, sondern um eine statistische Fluktuation handelt, liegt bei weniger als eins zu einer Million. Es könnte sich um das seit langem gesuchte Higgs-Teilchen handeln, das erklären kann, wie Elementarteilchen zu ihrer Masse kommen. [mehr]
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„Die bedeutendste Entdeckung der letzten Jahrzehnte“

4. Juli 2012

Interview mit Sandra Kortner, die am Max-Planck-Institut für Physik in München eine Minerva-Nachwuchsforschergruppe am ATLAS-Experiment des LHC leitet und eine internationale Forschergruppe koordiniert, die mit ATLAS das Higgs-Teilchen sucht. [mehr]

Teilchenphysik

Prominenter auf einem Stehempfang

Das Higgs-Teilchen verleiht der Materie Masse – und den Experimentalphysikern Flügel

4. Juli 2012

Higgs oder nicht Higgs? Das ist natürlich die Frage. Trotzdem werten Physiker schon jetzt den Fund des neuen Teilchens – was immer es sein mag – als eine der bedeutsamsten Entdeckungen der vergangenen Jahrzehnte. Sollte es aber tatsächlich das von dem britischen Physiker Peter Higgs vorausgesagte und von manchen Medien so genannte „Gottesteilchen“ sein, dann würde sich ein Kreis schließen. Und das Standardmodell der Elementarteilchenphysik wäre glänzend bestätigt.

Text: Helmut Hornung

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Er sagte die Existenz "seines" Teilchens bereits 1964 voraus: der britische Physiker Peter Higgs.

Für Peter Higgs dürfte der 4. Juli 2012 einer der aufregendsten Tage seines Lebens gewesen sein. Denn am Morgen verkündeten Wissenschaftler des europäischen Kernforschungszentrums CERN den vermeintlichen Fund jenes Teilchens, das seinen Namen trägt. Tatsächlich war der 83-jährige Higgs nach Genf ans CERN gekommen und dort gefeiert worden wie ein Rockstar.

Grund zur Freude haben auch vier seiner Kollegen, denn Peter Higgs ist zwar der Namenspatron, aber nicht der Einzige, der die Existenz des Teilchens im Jahr 1964 vorausgesagt hat: Von ihm unabhängig und etwa zur selben Zeit postulierten es auch Francois Englert und Robert Brout in Brüssel sowie Gerald Guralnik, Carl R. Hagen und T.W.B. Kibble am Imperial College in London; Brout starb im Mai 2011.

Was verleiht den Elementarteilchen ihre Masse? Diese auf den ersten Blick so einfache Frage zählt zu den größten Rätseln der Physik. Higgs und seine Kollegen gaben eine Antwort darauf: ein eigenes Teilchen. Präzise ausgedrückt ist es nicht das Teilchen selbst, sondern ein Feld – auch Higgs-Mechanismus genannt – das die Masse erklärt. Das „Higgs“ ist mit diesem Feld untrennbar verbunden. Der Theorie nach gehört es zur Familie der Bosonen. Diese besitzen einen ganzzahligen Spin (den man sich grob als Rotation denken kann) und vermitteln die Kräfte zwischen den Materieteilchen.

Das Higgs-Boson hat den Spin Null, vermittelt jedoch keine Kraft, sondern Masse. Weil sich das nur schwer vorstellen lässt, greifen die Physiker zur Erklärung gern auf ein Beispiel aus dem Alltag zurück. Angesichts der aktuellen Vorgänge am CERN lässt es sich sogar mit Peter Higgs als Protagonisten erzählen: Man denke sich einen Empfang für Teilchenphysiker. Alle stehen, in Gespräche vertieft, mit einem Glas Sekt in der Hand locker zusammen und sind dabei mehr oder weniger gleichmäßig im Raum verteilt. Jetzt betritt Peter Higgs den Saal – und schon beginnen sich die Gäste um ihn zu scharen. Der Prominente verleiht der Veranstaltung im wörtlichen Sinne „Gewicht“ – und das tut auch sein Partikel mit den Materieteilchen.

Seit nahezu fünf Jahrzehnten ist das Higgs-Boson ein elementarer Bestandteil des Standardmodells, das die Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen beschreibt. Dieses Modell umfasst sechs Quarks (up, down, charm, strange, top, bottom), sechs Leptonen (Elektron, Myon, Tau sowie deren Neutrinos) und vier Eichbosonen (Photon, Gluon, W- und Z-Boson).

Aufgrund langjähriger Experimente hatten Theoretiker ausgerechnet, welche Masse das elektrisch ungeladene Higgs-Teilchen haben müsste: die von 100 bis 200 Protonen, also den positiv geladenen Grundbausteinen des Atomkerns. Weil sich nach Einsteins berühmtester Formel (E = mc²) Masse und Energie ineinander umrechnen lassen, drücken Physiker die Masse häufig in Energiegrößen aus. Dabei entspricht die Masse eines Protons einer Energie von einem Gigaelektronenvolt (GeV). Das heißt: Der für das Higgs-Boson vorausgesagte Energiebereich sollte zwischen 100 und 200 GeV liegen.

In den vergangenen Jahren haben die Forscher den Energiebereich durch Experimente – auch am Large Hadron Collider des CERN – immer weiter eingegrenzt. Anfang des Jahres 2012 waren sie ziemlich sicher: Higgs muss sich in einem engen Streifen zwischen 120 und 130 GeV aufhalten. Jetzt haben die Wissenschaftler für ihr Teilchen einen ungefähren Messwert von 125 bis 126 GeV ermittelt – was wunderbar zur theoretischen Vorhersage passt.

In der Praxis ist es natürlich nicht so leicht, derartige Daten zu ermitteln. Der 27 Kilometer lange Ringtunnel des Large Hadron Collider gleicht einer Kanone, in der zwei gegenläufige Protonenstrahlen aufeinandergeschossen werden. Das Ergebnis dieser Kollisionen: Kaskaden von Myriaden Explosionsbruchstücken und neu gebildeten Teilchen. Jetzt gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen – und die bekannten von den unbekannten Partikeln auszusondern. Unter je einer Billiarde registrierten Ereignissen weckt schließlich nur eines das Interesse der Physiker.

Ob sich hinter den nun gefundenen, winzigen Ausschlägen in der Messkurve tatsächlich das Higgs-Teilchen verbirgt oder die Forscher am CERN gar den Botschafter einer neuen Physik gefunden haben, steht noch nicht mit letzter Sicherheit fest. So oder so: Peter Higgs hat die Ovationen genossen – und vor Rührung eine kleine Träne verdrückt.

 
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