28. Juni 2012
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Teilchenphysiker fügen die elementaren Bausteine und Kraftfelder unserer Welt in einem eleganten Modell zusammen. Dieses Standardmodell lässt aber viele Fragen offen: Physiker konnten bislang zum Beispiel nicht erklären, wie die Teilchen zu ihrer Masse kommen. Sie wissen nicht, wie sie die Schwerkraft in ihre Konstruktion einbeziehen sollen. Ihr Modell erklärt zudem nur vier Prozent unseres Universums. Der Rest besteht aus rätselhafter Dunkler Materie und Energie.
Live-Schaltung nach Genf
Bei der 62. Lindauer Nobelpreisträgertagung stehen in diesem Jahr die Standardmodelle der Physik auf dem Programm. Im Fokus des Interesses: die Experimente im Teilchenbeschleuniger LHC am europäischen Kernforschungszentrum (Cern) in Genf. Vier Physik-Nobelpreisträger - Carlo Rubbia (1984), Martinus Veltman (1999), David Gross (2004) und George Smoot (2006) – werden am Mittwoch, den 4. Juli, neuste Entwicklungen bei der Suche nach dem Higgs-Teilchen mit Cern-Vertretern per Live-Schaltung nach Genf diskutieren.
Als junge Wissenschaftler in Lindau dabei zu sein, gilt als besondere Auszeichnung: In diesem Jahr werden 580 Nachwuchswissenschaftler weltweit an den Bodensee kommen, darunter auch 14 Nachwuchswissenschaftler aus Max-Planck-Instituten, so viel wie nie zuvor.
Berufliche und private Kontakte knüpfen
Albert Glensk, PhD-Student am Max-Planck-Institut für Eisenforschung in Düsseldorf, hat von seinem Gruppenleiter Tilmann Hickel von der Tagung erfahren. „Ich freue mich sehr auf Lindau“, sagt der junge Wissenschaftler, der in seiner Doktorarbeit thermodynamische Eigenschaften von Festkörpern berechnet und sich dabei quantenmechanischer Techniken bedient.
Cécile Bidan, die am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam das Wachstum und die strukturellen Eigenschaften von Knochengewebe untersucht, staunt über das volle Programm. Die Vorträge der Nobelpreisträger zu hören, ist für sie „ein schöner Ausflug zurück zu den Wurzeln“. Die materialwissenschaftliche Forschung, die sie fasziniert, ist in einem Grenzbereich zwischen Physik, Chemie und Biologie angesiedelt. In Lindau hofft sie Studenten kennenzulernen, die ähnlich interdisziplinär arbeiten.
Die Teilnahme der Nachwuchswissenschaftler wird von der Max-Planck-Gesellschaft finanziell mit jeweils 2500 Euro unterstützt. Sie können dabei ein Netzwerk beruflicher und privater Kontakte knüpfen. Bei einem gemeinsamen Abendessen am 3. Juli treffen sie unter anderem auf zwei Nobelpreisträger der Forschungsorganisation: Paul Crutzen (Nobelpreis für Chemie 1995) und Theodor Hänsch (Nobelpreis für Physik 2005). Ebenfalls in Lindau sind Erwin Neher (Nobelpreis für 1991) sowie Hartmut Michel (Nobelpreis für Chemie 1988).
Lange Tradition der Tagung
Die Begegnung von Nobelpreisträgern mit hochbegabten Studenten am Bodensee hat eine lange Tradition. Es war Ende der 1940er-Jahre, als sich zwei Lindauer Ärzte, Franz-Karl Hein und Gustav Parade, mit der Idee für die Tagung an den "Herrn der Mainau" wandten, Lennart Graf Bernadotte. Sie wollten ihn dafür gewinnen, durch seine familiären Kontakte zum schwedischen Königshaus Nobelpreisträger zu einer Tagung an den Bodensee zu locken.
Ihr Ziel war es, im Nachkriegsdeutschland wieder Anschluss an die internationale Forscherwelt zu finden. Vor dem Zweiten Weltkrieg ging über die Hälfte aller Nobelpreise nach Deutschland. Während der Kriegsjahre verlor Deutschland jedoch immer mehr den Kontakt zur wissenschaftlichen Gemeinde und wurde schließlich fast völlig von ihr isoliert.
1951 fand dann die erste Nobelpreisträger-Tagung am Bodensee statt, zu der damals insgesamt sechs Laureaten aus Deutschland, Dänemark, der Schweiz und Schweden sowie einer aus den Vereinigten Staaten kamen. Inzwischen hat sich das Lindauer Nobelpreisträger-Treffen zu einer der hochrangigsten Zusammenkünfte von Vor- und Nachdenkern einwickelt. Darüber hinaus hat die Tagung expandiert: Im August treffen sich alle zwei Jahre Nobelpreisträger aus den Wirtschaftswissenschaften mit jungen Studenten in Lindau.
BA