16. Mai 2012
Text: Klaus Wilhelm
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Der Jaguar hat den Köder geschluckt. Jetzt kommt die Stunde der Hunde – im Morgengrauen, im Dienste der Wissenschaft und zum Schutze der Raubkatzen. Tony Rivera, ein versierter früherer Jaguarjäger, lässt seine Hundemeute von der Leine, welche die Fährte des Jaguars quer durch den dichten Maya-Regenwald des südmexikanischen Bundesstaats Yucatán aufgenommen hat. Fernando Colchero hetzt mit einem Assistenten hinter den keuchenden Vierbeinern her. Seit Jahren untersuchen er und seine Kollegin Dalia Conde das Verhalten der charismatischen Raubtiere in Yucatán, Guatemala und Belize.
Normalerweise nehmen verfolgte Jaguare schlicht Reißaus. Aber nicht dieses Mal! Statt auf den nächsten Baum zu flüchten, entschließt sich das Tier zum Angriff. Mit einem Satz springt der Jaguar direkt auf einen der Hunde. Der kämpft um sein Leben, bis sein Bellen erstirbt. Zur Überraschung aller lässt der Jaguar daraufhin von seinem Opfer ab und verschwindet im Gestrüpp. „Wir dachten, der Hund ist tot“, erzählt Colchero heute. Der junge Mann und sein Begleiter laufen daraufhin der Katze hinterher, die plötzlich wieder aus der grünen Masse der Vegetation hervorschießt und vor ihren Verfolgern steht. „Der wollte auf uns los“, sagt Colchero, „der Adrenalin-Ausstoß in meinem Körper war unglaublich.“
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Der Begleiter schlägt mit der Machete um sich. Derweil schreit Colchero auf den Jaguar ein, der daraufhin tatsächlich zögert. In diesem Moment taucht der Rest des Forschungsteams auf und betäubt das aufgebrachte Tier mit einem Pfeil. „Der angegriffene Hund wurde gar nicht getötet, der hat sich nur tot gestellt“, sagt der gebürtige Mexikaner. „Es war ein Weibchen. Weibchen beißen Hunde nicht tot, Männchen sehr wohl.“ Der Jaguar bekommt ein Halsband mit einem GPS-Gerät, das fortan verrät, wie er sich in seinem Lebensraum bewegt. Derlei Daten aus dem Kooperationsprojekt des Max-Planck-Instituts und der mexikanischen Nichtregierungsorganisation Jaguar Conservancy sind für die künftige Forschung in Rostock und für den Schutz der Tiere überlebenswichtig.
„Das war ein aufreibendes Projekt“, bestätigt Dalia Amor Conde, Colcheros Gefährtin beruflich und privat. „Einmal“, so die junge Biologin, „sind wir im Wald in Guatemala von Drogendealern gekidnappt worden.“ Die Sache ging glücklicherweise gut aus. Die beiden blicken vom Besprechungsraum im Rostocker Max-Planck-Institut direkt auf einen Ausläufer der Ostsee, auf eine Szenerie so ganz anders als in der Dschungelhitze. Kühl, ruhig, pittoresk. Mit dabei sind auch Owen Jones und Alexander Scheuerlein. Sie zählen zum Kern der Abteilung Evolutionäre Biodemografie. Die Biologen, Mathematiker und Statistiker haben hier etwas völlig Neues im Sinn: die Methoden der Demografie auf tierische Populationen zu übertragen.