Dr. Leonhard Grill
Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft, BerlinTelefon: +49 30 8413-5108
E-Mail: lgr@fhi-berlin.mpg.de
19. Januar 2012
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Hersteller fertigen Computerchips heute auf ähnliche Weise wie ein Bildhauer: In eine Platte aus Silizium modellieren sie Leiterbahnen. Seit Jahrzehnten gelingt es ihnen, immer feinere Strukturen in die Siliziumplatten zu ziselieren, wodurch die Speicherdichte und die Leistungsfähigkeit von Chips stetig steigt. Die Miniaturisierung stößt aber zunehmend an Grenzen. Diese könnten in Zukunft überwunden werden, indem elektronische Bauteile nicht mehr durch Entfernen von Materie aus einem größeren Stück entstehen, sondern durch Zusammenfügen von denkbar kleinen Bausteinen, nämlich einzelnen Molekülen, zu einer komplexen Struktur wie einem Nanodraht oder einem molekularen Transistor. Auch Nanomaschinen wären denkbar, beispielsweise ein Nanoauto mit Rädern und Chassis, das etwa tausendmal kleiner wäre als ein Haar dick, oder besonders reißfeste Folien, die aus fehlerfrei miteinander verknüpften Molekülen aufgebaut sind.
Helfen soll bei diesem sogenannten Bottom-Up-Ansatz die Selbstorganisation von Molekülen. Unter geeigneten Bedingungen fügen sich nämlich Moleküle spontan zu geordneten Strukturen zusammen. Es ist ungefähr so, als würden Legosteine von selbst zu einem Legoauto zusammenfinden. Was wie Zauberei klingt, passiert in der Natur tagtäglich seit Jahrmillionen. So entstehen etwa Proteine mit einer komplexen und gleichzeitig wohldefinierten räumlichen Struktur aus Hunderten einzelner Aminosäuren.
Das Ziel der Berliner Forscher, in Zusammenarbeit mit Chemikern der Humboldt-Universität Berlin und Physikern des Laboratorio TASC in Trieste war es, auf einer Goldoberfläche aus Porphyrin-Molekülen ein stabiles und regelmäßiges zweidimensionales Netzwerk zu knüpfen. Dabei wollten sie besonders feste chemische Bindungen zwischen den Porphyrin-Molekülen, sogenannte kovalente Bindungen, herstellen. In der Natur entstehen die komplexen Strukturen hingegen meist durch schwächere Bindungen, zum Beispiel Wasserstoffbrückenbindungen. Für die Technik bieten die kovalenten Bindungen klare Vorteile, da sie zu robusten Materialien führen und möglicherweise gut Strom leiten können.
Die Wissenschaftler verwendeten dafür ein zuvor schon erprobtes Verfahren: An die vier Enden des Porphyrin-Moleküls, die wie bei einem Pluszeichen rechtwinklig in vier Richtungen weisen, banden sie Halogenatome. Diese sind etwas schwächer als die anderen Atome im Molekül gebunden und lösen sich bei Erhitzen vom Porphyrin-Molekül. Dadurch werden dessen vier Enden reaktiv und verbinden sich miteinander.
Das Neue an der Arbeit der Berliner Forscher besteht darin, dass sie zwei unterschiedliche Halogene, nämlich Iod und Brom, jeweils an gegenüberliegenden Enden des Porphyrin-Moleküls angebunden haben. Durch das Verwenden von zwei verschiedenen Platzhaltern öffnet sich die Tür zur Steuerung des Prozesses. Dies geschieht über die Temperatur: Das Jod ist schwächer gebunden als das Brom und löst sich bereits komplett, wenn die Goldoberfläche auf 120 Grad Celsius erwärmt wird. Das Brom löst sich erst bei ungefähr 200 Grad Celsius. „Auf diese Weise lässt sich durch einen einfach kontrollierbaren äußeren Parameter, nämlich die Temperatur, die Verknüpfung der Moleküle in zwei Schritte aufteilen“, erläutert Leonhard Grill, Leiter einer Arbeitsgruppe am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft.