Dr. Susan Perry
zur Zeit zu Feldstudien in Costa Rica
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, LeipzigTelefon: +49 3 419952-258
E-Mail: perry@eva.mpg.de
Sandra Jacob
Pressebeauftragte
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, LeipzigTelefon: +49 3 419952-110
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14. April 2003
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Soziales Lernen und sozialen Traditionen (als ein Ergebnis sozialen Lernens) von Tieren sind heute ein wichtiges Forschungsgebiet, weil sie viel über die Entwicklung und die Ursprünge der menschlichen Kultur aussagen können. Die anthropologische Forschung zu diesem "Kulturelle Primatologie" genannten Forschungsgebiet konzentriert sich bisher nur auf die großen Menschenaffen. Doch soziales Lernen ist nicht nur auf Menschen und ihre engsten Verwandten beschränkt; einige der am besten dokumentierten Beispiele für soziales Lernen - das Liebeswerben von Kuhvögeln oder die Gesangstraditionen von Singvögeln - finden sich außerhalb des Primatenbereichs. Will man also die sozio-ökologischen Faktoren verstehen, die aus evolutionären Sicht das soziale Lernen fördern, ist es notwendig, in der Anthropologie über die Menschenaffen hinaus zu blicken.
Kapuzineraffen (Cebus capucinus) sind für solche Studien ein interessantes Beispiel, weil sie ebenfalls viele Verhaltensweisen entwickelt haben, die eigentlich nur für Menschen und/oder Schimpansen typisch sind. Kapuzineraffen haben im Vergleich zu ihrer Körpergröße ein außerordentlich großes Gehirn, leben in größeren Gruppen, sind Allesfresser, geschickte Jäger und versiert im Werkzeuggebrauch und unterhalten komplexe soziale Beziehungen.
In mehr als dreizehn Jahren beobachteten Susan Perry und weitere neun Anthropologen an vier verschiedenen Teilen von Costa Rica dreizehn unterschiedliche Gruppen von Weißschulter-Kapuzineraffen. Bei ihren Beobachtungen konzentrierten sich die Forscher ausschließlich auf soziale Konventionen bzw. Verhaltensrituale. Unter "Verhaltensritualen" versteht man Praktiken, die von verschiedenen Mitgliedern einer Gruppe angewandt werden, über längere Zeit bestehen bleiben und von neuen Gruppenmitgliedern erlernt werden müssen. Menschliche Kulturen sind voller sozialer Konventionen, Regeln des sozialen Verhaltens in Gruppen oder Cliquen. Deshalb brauchen Fremde häufig Jahrzehnte, um sich an eine lokale Kultur soweit anzupassen, dass sie die subtilen Nuancen im Verhalten kennen und nicht mehr "anecken".
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Die Forscher identifizierten drei typische Verhaltenskonventionen, die Affen in Ruhepausen benutzen: Handschnüffeln, Saugen an Körperteilen sowie verschiedene "Spiele":
Perry und ihre Kollegen gehen davon aus, dass Kapuzineraffen diese Verhaltensweisen an den Tag legen, um die Qualität ihrer sozialen Bindungen mit Gruppenmitgliedern immer wieder einem Test zu unterziehen. Alle diese Rituale sind mit einer gewissen Portion an Risiko oder zumindest Unbequemlichkeit für einen oder sogar beide Beteiligten verbunden. Von daher werden Affen nur bei Paaren mit einer starken Bindung diese vermutlich eher lästigen Handlungen als angenehm empfinden.
Trotz der Bedeutung, die soziale Konventionen für die menschliche Kultur haben, gibt es bisher nur sehr wenige Untersuchungen über soziales Lernen und Traditionen unter Affen und anderen Tieren. Susan Perry und ihre Kollegen hoffen, dass jetzt auch andere Wissenschaftler, die sich mit sozial kooperativen Tieren beschäftigen, beginnen werden, Beobachtungsdaten zu diesem Thema zu sammeln. Nur so werden wir nach und nach in der Lage sein, nachzuvollziehen, wie stark soziale Konventionen bereits im Tierreich verbreitet sind und unter welchen Umständen sie entstehen.