Prof. Dr. Johannes Lelieveld
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Demnach ergibt sich für die 18 Megacitys, deren Luftqualität die Forscher zuvor analysiert hatten, eine Tabelle, die Auskunft darüber gibt, wo die Menschen die schädlichste Luft atmen. Die höchste Zahl zusätzlicher Todesfälle aufgrund der Luftverschmutzung verzeichnet Karatschi: fast 15 000 im Jahr. Etwa 14 700 Menschen sterben in Dhaka an den Folgen der belasteten Luft, 14 100 in Kairo, 11 500 in Peking und 10 500 in Neu-Delhi.
Welcher Schadstoff muss zuerst reduziert werden?
In Los Angeles, New York oder Tokio wirkt sich die Luftverschmutzung dagegen
längst nicht so drastisch aus. Hier liegen die Zahlen zusätzlicher Todesfälle unter 500. „Die Analyse zeigt eine eindeutige Tendenz: Das von der Luftverschmutzung ausgehende Gesundheitsrisiko ist in den Megastädten der Entwicklungsländer größer als in den Megastädten der Industrienationen“, sagt Bhola Ram Gurjar.
Die Forscher räumen ein, dass die Zahlen keine absolut sicheren Werte wiedergeben. Das derzeitige Modell geht davon aus, dass die gesamte Bevölkerung einer Megastadt den Luftschadstoffen im selben Maße ausgesetzt ist. Ferner verwendet das Modell Jahresdurchschnittswerte für die einzelnen Luftschadstoffe. Künftig wollen die Forscher jedoch monatliche, wöchentliche oder gar tägliche Schwankungen der Schadstoffkonzentration ebenso berücksichtigen wie die Zahl der Menschen, die den Schadstoffen tatsächlich ausgesetzt sind.
„Die Risikoschätzungen mögen nicht perfekt sein, doch wir sind der Meinung, dass sie bei der Aufstellung von Richtlinien zur Schadstoffkontrolle hilfreich sein können“, sagt Gurjar. Denn das Modell schlüsselt die Gesundheitsrisiken nach Schadstoffen auf: Es berücksichtigt das relative Risiko, also die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung oder eines Todesfalls, die sich ergibt, wenn die Konzentration eines Schadstoffs um einen Punkt auf der Ri-MAP-Skala ansteigt. Auf diese Weise ergeben sich für jeden Schadstoff Zahlen, wie stark er die Sterblichkeitsrate etwa aufgrund von Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht oder zu wie vielen Einweisungen in Krankhäuser wegen chronischer obstruktiver Lungenerkrankungen er führt. In Karatschi und Dhaka sind demnach jeweils etwa 2100 Todesfälle auf Erkrankungen der Atemwege zurückzuführen. „Die Stadtbehörden könnten selbst solche Näherungswerte als Grundlage für Entscheidungen nutzen, welcher Schadstoff als
Erster reduziert werden sollte.“
Analyse auch für Schwermetalle und Ozon
Zur Teststadt für das Ri-MAP-Modell wurde Neu-Delhi. Hier ergab die Analyse,
dass die Zahl zusätzlicher Todesfälle aufgrund der Luftverschmutzung von 1998 bis 2002 stark anstieg. 2003 fiel sie plötzlich ab, behielt für einige Jahre einen konstanten Wert und steigt nun seit ein paar Jahren wieder stetig an. „Der starke Rückgang im Jahr 2003 könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Stadtverwaltung in diesem Jahr sämtliche Busse des öffentlichen Verkehrs von Diesel auf komprimiertes Erdgas umstellte“, sagt Gurjar. „Doch die seither stark wachsende Zahl der Fahrzeuge insgesamt hat diese Verbesserung inzwischen wieder zunichte gemacht.“
Ihre Forschung möchten Gurjar und Lelieveld nun auf weitere Schadstoffe
ausdehnen, Schwermetalle etwa, Ozon oder kleinste Staubpartikel, die in die menschliche Lunge gelangen können. Zu einem späteren Zeitpunkt, sagt Gurjar, müssten die Risikoschätzungen des Modells mit epidemiologischen Daten aus den Megastädten verglichen werden. „Eine derartige direkte Korrelation der Ri-MAP-Zahlen mit den tatsächlichen Todesstatistiken ist der härteste Testfall für ein solches Modell“, sagt Gurjar.
Würden die Vorhersagen des Modells durch einen solchen Vergleich bestätigt, wüchse vermutlich das Vertrauen der Stadtverwaltungen in die Prognosen. Denn die Ergebnisse der Modellrechnungen erwiesen sich damit als verlässliche Grundlage, um die Maßnahmen für eine gesündere Atemluft zu planen. Das käme nicht nur der Gesundheit zugute. Auch der fabelhafte Blick auf die Megastädte, der sich beim Landeanflug bietet, würde dann durch weniger Dunst getrübt und ließe sich vielleicht sogar einmal klar und deutlich genießen.