Prof. Dr. Johannes Lelieveld
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Welche Luftschadstoffe Bewohner mit der Atemluft aufnehmen und wie sich dies auf ihre Gesundheit auswirkt, beschäftigte Bhola Ram Gurjar auch während seines dreijährigen Aufenthalts in Mainz. In dieser Zeit stellte er ein Emissionsinventar für die indische Hauptstadt Neu-Delhi auf, in der das Fahrzeugaufkommen in den letzten Jahrzehnten explosionsartig anstieg, ohne dass die städtische Infrastruktur entsprechend mitgewachsen wäre. Zwischen 1971 und 2001 nahm die Gesamtlänge des Straßennetzes um das 3,5-Fache von 8380 Kilometer auf 28508 Kilometer zu. Im selben Zeitraum wuchs die Zahl der Fahrzeuge in der Stadt um 20-Fache, nämlich von 180000 auf fast 3,5 Millionen.
„Die Inventur hat uns geholfen, einige falsche Vorstellungen bezüglich
der Quellen der Luftverschmutzung zu beseitigen“, sagt Gurjar. In den 1990er-
Jahren galt der öffentliche und private Verkehr als Hauptursache für die Schadstoffbelastung in der Luft Delhis. Gurjars Analyse zeigte jedoch, dass kohlebetriebene Kraftwerke bis zu 80 Prozent zu den Schwefeldioxid- und Feinstaubemissionen in der Stadt beitrugen.
Die Ergebnisse machten klar, dass ein Emissionskataster für die Megastädte
her musste. Also forderten Gurjar und Lelieveld in einem Kommentar für
die Fachzeitschrift Atmospheric Environment ein internationales Programm, um Daten über Schadstoffemissionen zu sammeln und deren lokale und globale
Auswirkungen abzuschätzen. Und die beiden Forscher ließen ihren Worten Taten folgen. Bhola Ram Gurjar kehrte kurz nach der Veröffentlichung des Artikels nach Indien zurück und trat eine Stelle am Indian Institute of Technology in Roorkee an. Er und Lelieveld schufen dort eine Max-Planck-Partnergruppe zur Erforschung
der Luftqualität in Megastädten. Solche Partnergruppen ermöglichen es ausländischen Wissenschaftlern nach einem Aufenthalt an einem Max-Planck-Institut, die Forschungskooperation und dort begonnene Projekte in ihrer Heimat
fortzusetzen.
15 000 zusätzliche Todesfälle in Karatschi
Zunächst untersuchten die Wissenschaftler die Emissionen der 18 größten Megastädte der Welt und stellten eine Rangordnung gemäß ihrer Luftqualität auf. Den Werten zufolge, die im Jahr 2000 gemessen wurden, stieg etwa über Tokio, Peking und Shanghai am meisten Kohlenmonoxid auf, während Peking, Shanghai und Los Angeles die höchsten Kohlendioxidemissionen pro Einwohner aufwiesen.
In Dhaka stellten die Forscher die höchste Schwefeldioxidkonzentration fest, gefolgt von Peking und Shanghai – und jede dieser drei Megastädte hatte Schwefeldioxidwerte, die die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Normen überschritten. Moskau, Peking und Jakarta wiederum hielten den wenig rühmlichen Rekord der höchsten Konzentrationen an Stickstoffdioxid, in Karatschi, Kairo, Dhaka und Delhi mussten die Bewohner mit der stärksten Feinstaubbelastung leben.
Gurjar und Lelieveld waren jedoch nicht zufrieden damit, lediglich eine Rangfolge der Schadstoffkonzentrationen aufzustellen. Sie wollten Megastädte nach den tatsächlichen Auswirkungen dieser Schadstoffe auf die Gesundheit ihrer Bevölkerung ordnen. Ri-MAP ist das Ergebnis ihrer fünfjährigen Bemühungen – ein Modell, das verschiedene Daten kombiniert: die Bevölkerung einer Megastadt, ihre Luftqualität sowie die Risiken, die jeder Luftschadstoff für die menschliche Gesundheit birgt. Anhand eines Satzes von Konzentrations-Wirkungs-Beziehungen sagt es die zusätzlichen Todesfälle in jeder der Megastädte voraus, die auf die einzelnen Luftschadstoffe zurückgeführt werden können.