Dr. Gabriele Alex
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, GöttingenTelefon: +49 551 4956-114
E-Mail: alex@mmg.mpg.de
Dr. Vibha Joshi Parkin
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, GöttingenTelefon: +49 551 4956-236
E-Mail: parkin@mmg.mpg.de
Eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Therapierichtung spielt auch die Frage, wo die Patienten die Wurzeln ihres Leidens vermuten. „Die Menschen dort verfügen über ein sehr differenziertes Konzept zu Ursachen von Krankheiten“, so Alex, „sie unterscheiden zwischen natürlichen und übernatürlichen Ursachen.“ Für Erstere seien die biomedizinischen Ärzte zuständig, für die anderen die spirituellen Spezialisten.
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Wie die Wissenschaftlerin außerdem feststellte, unterscheiden sich die Kasten hinsichtlich ihrer Vorlieben für bestimmte Gesundheitseinrichtungen. Danach bevorzugen Paraiyar und Mutturaja eindeutig die staatlichen Ärzte und Kliniken oder gehen in Apotheken und medical shops, was Gabriele Alex im sozio-ökonomischen Status dieser Menschen begründet sieht. „Hier geht es um Leute, die Tagelöhner sind, und die sich Krankenhausbesuche nicht unbedingt leisten können, denn das bedeutet einen Tag Arbeitsausfall“, sagt sie. „Dagegen kostet die Medikamentenempfehlung in der Apotheke normalerweise nichts und Spritzen gibt es schon für fünf bis zehn Rupien.“
Bei der Auswertung ihrer Fragebögen stieß Alex zudem auf ein interessantes Paradoxon: Ausgerechnet die Vagri, die sich bei ihrer Befragung am positivsten über die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen geäußert hatten, nutzen diese am wenigsten von den drei Gruppen: „Den privaten Krankenhäusern wird eine bessere und effektivere Behandlung zugesprochen. Das hängt auch mit der Diskriminierung zusammen, die Angehörige statustiefer Gruppen in den Krankenhäusern erfahren.“
Besonders interessant findet die Forscherin, dass auf die Frage nach Verbesserungsvorschlägen für das Gesundheitssystem die meisten ihrer Studienteilnehmer die Optimierung der Ernährungssituation als wichtigste Maßnahme nannten und dabei vor allem eine bessere Versorgung mit Proteinen wünschten. „Da zielen die ganzen staatlichen Programme auf den Ausbau des Gesundheitswesens – und die Menschen auf dem Land sehen in der Mangelernährung ihr größtes Gesundheitsproblem.“
GLOSSAR
Siddha
Scholastische Medizintradition, in Südindien entwickelt. Die wichtigsten Einflüsse des Siddha stammen aus der Philosophie des Yoga, von Theorien und Praktiken des Tantrismus sowie von Konzepten der Alchemie und des Ayurveda.
Unani
Scholastische Medizintradition, in Griechenland entstanden und im arabischen Raum weiterentwickelt. In die heutige Form flossen die traditionellen Heilkünste Ägyptens, Syriens, des Irak, Persiens, Indiens, Chinas und der Staaten des Mittleren Ostens ein. Unani gelangte vermutlich im 12. Jahrhundert nach Indien.
Nattu Maruntu
Sammelbegriff, der unzählige Praktiken des Heilens und der Volksmedizin zusammenfasst; bezeichnet medizinische Heiltraditionen Indiens, die auf Medikamenten pflanzlichen und tierischen Ursprungs beruhen und nicht den scholastischen Traditionen (Siddha, Ayurveda) zugerechnet werden können. » Am häufigsten werden Fieber, Erkältungen und grippale Infekte sowie Erkrankungen des Verdauungstraktes angegeben. Moderne Zivilisationskrankheiten spielen dagegen so gut wie keine Rolle.