Dr. Gabriele Alex
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, GöttingenTelefon: +49 551 4956-114
E-Mail: alex@mmg.mpg.de
Dr. Vibha Joshi Parkin
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, GöttingenTelefon: +49 551 4956-236
E-Mail: parkin@mmg.mpg.de
Bei dem Besuch der Forscherin war das Mädchen allen Therapieanstrengungen zum Trotz immer noch nicht geheilt. Doch ging es der Anthropologin nicht um Erfolg oder Misserfolg verschiedener Behandlungswege. Vielmehr sieht sie in dieser Krankengeschichte ein Muster für die undogmatische Flexibilität, mit der sich die Angami in einem vielfältigen Angebot von Medizin- und Behandlungstraditionen säkularer und spiritueller Natur orientieren. So ist es keine Ausnahme, dass bei Gesundheitsproblemen auch Priester konsultiert werden. Diese enge Verknüpfung von christlichem Glauben mit Heilung sieht Joshi Parkin in Zusammenhang mit der Geschichte der Mission in Nagaland.
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Die ersten christlichen Missionare, die Ende des 19. Jahrhunderts in die Region gekommen waren, hätten über Schulbildung und medizinische Hilfsangebote versucht, ihre Botschaft in die Gesellschaft der Angami zu tragen. Damals war es üblich, die Behandlung mit Bibelzitaten zu verknüpfen, um damit die fürsorgliche Seite des christlichen Gottes den Menschen näher zu bringen“, sagt Joshi Parkin. Und dies sei immer noch präsent, wie sie bei ihren Feldforschungen in Nagaland festgestellt hat: „Ich habe in einigen Primary Health Clinics über dem Eingang oder in den Behandlungszimmern Bibelverse hängen gesehen.“
Außerdem pflegten auch heute noch die christlichen Kirchen in der Region die Kultur des Betens und Heilens, wobei auch der Glaube an Wunderheilung verbreitet sei. Als Beispiel für jene christlichen Einrichtungen, die in ihrer Behandlungsmethodik auf den Spuren des Herrn wandeln, nennt sie die Revival Church von Nagaland, zu deren Spezialitäten die Heilung durch Handauflegen gehört und die dazu ganze Heilcamps unterhält.
Das Heilungsangebot der anderen Kirchen konzentriere sich mehr auf die Kraft der Gebete. „Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Gruppen von Frauen sowie um als besonders befähigt angesehene Personen, die spezielle Gebete für den Kranken sprechen“, erklärt Parkin. Auch die Verknüpfung von Christentum und Medizin besteht nach ihren Beobachtungen weiter. „Jetzt ist es die Rolle der Kirche, die verschiedenen Konfliktparteien der Naga-Nationalisten zu versöhnen und damit die Gemeinschaft der Naga zu heilen.“
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Auf Abbildungen mit christlichen Motiven ist auch Joshi Parkins Kollegin, die Ethnologin Gabriele Alex, bei ihren Recherchen in den volksmedizinisch orientierten Heilershops der Vagri in Tamil Nadu gestoßen. Die Vagri gehören zu jenen drei Bevölkerungsgruppen, die sich Alex exemplarisch für ihre Studie über die Heilsysteme und Heiltraditionen in Tamil Nadu ausgesucht hatte. „Vor allem interessierte mich dabei, wie Kasten mit niedrigem gesellschaftlichem Status das medizinische Angebot wahrnehmen und welche Wege sie bei der Behandlung von Krankheiten nutzen“, erklärt die Forscherin ihr Vorhaben.
Tatsächlich haben die Bewohner des südlichsten indischen Bundesstaats die Auswahl zwischen diversen Gesundheitssystemen. Zum einen gibt es die traditionelle Volksmedizin – mit einem äußerst vielfältigen und differenzierten Arsenal von Mitteln und Rezepten gegen Krankheiten aller Art. „Sie umfasst sowohl die Hausmittel der Großmutter mit heilsamen Kräutertees, Gewürzmischungen oder Suppen als auch professionelle Heiler, die eigene Praxen oder sogar Kliniken betreiben und Knochenbrüche, Tierbisse oder Hauterkrankungen behandeln“, zählt Gabriele Alex einige der Spezialitäten aus der Tradition der nattu maruntu auf.
Gemeinsam sei all diesen Verfahren, dass sie sich auf ein von Generation zu Generation innerhalb der Familie weitergegebenes Wissen über medizinische Rezepturen und Heilpflanzen beziehen, die aus der umgebenden Natur stammen. Dabei besitzt die Tradition durchaus auch ideologischen Charakter: „Diese Art von Medizin wird stark mit einer romantischen Vergangenheit Indiens und einem Bild von Natur und Natürlichkeit assoziiert, welches der Moderne entgegengesetzt wird“, sagt Alex. Zum anderen steht mittlerweile auch der Bevölkerung in den ländlichen Regionen ein biomedizinisches Grundangebot zur Verfügung. So hat sich wie überall in Indien auch in Tamil Nadu das Angebot an öffentlichen Gesundheitseinrichtungen vor allem durch die flächendeckende Einführung von Basisgesundheitseinrichtungen sichtbar verbessert.