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Silvia Leek

Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

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Publikationsreferenz

Saikia, N., Jasilionis, D., Ram, F., Shkolnikov, V. M. (2011)
Population Studies, Vol.65(1), pp. 73-89

Aktuelles

Partnerschaft mit Perspektive

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Sozialwissenschaften

Frauen sind der Schlüssel zum Fortschritt

Abb. 3: Beitrag der jungen Altersgruppen sinkt: Seit den 90er-Jahren sind die Zuwächse der befristeten Lebenserwartung (BLE) deutlich gesunken. Während zuvor die Senkung der Kindersterblichkeit durchweg einen großen Anteil an den BLE-Steigerungen hatte, sind die Beiträge aus jungen Altersgruppen seit den 90er-Jahren in einigen Regionen verschwindend gering geworden – oder sogar negativ. (Die BLE misst nur die Überlebenswahrscheinlichkeit zwischen 0 und 60 Jahren. Die komplette Lebenserwartung ab Geburt liegt darüber, ist aber nicht verlässlich messbar.) Bild vergrößern
Abb. 3: Beitrag der jungen Altersgruppen sinkt: Seit den 90er-Jahren sind die Zuwächse der befristeten Lebenserwartung (BLE) deutlich gesunken. Während zuvor die Senkung der Kindersterblichkeit durchweg einen großen Anteil an den BLE-Steigerungen hatte, sind die Beiträge aus jungen Altersgruppen seit den 90er-Jahren in einigen Regionen verschwindend gering geworden – oder sogar negativ. (Die BLE misst nur die Überlebenswahrscheinlichkeit zwischen 0 und 60 Jahren. Die komplette Lebenserwartung ab Geburt liegt darüber, ist aber nicht verlässlich messbar.) [weniger]

Besonders folgenschweres Beispiel: Indiens Kindersterblichkeit. Bis in die 90er-Jahre stieg die Lebenserwartung vor allem deswegen, weil die Todesfälle der 0 bis 15-Jährigen überall spürbar zurück gingen (GRAFIK 2). Dann brach der BLE-Zuwachs ein, weil das Land die Kindersterblichkeit kaum weiter drücken konnte. In drei von 16 Regionen nahm sie sogar wieder zu, in drei weiteren blieb der Entwicklungsstand einfach stehen.

„Ohne grundlegende Verbesserungen in der Gesundheitsversorgung speziell für Frauen und Gebärende schaffen wir die nötigen Fortschritte bei der Kindersterblichkeit nicht“, glaubt Nandita Saikia. Überhaupt sind die Frauen für die Forscherin der Schlüssel zur weiteren Entwicklung. Denn wo Frauen autonomer und besser gebildet sind, steigt die Geburtenkontrolle und die hohen Geburtenraten sinken ebenso wie die Kindersterblichkeit.

Der Weg dahin ist für Indien noch weit. Weit verbreitete patriarchalische Traditionen und Gesetze erschweren Fortschritte in Richtung Frauenautonomie. Dass die befristete Lebenserwartung der indischen Frauen niedriger ist als die der Männer, spiegelt die Ungleichheit der Geschlechter ebenso wie die alarmierenden Abtreibungsraten weiblicher Föten und die hohe Müttersterblichkeit bei Geburt. Das Leben einer Frau ist in Indien weniger Wert als das eines Mannes. Auch deswegen finden jährlich 1,8 Millionen indische Kinder den Tod, bevor sie fünf Jahre alt werden.

Auf mehr Engagement im Kampf gegen Kindersterblichkeit drängt auch das Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF). In seiner jüngsten Trendstudie wies es nach: Immer noch sterben in Indien 66 von Tausend Neugeborenen, bevor sie fünf Jahre alt werden (Wert für 2009; Vergleich für Deutschland: vier aus Tausend Kindern). Damit bleibt Indien hinter den anderen Weltteilen zurück. Dennoch: Seit 1990 hat sich der Prozentsatz fast halbiert. Die Entwicklung ist also weiterhin positiv – wenn auch nicht überall.

Das bedeutet auch: die Lebenserwartung kann nur dann substanziell weiter wachsen, wenn der Anstieg von einer zunehmenden Überlebenswahrscheinlichkeit der Erwachsenen kommt. Denn dort, wo die Kindersterblichkeit bereits gering ist, können prozentuale Verbesserungen die Lebenserwartung nicht mehr spürbar steigern.

Indien steckt mitten im so genannten „epidemiologischem Übergang“: Die Bekämpfung infektiöser Krankheiten, wie Durchfall, Lungenentzündung, Tuberkulose oder Malaria, die insbesondere Kinderleben gefährden, ist in vielen Staaten bereits geglückt: Durch einfache Mittel wie bessere Hygiene, sauberes Wasser, Impfungen und medikamentöse Behandlungen.

Die modernen Zivilisationskrankheiten kommen

„Jetzt beginnt das Land auch mit den Problemen der Erwachsenen zu kämpfen“, sagt Nandita Saikia. Auf dem Vormarsch sind vor allem chronische Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Krankheiten und gesundheitliche Probleme durch ungesunder Lebensstil, zu wenig Bewegung, schlechte Essgewohnheiten, und allem voran: Rauchen. Schätzungen gehen davon aus, dass inzwischen ein Fünftel aller Todesfälle unter indischen Männern zwischen 30 und 69 Jahren eine Folge des Tabakkonsums sind. Gegen die neuen Zivilisationsleiden hat Indien noch kein Rezept gefunden. Das muss es aber, sonst geht es mit der Lebenserwartung nicht voran.

So paradox es klingt: Es ist ein Zeichen des Fortschritts, dass sich in Indien nun – wie zuvor in vielen anderen Ländern desselben Entwicklungsstadiums – die neuen Krankheiten ausbreiten. Macht Indien also gerade den entscheidenden Schritt auf eine Entwicklungsstufe mit den reichen Ländern der Welt, für die Rauchen, Übergewicht und chronische Krankheiten inzwischen zur größten Herausforderung in der Gesundheitspolitik geworden sind?

Nein, das sei zu einfach gedacht, meint Nandita Saikia. Dazu sei ihr Land zu divers. „In Indien finden Sie alles“, sagt die Demografin. Während einige Regionen den epidemiologischen Übergang schon hinter sich haben, liegt die Kindersterblichkeit in anderen noch so hoch wie in den ärmsten Ländern Afrikas. Noch ist der Kampf um eine höhere Lebenserwartung für Indien ein Kampf an allen Fronten.

 
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