Michaela Kreyenfeld
Arbeitsbereich Ökonomische und Soziale Demografie
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, RostockTelefon: +49 381 2081-136
E-Mail: Kreyenfeld@demogr.mpg.de
Unabhängig davon hat die Zensuskommission, also die unabhängigen Wissenschaftler, die den Zensus 2011 begleiten, öffentlich bedauert, dass der deutsche Zensus zu beschränkt sei.
Kreyenfeld: Mit seinen 46 Fragen geht der Zensus kaum über den Pflichtkatalog der EU hinaus – obwohl das möglich gewesen wäre. Lediglich zwei Fragen wurden zusätzlich aufgenommen: Eine über den Migrationshintergrund der Befragten und eine über die Religionszugehörigkeit. Letztere ist aber freiwillig und darum weniger verlässlich.
Wäre es richtig gewesen, weitere Fragen in den Zensus-Katalog aufzunehmen?
Kreyenfeld: Die Wissenschaft fordert natürlich immer mehr Daten, als letztlich erhoben werden, das ist in gewisser Weise ihre Rolle. Aber nicht nur in der Forschung hält man einen erweiterten Katalog für sinnvoll. So haben die Vereinten Nationen für die aktuelle Zensusrunde zusätzliche Fragen etwa aus dem Bereich der Fertilität empfohlen. Sie wurden nicht aufgenommen, obwohl die Zensuskommission diese Empfehlung bekräftigt hat. So wird in Deutschland weiterhin nicht nach der Zahl der geborenen Kinder je Frau gefragt. Und das, obwohl die Kinderzahl einige politische Relevanz hat.
Ist die Kinderzahl denn nicht aus der Geburtenstatistik der Standesämter bekannt?
Kreyenfeld: Nur mit Einschränkungen. Dort werden zwar die Geburten erfasst, jedoch kaum weitere Merkmale der Kinder oder ihrer Eltern. So kann man auf Basis der Geburtenstatistik etwa nichts darüber sagen, ob Akademikerinnen besonders wenig oder viele Kinder bekommen. Bis vor Kurzem wussten wir noch nicht einmal, wie alt die Mütter bei Geburt ihrer ersten Kinder sind, weil nicht erfasst wurde, ob es sich bei einer Geburt um ein erstes, zweites oder weiteres Kind handelt.
Reichen für solche Geburtendaten nicht der Mikrozensus, die große Haushaltsstichprobe des Statistischen Bundesamtes, oder andere Erhebungen aus?
Kreyenfeld: Im Mikrozensus wird erst seit 2008 nach der Kinderzahl von Frauen gefragt. Die Frage ist allerdings nur alle vier Jahre enthalten, ist freiwillig und stand 2008 zusammenhangslos ganz am Ende des Fragebogens. Leider ist deswegen die Antwortverweigerung mit zwölf Prozent der Befragten so hoch, dass diese Daten nicht völlig verlässlich sind. Da die Kinderzahl im Zensus und Mikrozensus entweder fehlen oder nicht belastbar sind, können sie auch zur Hochrechnung von sozialwissenschaftlichen Befragungen nicht verwendet werden. Die Folge ist, dass auch die Berechnungen zur Kinderzahl in diesen Befragungen auf keiner verlässlichen Basis stehen. Wir stehen also weiterhin ohne handfeste Daten zur Kinderlosigkeit oder zur Fertilität nach Bildungsgruppen da.
In der Öffentlichkeit halten sich Forscher mit Kommentaren zum Zensus eher zurück. Wie steht die wissenschaftliche Gemeinschaft zur aktuellen Zählung?
Kreyenfeld: Das lässt sich pauschal natürlich schwer sagen. Mir scheint aber, dass es generell Freude und Erleichterung darüber gibt, dass nun wieder ein Zensus stattfindet und wir dadurch bessere Bevölkerungsdaten bekommen als in den letzten zwanzig Jahren. In Deutschland nach den Erfahrungen von 1987 einen Zensus durchzuführen, ist sicher nicht ganz einfach. Wenn das Statistische Bundesamt das geschafft hat, hat es eine Menge geleistet.
Herzlichen Dank für das freundliche Gespräch.
Das Interview führte Björn Schwentker.