Kulturwissenschaften . Sprachwissenschaften

Forschungsbericht 2009 - Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Wörter mit Migrationshintergrund

Words as Migrants

Autoren

Haspelmath, Martin

Abteilungen

Linguistik (Prof. Dr. Bernard Comrie)
MPI für evolutionäre Anthropologie, Leipzig

Zusammenfassung
Wenn Sprachen aufeinandertreffen, kommt es zu Wortentlehnungen („Fremdwörter“). Lehnwörter faszinieren, weil sie über historische Zusammenhänge informieren. Bei der Ermittlung entfernter genealogischer Sprachverwandtschaft ist es aber oft unklar, ob ähnlich klingende Wörter gemeinsamen Ursprungs sind oder auf Kontakteinfluss zurückzuführen sind. In einem Projekt des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie werden Lehnwörter aus 38 Sprachen systematisch erfasst und damit erstmalig allgemeine Trends der Wortentlehnung aufgezeigt.
Summary
Whenever languages come into contact with each other, lexical borrowing also takes place. Such loanwords can provide interesting information about historical relations. In working out the genealogical relationship of languages across long time periods, however, it is often difficult to decide whether words that sound similar are to be attributed to common ancestry or to the influence of contact. A comparative project of the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology for the first time identifies general trends in lexical borrowing across the languages of the world.

Die Bedeutung von Lehnwörtern

Wenn Menschen mit verschiedenen Sprachen sich intensiv begegnen, kommt es immer zu einem Einfluss einer Sprache auf die andere, manchmal auch zu einem gegenseitigen Einfluss. Dass Wörter wie Geografie oder Laptop aus anderen Sprachen ins Deutsche gelangt sind, wissen auch Nicht-Sprachwissenschaftler; oft meinen sie, dass solche „Fremdwörter“ lieber vermieden und durch Erdkunde und Klapprechner ersetzt werden sollten. Weil Wortentlehnungen eine so auffällige Sprachveränderung sind, wird das Phänomen seit Langem intensiv erforscht. Bisher aber beschränkten sich diese Untersuchungen auf einzelne Sprachen oder bestimmte Sprachenpaare (wie griechische Wortentlehnungen aus dem Türkischen oder deutsche Entlehnungen aus dem Englischen).

In der Linguistik-Abteilung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie wurde in den Jahren 2004 bis 2008 erstmals eine größere vergleichende Untersuchung von Lehnwörtern in weltweiter Perspektive durchgeführt. Es geht dabei aber nicht um Sprachpurismus, sondern das Hauptanwendungsgebiet ist die prähistorische Linguistik. Sprachverwandtschaft ist in vielen Teilen der Erde eine wichtige Quelle, um die Bevölkerungsbewegungen zu rekonstruieren. Ohne die vergleichende Linguistik wäre kaum bekannt, dass die Besiedelung der meisten Inseln des Pazifiks ihren Anfang in der Insel Taiwan hatte, oder dass die ostsibirischen Jakuten aus der Altai-Region stammen. Und obwohl über die Urheimat der Indoeuropäer noch immer keine Klarheit besteht, weiß man schon lange, dass es einst eine solche Urbevölkerung gegeben haben muss, aus deren Sprache fast alle Sprachen des heutigen Europas sowie Irans, Afghanistans und Südasiens entstanden sind.

Probleme der Sprachverwandtschaftsforschung

Allerdings ist es sehr aufwendig, Sprachverwandtschaft festzustellen. Viele Faktoren sind zu berücksichtigen, wenn es sich nicht um sehr eng verwandte Sprachen handelt. Auch wenn grammatikalische Ähnlichkeiten nicht unwichtig sind, stützen sich die meisten Rekonstruktionen von Sprachfamilien auf Wortähnlichkeiten. Und hier werden die Lehnwörter wichtig: Wortähnlichkeiten können zwar auf einen gemeinsamen Ursprung der Sprachen und damit auf („phylogenetische“) Verwandtschaft hinweisen, sie können aber auch durch Entlehnung entstanden sein. Die Bezeichnungen für Körperteile und für Speisen sind im Deutschen und im Französischen ähnlich (zum Beispiel Ohr/oreille oder Suppe/soupe), aber nur die Wörter für Körperteile sind uralt und gehen auf die gemeinsamen indoeuropäischen Wurzeln zurück. Die meisten ähnlichen Speisebezeichnungen sind aus dem Französischen ins Deutsche entlehnt, weil die Deutschen die französische Küche schon immer bewundert haben.

Oft ist es schwierig, bei Wortähnlichkeiten zwischen gemeinsamer Herkunft und Entlehnung zu unterscheiden – besonders in entfernten Weltregionen. Deshalb ist es sehr nützlich, einschätzen zu können, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Wort mit einer bestimmten Bedeutung ein Lehnwort ist. Schon seit Langem haben Linguisten ein intuitives Wissen darüber, dass Wörter mit bestimmten Bedeutungen besonders stabil und entlehnungsresistent sind, während andere gerne aus einer Nachbarsprache entlehnt werden. Das vergleichende Lehnwortprojekt des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie hat solche Unterschiede erstmals systematisch empirisch untersucht.

Das Gemeinschaftsprojekt zu Wortentlehnungen

In einem Gemeinschaftsprojekt wurden weltweit Experten zu 38 Sprachen gebeten, eine repräsentative Stichprobe von 1.462 Wörtern aus ihrer Sprache einzureichen und zu jedem Wort anzugeben, ob es ein Lehnwort ist oder nicht. Das Ergebnis ist eine Rangliste aller 1.462 Wörter nach der Entlehnungswahrscheinlichkeit. Die zwanzig am häufigsten entlehnten Wörter sind in Abbildung 1 aufgeführt.

Die zwanzig am häufigsten entlehnten Wörter. Bild vergrößern
Die zwanzig am häufigsten entlehnten Wörter.

Die Liste besteht hauptsächlich aus Kulturgütern und Institutionen, die sich erst vor relativ kurzer Zeit weltweit verbreitet haben. Schulen, Kaffee, Fernsehen und Busse gab es vor hundert Jahren in vielen Teilen der Welt noch nicht. Dass für solche von außerhalb eingeführten Begriffe auch die Wörter aus anderen Sprachen eingeführt werden, ist nicht erstaunlich, aber man sieht bereits an dieser Liste, dass Entlehnung nicht die einzige Möglichkeit ist: Etwa jede zehnte Sprache benutzt für Auto oder Radio kein Lehnwort, sondern ein eigenes, neu geschaffenes Wort. Auch das Deutsche hat für acht der zwanzig am häufigsten entlehnten Begriffe ein – meist zusammengesetztes – eigenes Wort. Für viele andere könnte man ebenso gut ein Nichtfremdwort benutzen (Geldhaus statt Bank, Fahrzeug statt Auto, Fernhören statt Radio). Ob ein Lehnwort verwendet wird oder nicht, ist also nicht von vornherein entschieden, sondern hängt von verschiedenen Faktoren ab; diese will das Projekt im nächsten Schritt untersuchen.

Interessanter für die prähistorische Linguistik sind aber die stabilsten Wörter. Die dreißig am wenigsten entlehnten Begriffe sind in Abbildung 2 wiedergegeben. Neunzehn von ihnen sind in keiner Sprache entlehnt.

Die dreißig entlehnungsresistentesten Wörter. Bild vergrößern
Die dreißig entlehnungsresistentesten Wörter.

Auffällig ist, dass die meisten dieser Wörter gar keine Substantive sind. Das ist ein allgemeiner Trend: Man findet zwar auch entlehnte Verben (etwa stoppen im Deutschen) und Adjektive (zum Beispiel pink), aber am häufigsten werden Substantive entlehnt. Abbildung 1 enthält nur Substantive, und überhaupt finden sich unter den ersten zweihundert meistentlehnten Begriffen fast keine anderen Wortarten (am ehesten Zahlwörter wie Tausend oder Null, die gerne übernommen werden). Deshalb überrascht es nicht, dass etliche Verben zu den am wenigsten entlehnten Wörtern gehören. Von den Körperteilen findet sich erstaunlicherweise nur Haar unter den ersten dreißig. Intuitiv hätten die meisten Linguisten Wörter wie Ohr, Auge, Zahn und Zunge für sehr stabil gehalten. Aber es gibt einige Sprachen, in denen Auge ein Lehnwort ist, beispielsweise Malagasy (màso, aus einer Bantu-Sprache entlehnt) und Thai (nêet, aus dem Sanskrit). Das Thai hat allerdings noch ein weiteres, nicht entlehntes Wort für Auge.

Etliche der entlehnungsresistenten Wörter gehören zu den Pronomina, also zum grammatischen Teil des Wortschatzes. Dass grammatische Endungen und Wörter eher nicht aus anderen Sprachen übernommen werden, ist ebenfalls länger bekannt. Aber auch hier muss man differenzieren: Es sind vor allem die Fragepronomina (wer, wo, wie), die nicht entlehnt werden, sowie die Demonstrativpronomina (dieser, jener) und die oft damit verwandten Personalpromomina der dritten Person (er, sie). Die Pronomina der ersten oder zweiten Person (ich, du) dagegen werden manchmal entlehnt, hauptsächlich dann, wenn es um besonders höflichen Ausdruck geht. So stammt japanisch boku (ich) aus einem chinesischen Wort für Diener und indonesisch saya (ich) aus einem Sanskrit-Wort mit derselben Bedeutung. Beide Ausdrücke waren ursprünglich höfische Höflichkeitsformen im Umgang mit Höhergestellten.

Eine Wörter-Datenbank im Internet

Die Datenbank mit den etwa 60.000 Wörtern aus 38 Sprachen soll ab Herbst 2009 im Internet veröffentlicht werden und damit nicht nur für Forscher, sondern auch für ein interessiertes Laienpublikum zugänglich gemacht werden. Zu jedem Wort gibt es weitere Zusatzinformationen wie innere Struktur (besonders bei Zusammensetzungen), genauer Bedeutungsumfang, Alter des Wortes (frühester Beleg bei Sprachen mit langer Schreibtradition, oder Rekonstruktion), und zu jedem Lehnwort wird das Modellwort, die Herkunftssprache und die Kontaktsituation angegeben. Die Datenbank wird in Zukunft für die vergleichende Wortforschung und die Sprachkontaktforschung ein sehr wichtiges Instrument sein. Es ist geplant, in den nächsten Jahren weitere Sprachen hinzuzufügen.

 
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