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Prof. Dr. Jürgen Renn

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Globalisierung des Wissens

Menschen und Waren verbreiten sich seit Jahrtausenden über die Erde; immer dreht es sich dabei auch um den Transfer von Wissen. Wissen wandert nicht linear um den Globus, sondern in einem dynamischen Prozess, auf den viele Faktoren einwirken. Um zu verstehen, wie sich Wissen über kulturelle Grenzen hinweg ausbreitet, suchen Forscher nach einer übergreifenden Theorie.

Was ist eigentlich Globalisierung? Forscher verstehen darunter einen Prozess, in dem sich länder- und kontinentübergreifende Märkte für Waren, Kapital und Arbeit entwickeln. Gleichzeitig verbreitet sich auch vielfältiges Wissen rund um den Globus – etwa in Form neuer Technologien oder Ideen. Das geschieht nicht erst heute, sondern von jeher: In der Geschichte der Menschheit waren globale Austauschprozesse stets von intensivem Wissenstransfer begleitet.

Heutzutage betrachten wir die Globalisierung mit all ihren positiven und negativen Folgen als einen Vorgang, der sich nur eingeschränkt kontrollieren lässt. Wissenschaftler können jedoch einiges dazu beitragen, gerade hier Abhilfe zu schaffen. Denn indem sie die Rolle des Wissens in historischen Prozessen aufklären, werfen sie ein Licht auf eine bisher unterschätzte Dimension, die aber für die Steuerbarkeit von Globalisierungsprozessen eine entscheidende Bedeutung besitzen könnte.

Dynamische Globalisierung

Dabei beschäftigen sich Forscher etwa mit der Frage, inwiefern die weltweiten Wissensströme von anderen Prozessen der Globalisierung dominiert oder beschränkt werden. Fraglos stärken Letztere aber auch die Verbreitung von Gedanken und Ideen – und so deren Potenzial, den Prozess der Globalisierung selbst zu steuern.

Allegorische Darstellung der Rekonzeptualisierung des Wissens infolge der Globalisierung des Wissens im 17. Jahrhundert. Titelbild des Werks über die vierfache Krise der Geographie von dem Jesuiten Heinrich Scherer Bild vergrößern
Allegorische Darstellung der Rekonzeptualisierung des Wissens infolge der Globalisierung des Wissens im 17. Jahrhundert. Titelbild des Werks über die vierfache Krise der Geographie von dem Jesuiten Heinrich Scherer [weniger]

Globalisierung ist von einem inneren Widerspruch geprägt. Einerseits unterliegen Wirtschaft, Kultur, Politik und Wissen weltweit einem Trend hin zu Vereinheitlichung und Standardisierung. Andererseits entwickeln Menschen und Institutionen in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Strategien, um die Folgen der Globalisierung zu bewältigen; so erhöht sich die Diversifikation der sozialen Systeme. Dieser Kontrast zwischen Vereinheitlichung und gleichzeitiger Differenzierung zeigt, welche wichtige Vermittlerrolle nationale und regionale Institutionen hierbei spielen. Außerdem weist er Globalisierung als dynamischen Prozess aus, der sich auf mehreren Ebenen abspielt. Dazu zählen Migrations­bewegungen, die Verbreitung neuer Technologien oder religiöser Vorstellungen ebenso wie die Zunahme von Mehrsprachigkeit.

Wissen ist mehr als nur einer von vielen Aspekten der Globalisierung. Vielmehr stellt es eines ihrer zentralen Elemente dar

All diesen Teilprozessen liegt jeweils eine eigene Dynamik zu Grunde. Waren, Werkzeuge und Fertigkeiten zirkulieren unter Menschen unterschiedlich rasch. Typischerweise verbreiten sie sich jedoch schneller als Sprachen, Rituale oder Ideologien sowie Institutionen in Verwaltung und Politik. Wissen spielt dabei eine entscheidende Rolle: Beispielsweise verbreiten sich Waren auf anderen Wegen als die Technologien zu ihrer Produktion. Denn für den Austausch von Waren bedarf es nur weniger Voraussetzungen; die Übermittlung von Wissen über ihre Herstellung erfordert zumindest eine gewisse Sprachkompetenz.

Das erklärt etwa, warum Mehrsprachigkeit von jeher ein kritischer Faktor im Globalisierungsprozess ist, ja bei der kulturellen Entwicklung überhaupt. Die besondere Bedeutung der Mehrsprachigkeit lässt sich schon in den frühesten Werken der lexikographischen Literatur erkennen. In ihnen sind Glossare und andere Hilfsmittel für die Kommunikation enthalten – Voraussetzung für weitergehende Globalisierungsprozesse.

Globalisierungsprozesse folgen jedoch keiner zwangsläufigen Entwicklung. Zum Beispiel ergibt sich aus der Globalisierung der Märkte nicht notwendig, dass sich auch politische Systeme verbreiten. Vielmehr kann der Austausch zwischen einzelnen Ebenen zu unterschiedlichen Resultaten führen. Auch dafür spielt Wissen, insbesondere auch Metawissen, wie es u. a. in Religionen und Ideologien transportiert wird, eine Schlüsselrolle, denn es stellt ein Bindeglied zwischen den verschiedenen Globalisierungsebenen dar. So wurden etwa religiöse und politische Ordnungsvorstellungen im Buddhismus und im Konfuzianismus auf ganz unterschiedliche Weise in die Gesellschaft integriert. Zudem kann Wissen in verschiedenen historischen Situationen Identität und Autorität hervorbringen, und Ideen können an Einfluss gewinnen und wieder verlieren.

Architektur des Wissens

Ptolemaios I. Soter (367 – 283 v. Chr.) überwacht den Bau der Bibliothek von Alexandria. Sie gehörte zu den größten und berühmtesten jener Zeit – und war die erste, in der systematisch Werke aus anderen Ländern gesammelt wurden. Stich aus » Vies des Savants Illustres« (19. Jahrhundert) Bild vergrößern
Ptolemaios I. Soter (367 – 283 v. Chr.) überwacht den Bau der Bibliothek von Alexandria. Sie gehörte zu den größten und berühmtesten jener Zeit – und war die erste, in der systematisch Werke aus anderen Ländern gesammelt wurden. Stich aus » Vies des Savants Illustres« (19. Jahrhundert) [weniger]

Politiker sehen Erziehung und Bildung als entscheidend an für die Fähigkeit von Menschen, die Folgen der Globalisierung zu bewältigen. Doch Wissen ist mehr als nur einer von vielen Aspekten der Globalisierung. Vielmehr stellt es eines ihrer zentralen Elemente dar. Wissen wirkt sich auf alle Formen der Globalisierung aus – einschließlich der Bildung von Märkten –, indem es die Identität aller Beteiligten prägt. Unter der Globalisierung des Wissens verstehen Forscher daher einen historischen Prozess von ganz eigener Dynamik, welcher die darunterliegenden Ebenen verbindet.

Nimmt die Menge des Wissens rasant zu, treten äußere und innere Entwicklungen miteinander in Wechselwirkung. Die äußere Dynamik unterliegt im Wesentlichen ökologischen, ökonomischen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen. So beeinflussen etwa die wirtschaftlichen Möglichkeiten oder Bildungsmöglichkeiten die Entwicklung der Wissenschaft. Ihre innere Dynamik dagegen liegt darin, dass das wissenschaftliche Wissen weiterentwickelt und revidiert wird – mit der Folge, dass die Architektur des Wissens immer komplexer wird. Zugleich entstehen durch die Diffusion wissenschaftlichen Wissens in die Gesellschaft neue technische, wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Kontexte.

Globale Forschungsnetzwerke

Bisher gibt es nur wenige historische Untersuchungen jener Prozesse, die zur Globalisierung von Wissen führen. Das liegt zum einen am Umfang und an der Vielfalt der dafür erforderlichen Daten. Zum anderen existiert derzeit kein verbindlicher theoretischer Rahmen, in dem sich die Vielfalt von Wissensarten und Transferprozessen einheitlich beschreiben ließe. Das erste Problem könnten wir angehen, indem wir ­globale Forschungsnetzwerke schaffen. Um das zweite zu lösen, benötigen Wissenschaftler dagegen einen theoretischen Rahmen, der sowohl einfach als auch differenziert genug ist.

Dieser Rahmen umfasst die Wissenschaftsgeschichte ebenso wie die Kognitionsforschung, Anthropologie, Archäologie sowie die Geschichts- und Sozialwissenschaft. Nur gemeinsam können sie das volle Spektrum der Entwicklungsprozesse beschreiben, die im Lauf der Zeit die Ausbreitung des Wissens bestimmten. Insbesondere kommt es darauf an, die wesentlichen Formen des Wissens sowie die Weisen der Wissensdarstellung und des Wissens­transfers zu verstehen.

Die Rolle des Wissens im Zuge der Globa­lisierung werden wir nur dann richtig verstehen und bewerten können, wenn Forscher Fragen wie die folgenden beantworten: Welche Kenntnisse haben die Partner – aus ihrer jeweiligen Sicht – beim Wissenstransfer voneinander sowie über den Austausch selbst? Welche Kenntnisse könnten die Partner aus der Sicht Dritter haben? Und: Inwieweit sind den Partnern die Grenzen ihres Wissens voneinander und über den Austausch selbst bewusst? Das hier skizzierte Forschungsprogramm sollte helfen die Chancen zu nutzen, die uns die zunehmende Globalisierung des Wissens heute und in Zukunft bieten wird.

Studien am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte haben dargestellt, wie sich Wissen im Übertragungsprozess verwandelt. So führte etwa die Übertragung europäischer wissenschaftlicher Erkenntnisse durch Jesuiten in China zu einer teilweisen Integration europäischen Wissens in das Chinesische – jedoch ohne die revolutionäre Dynamik, die diese europäischen Erkennt­nisse in ihrer ursprünglichen Kultur erlebten. (Zhang, B. et al., Transmission and Integration: ‘Qiqi tushuo’. Jiangsu Kexue Jishu Chubanshe, 2008).

Abattouy, M., Renn, J. & Weinig, P. (eds).
Intercultural Transmission of Scientific Knowledge in the Middle Ages: Graeco-Arabic-Latin
Böhme, H., Rapp, C. & Rösler, w (eds).
Übersetzung und Transformation
Damerow, P.
Abstraction and Representation: Essays on the Cultural Evolution of Thinking
Renn, J. (ed.).
Globalization of Knowledge in History
Osterhammel, J.
Geschichte der Globalisierung: Dimensionen, Prozesse, Epochen
Renn, J.
The Globalization of Knowledge and the Place of Traditional Knowledge in the Global Community.
Toepfer, G., H. Böhme, (eds).
Transformationen antiker Wissenschaften
 
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