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Globalisierung des Wissens

Menschen und Waren verbreiten sich seit Jahrtausenden über die Erde; immer dreht es sich dabei auch um den Transfer von Wissen. Wissen wandert nicht linear um den Globus, sondern in einem dynamischen Prozess, auf den viele Faktoren einwirken. Um zu verstehen, wie sich Wissen über kulturelle Grenzen hinweg ausbreitet, suchen Forscher nach einer übergreifenden Theorie.

Was ist eigentlich Globalisierung? Forscher verstehen darunter einen Prozess, in dem sich länder- und kontinentübergreifende Märkte für Waren, Kapital und Arbeit entwickeln. Gleichzeitig verbreitet sich auch vielfältiges Wissen rund um den Globus – etwa in Form neuer Technologien oder Ideen. Das geschieht nicht erst heute, sondern von jeher: In der Geschichte der Menschheit waren globale Austauschprozesse stets von intensivem Wissenstransfer begleitet.

Heutzutage betrachten wir die Globalisierung mit all ihren positiven und negativen Folgen als einen Vorgang, der sich nur eingeschränkt kontrollieren lässt. Wissenschaftler können jedoch einiges dazu beitragen, gerade hier Abhilfe zu schaffen. Denn indem sie die Rolle des Wissens in historischen Prozessen aufklären, werfen sie ein Licht auf eine bisher unterschätzte Dimension, die aber für die Steuerbarkeit von Globalisierungsprozessen eine entscheidende Bedeutung besitzen könnte.

DYNAMISCHE GLOBALISIERUNG

Dabei beschäftigen sich Forscher etwa mit der Frage, inwiefern die weltweiten Wissensströme von anderen Prozessen der Globalisierung dominiert oder beschränkt werden. Fraglos stärken Letztere aber auch die Verbreitung von Gedanken und Ideen – und so deren Potenzial, den Prozess der Globalisierung selbst zu steuern.

Allegorische Darstellung der Rekonzeptualisierung des Wissens infolge der Globalisierung des Wissens im 17. Jahrhundert. Titelbild des Werks über die vierfache Krise der Geographie von dem Jesuiten Heinrich Scherer Bild vergrößern
Allegorische Darstellung der Rekonzeptualisierung des Wissens infolge der Globalisierung des Wissens im 17. Jahrhundert. Titelbild des Werks über die vierfache Krise der Geographie von dem Jesuiten Heinrich Scherer [weniger]

Globalisierung ist von einem inneren Widerspruch geprägt. Einerseits unterliegen Wirtschaft, Kultur, Politik und Wissen weltweit einem Trend hin zu Vereinheitlichung und Standardisierung. Andererseits entwickeln Menschen und Institutionen in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Strategien, um die Folgen der Globalisierung zu bewältigen; so erhöht sich die Diversifikation der sozialen Systeme. Dieser Kontrast zwischen Vereinheitlichung und gleichzeitiger Differenzierung zeigt, welche wichtige Vermittlerrolle nationale und regionale Institutionen hierbei spielen. Außerdem weist er Globalisierung als dynamischen Prozess aus, der sich auf mehreren Ebenen abspielt. Dazu zählen Migrations­bewegungen, die Verbreitung neuer Technologien oder religiöser Vorstellungen ebenso wie die Zunahme von Mehrsprachigkeit.

>> Wissen ist mehr als nur einer von vielen Aspekten der Globalisierung. Vielmehr stellt es eines ihrer zentralen Elemente dar

All diesen Teilprozessen liegt jeweils eine eigene Dynamik zu Grunde. Waren, Werkzeuge und Fertigkeiten zirkulieren unter Menschen unterschiedlich rasch. Typischerweise verbreiten sie sich jedoch schneller als Sprachen, Rituale oder Ideologien sowie Institutionen in Verwaltung und Politik. Wissen spielt dabei eine entscheidende Rolle: Beispielsweise verbreiten sich Waren auf anderen Wegen als die Technologien zu ihrer Produktion. Denn für den Austausch von Waren bedarf es nur weniger Voraussetzungen; die Übermittlung von Wissen über ihre Herstellung erfordert zumindest eine gewisse Sprachkompetenz.

Das erklärt etwa, warum Mehrsprachigkeit von jeher ein kritischer Faktor im Globalisierungsprozess ist, ja bei der kulturellen Entwicklung überhaupt. Die besondere Bedeutung der Mehrsprachigkeit lässt sich schon in den frühesten Werken der lexikographischen Literatur erkennen. In ihnen sind Glossare und andere Hilfsmittel für die Kommunikation enthalten – Voraussetzung für weitergehende Globalisierungsprozesse.

 
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