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Prof. Dr. Ulman Lindenberger

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
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Entwicklungspotenziale erkunden

Denken, Fühlen und Verhalten von Menschen ändern sich im Lauf des Lebens. Den Spielraum dieser Veränderungen (Plastizität) zu erforschen hilft uns, Entwicklungen gezielt zu fördern – etwa in der Kindererziehung oder beim Erhalt der geistigen Fitness im Alter. Die erfolgreiche Erforschung von Verhaltensänderungen im Lebensverlauf bedarf langfristiger multidisziplinärer Untersuchungen.

Dass sich der Mensch flexibel auf wechselnde Umstände einstellen kann, war stammesgeschichtlich gesehen eine entscheidende Voraussetzung für das Überleben unserer Gattung. Bis heute macht jedes Individuum einen permanenten Wandel durch, körperlich ebenso wie psychisch. Über die gesamte Lebensspanne hinweg – vom Embryonalstadium im Mutterleib bis ins hohe Alter – prägen und verändern uns zahlreiche Einflüsse. Gehirn, Verhalten und Umwelt stehen dabei in ständiger Wechselwirkung miteinander1 (Bild 1).

REIFUNG, ALTERN UND LERNEN


<b>Bild 1 | Verhaltensentwicklung</b> Die Wechselwirkungen zwischen Umwelt, Verhalten und Hirnfunktionen bewirken im Lauf des Lebens sowohl kurzfristige Anpassungen als auch dauerhafte Veränderungen der Verhaltensmuster. Bild vergrößern
Bild 1 | Verhaltensentwicklung Die Wechselwirkungen zwischen Umwelt, Verhalten und Hirnfunktionen bewirken im Lauf des Lebens sowohl kurzfristige Anpassungen als auch dauerhafte Veränderungen der Verhaltensmuster. [weniger]

Drei grundlegende Mechanismen tragen besonders zur geistigen Entwicklung im Lauf des Lebens bei: Reifung bezeichnet Wachstumsprozesse, die vor allem Kindheit und Jugend prägen und in gewissem Umfang vorgezeichnet sind2. In späteren Lebensabschnitten gewinnen Abbauprozesse an Bedeutung, die wir unter dem Schlagwort Altern zusammenfassen. Lernen schließlich – also der Erwerb neuen Wissens und neuer Fertigkeiten – findet in allen Lebensphasen statt. Reifung, Altern und Lernen beeinflussen sich im gesamten Lebensverlauf und sind ihrerseits an Rahmenbedingungen wie Anregungen durch das soziale Umfeld oder die Ernährungsweise geknüpft.

Die Erforschung der Verhaltensentwicklung im Lebensverlauf widmet sich diesen Mechanismen. Dabei ergründeten Forscher Fragen der Wahrnehmung, der Motorik, des Denkens, Fühlens oder Handelns bislang meist isoliert voneinander. Tatsächlich aber hängen unsere Fähigkeiten und Potenziale auf all diesen Funktionsbereichen stark voneinander ab. Veränderungen müssen daher tunlichst über verschiedene Funktionsbe­reiche hinweg betrachtet werden.

Zweitens gilt es, jene Zeitfenster zu erkennen, in denen sich psychologische Anpassungen vollziehen. Manche Veränderungen dürften in unterschiedlichem Alter ähnlich verlaufen; andere dagegen besitzen je nach persönlicher Disposition und Lerngeschichte womöglich unterschiedliche Dynamiken3. Außerdem gibt es alterstypische Phänomene wie die Pubertät oder die so genannte Midlife-Crisis. Nur wenn wir genauer verstehen, unter welchen Bedingungen eine dauerhafte Verhaltensänderung eintritt, lassen sich Entwicklungen mit einiger Sicherheit vorhersagen und positiv beeinflussen.

 
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