Prof. Dr. Steven Vertovec
Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, GöttingenTelefon: +49 551 4956-125
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Ein Spaziergang durch die Fußgängerzone einer deutschen Stadt macht schnell deutlich: Unsere Gesellschaft setzt sich aus vielen verschiedenen Individuen zusammen – und diese Heterogenität nimmt weiter zu. Migration ist nur ein Grund hierfür, auch weniger eindeutige Geschlechterrollen sowie die Individualisierung tragen zu einem breiteren Spektrum an Lebensformen und -stilen, an Wertesystemen und Erfahrungswelten bei1.
Diese Diversität hat Konsequenzen für die sozialen Interaktionen, für das Selbstverständnis und die innere Integration von Gesellschaften. Bezogen auf die Konsequenzen von Einwanderungsprozessen heißt es meist, Vielfalt sei eine Chance, aber auch eine Herausforderung für die Gesellschaft. Was dies genau bedeutet, ist nicht immer klar, und es hängt auch von politischen Konjunkturen und Ereignissen (städtischen Unruhen, terroristischen Anschlägen) ab, ob die Potenziale oder aber die Risiken der Diversität in den Vordergrund der öffentlichen Debatte gerückt werden.
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Sozialwissenschaftler sind sich heute keineswegs einig darüber, wie die neue Vielfalt zu bewerten sei. Einige bezweifeln, dass stark individualisierte, ethnisch wie kulturell heterogene Gesellschaften überhaupt noch integrierbar sind2. Empirische Studien aus den USA etwa kommen zu dem Schluss, dass mit wachsender Vielfalt in einer Stadt oder Gemeinde das Vertrauen der Bürger untereinander schwindet. Auch die gesellschaftlichen Institutionen würden an Autorität verlieren3.
Andere Autoren weisen dagegen auf eine ausgeprägte wirtschaftliche Dynamik gerade in Regionen mit heterogener Bevölkerungsstruktur hin – vorausgesetzt dort herrscht ein Klima der Toleranz4,5. Dann nämlich profitieren die Menschen von den vielfältigen Anregungen, der Offenheit und Lebendigkeit ihres Umfelds.
Diese gegensätzlichen Positionen unterscheiden sich vor allem hinsichtlich ihrer Einschätzung der Fähigkeit von Gesellschaften, das Potenzial wachsender Vielfalt konstruktiv zu nutzen. Wovon genau diese Fähigkeit abhängt, ist noch unzureichend erforscht. So wissen wir relativ wenig über soziale Interaktionen in multi- kulturellen Milieus oder darüber, wie diese vom Einzelnen erlebt werden und sich auf das Denken und Handeln auswirken. Systematische, vergleichende Studien, die unterschiedliche Konstellationen und Kontexte berücksichtigen, sind nach wie vor Mangelware: Unter welchen Bedingungen spielen Migrationshintergründe und ethnische Zuschreibungen eine Rolle für das gesellschaftliche Miteinander? Was sind die Mechanismen, durch die Heterogenität und etwa Vertrauen oder Kooperationsbereitschaft miteinander verknüpft sind?